Archiv für den Monat Februar 2013

Eine große Vision und die Last des Amtes

Steven Spielberg. Lincoln

Wenn eine historische Figur etwas zum Gründungsmythos der Vereinigten Staaten von Amerika beigetragen hat, dann war es Abraham Lincoln. Und wer schon einmal in Washington war und an dem prominentesten aller Plätze zwischen Capitol, Monument und der Linie zum Heldenfriedhof Arlington das Lincoln-Denkmal bewundern konnte, war noch mehr erstaunt über die Pilgerzüge von Afro-Amerikanern, die ihm dort die Ehre erweisen. Bei so viel Charisma post mortem wäre es eigentlich prädestiniert, dass ein Regisseur wie Steven Spielberg aus der Geschichte des schlaksigen Hünen ein Epos macht, bei dem einem die Ohren von tausend Fanfaren dröhnen. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall und das macht den Film zu einem wertvollen historiographischen Beitrag.

Historisch geht es um die Auseinandersetzungen über den 13. Verfassungszusatz im Januar 1865, mit dem Lincoln durchsetzte, dass die Sklaverei in der Verfassung gebannt wird. Eingebettet war die ohnehin hitzige Diskussion in das vierte Jahr eines auf allen Seiten ungeheuer verlustreichen Bürgerkrieges, der das Land zu zerreißen drohte und an dessen Folgen es bis heute laboriert. Spielbergs feine, mit spärlichem Licht arbeitende Inszenierung, die immer wieder die Beschwerlichkeit des 19. Jahrhunderts aufscheinen lässt, sei es in flackerndem Licht, in ausgelatschten Pantinen, in mit Dokumenten überladenen Tischen oder in der Enge der Räume, malt das Bild einer Persönlichkeit, die luzider und gleichzeitig brüchiger nicht sein könnte.

Der Abraham Lincoln des Films ist ein schlaksiger, eher magerer Typ, der in abgetragener Garderobe seinen Ideen nachhängt, der ein tief vom Glauben geprägtes humanistisches Weltbild pflegt, das er komplettiert mit euklidischen Weisheiten über die Gleichheit, der als blitzgescheiter Jurist die Winkelzüge der Politik auszutarieren weiß und der gleichzeitig zwischen Amt und Familie balancieren muss, wohl wissend, dass das Amt seiner Frau und seinen Kindern zu viel zumutet. Lincoln hat das Ohr am Volk, immer wieder sitzt er in Decken eingehüllt in irgendeiner Ecke und lauscht, bis er sich outet und brilliert durch seine Geschichten. Die Spielbergsche Inszenierung dringt vor an das Geheimnis der Popularität dieser Legende, die vorlebte, was sie von anderen verlangte, aber vor allem in der Lage war, die Geschichte zu erzählen, die dieses junge Land so nötig brauchte, das in dem Schicksalsjahr 1865 nicht nur sich selbst in das Zeitalter der Demokratie hievte, sondern auch dem europäischen Kolonialismus den spirituellen Todesstoß verlieh. Lincoln erzählte seinem Volk das Epos über sich selbst, er war der Sinnstifter schlechthin. Die vielen kleinen Anekdoten, die ein überzeugender Daniel Day-Lewis mit einem von Verantwortung und Anstrengung zerfurchten Gesicht erzählt, sind hinsichtlich ihrer Erzählweise höchst anrührend und von ihrem Inhalt weise und menschlich zugleich.

Ebenfalls gelungen ist das Einfangen der Debatten im Kongress, dort glänzt Tommy Lee Jones in der Rolle des die Sklaverei bekämpfenden Republikaners Thaddäus Stevens mit einer brachialen Rhetorik, die nahezu Sehnsüchte weckt in Anbetracht der dünnen Technokratenworte heutiger Tage. Jener Kongress, der am 31. Januar 1865 mit dem 13. Verfassungszusatz die Sklaverei abschaffte. Lincolns Schicksal sollte es sein, dass er nur noch drei Monate danach zu leben hatte, ehe er bei einem Theaterbesuch erschossen werden sollte.

Steven Spielberg ist ein Film gelungen, der durch Physiognomien und Worte besticht und der deutlich macht, wie beschwerlich es ist, etwas Neues und Großartiges zu gestalten.

Das Monster der Simplifizierung und die wachsende Redundanz seiner Entlarvung

Frank Schirrmacher. Ego. Das Spiel des Lebens

Eines muss man ihm zugestehen: Frank Schirrmacher drückt sich nicht vor den großen und vor allem emotionsbeladenen Themen unserer Zeit. Ob es der Methusalem-Komplott war, als er uns den Spiegel der Überalterung vorhielt, Payback, als er mit dem Zeigefinger auf die schleichende Herrschaft der digitalen Technologien verwies, oder die Fragen, die er aufwarf nach der Zukunft des Kapitalismus und die Anklage des Menschenhandels in Zeiten der Globalisierung, oder der riskante Vergleich zwischen Christentum und Islam, Schirrmacher scheute sich nicht. Der einstige jüngste Herausgeber einer so kapitalen Zeitung wie der Frankfurter Allgemeinen hat sich die Courage bewahrt. Nun kommt die logische Folge nach Payback, Schirrmacher rückt den Denkmodellen des digitalen Kommunikationszeitalters auf die Pelle.

Ego. Das Spiel des Lebens heißt sein neues Buch, das er nicht umsonst beginnt mit einem Foucault-Zitat, in dem es heißt: Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein. Damit ist die emotionale Sphäre des gesamten nachfolgenden Textes beschrieben. Schirrmacher teilt seine Untersuchung in zwei Leitkapitel auf, das erste beschäftigt sich mit der Optimierung des Spiels, das zweite mit der Optimierung des Menschen.

Grundidee Schirrmachers ist die Analyse des immer weiter optimierten Denkmodells über den homo oeconomicus und die Geschichte der Migration von Naturwissenschaften aus der militärischen Forschung in die Zentren des Finanzkapitals. Der Autor beschreibt die bereits in den fünfziger Jahren entwickelte Spieltheorie, die den Strategen des Pentagon diente, um die Szenarien eines Atomkrieges respektive seiner Verhinderung auszutarieren. Idee war es, im Gegenüber die Inkarnation des Schlimmen und Egoistischen anzunehmen, um das eigene Spiel möglichst erfolgreich zu Ende führen zu können. Die Annahme des homo oeconomicus als universalen Prototypen für Programmierung wie Interpretation menschlichen Verhaltens hat in der Tat eine lange Tradition und wurde nach der Auflösung des Ost-West-Konflikts zu einem zentralen Paradigma in der Modellierung des heutigen Kapitalismus. Und tatsächlich ist die dahinter verborgene Denkweise auch mitverantwortlich für die Exzesse der Börse bei ihrem unverantwortlichen Hasard.

Das Kapitel über die Optimierung dieses Spiels in Ego umfasst 200 Seiten. Trotz zutreffender Beobachtung teilweise skandalöser Simplifizierung des menschlichen Modells wirken die vielen Beispiele, mit denen Schirrmacher seine These variiert und zu untermauern sucht, redundant und ermüdend. Das Gleiche passiert dann noch bei dem zweiten, immerhin noch achtzig Seiten umfassenden Kapitel über die Optimierung des Menschen. Trotz immer wieder wichtiger Beobachtungen und erhellender Enthüllungen wird man den Eindruck nicht los, es mit einem manischen Verfechter dieser Thesen zu tun zu haben, vielleicht sogar mit einem Missionar.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Frank Schirrmacher hat Recht und Mut, wenn er auf die verhängnisvolle Simplifizierung des Menschenbildes hinweist, mit dem die Physiker des Nuklearschlages ihre Verbrechen kaschieren wollten und wie die Vertreter dieser Branche, die mittlerweile in die Schaltzentralen des Finanzkapitalismus migriert sind, ihre modernen Raub- und Vernichtungszüge begründen. Das argumentative Maß ist allerdings bei dem Versuch, das schäbige Paradigma zu entkleiden, gehörig verloren gegangen. Nach dreißig Seiten hat man die durchaus vorhandene Komplexität der Botschaft begriffen. Die weitere Lektüre ist ermüdend. Irgendwie ein Kunststück, bei der Brisanz der Botschaft und der Erkenntnis aus der Beobachtung!

Eine tiefe Sehnsucht nach der Antike

Chris Potter. The Sirens

Wenn einer zu den großen Hoffnungen und Potenzialen des amerikanischen Jazz gehört, dann ist es Chris Potter. 1971 in Chicago geboren und im Südstaat South Carolina aufgewachsen, schaffte er es, nachdem er sich auf Tenor- und Sopransaxophon festgelegt hatte, zum richtigen Zeitpunkt nach New York City. Obwohl er bei zahlreichen Alben als Arrangeur und Bandleader verantwortlich zeichnete und auf den erlesenen Jazz-Festivals dieser Welt als ein Gast von exzellenter Güte geschätzt wird, hat er bis heute nicht die Popularität eines Joshua Redman erreicht. Woran es auch immer liegen mag, an der Qualität seiner Technik oder der Exzellenz seiner Improvisationen kann es nicht liegen.

Mit seinem ersten Album unter eigenem Namen bei dem Nobel-Label ECM macht Chris Potter nun einen Aufschlag, der vom Anspruch nicht geringschätzt werden darf. Mit The Sirens hat er sich nichts weniger vorgenommen als eine Analogie auf die Gliederung der Odyssee. Mit Wine Dark See eröffnet er diese Reise nicht nur thematisch, sondern verweist auf die lyrischen Qualitäten seiner Interpretation. Wayfinder setzt an diesem Punkt die Reise fort, mit einer irrwitzigen Kommentierung durch den Pianisten Craig Taborn, der die Legende in der Weise einer Moritat inszeniert. In Dawn produziert Chris Potter mit seinen Akkordfolgen die ganze Melancholie bei der mentalen Vorbereitung auf die Reise. In The Sirens ist die Odyssee bereits in vollem Gange und Chris Potter gelingt es durch den epischen Einsatz der Bassklarinette das Unheilvolle zu unterstreichen. Penelope wirkt dagegen, erzählt mit dem Sopran, wie eine Anekdote, die von der Schwere des Ungewissen befreien soll. Hier demonstriert Eric Harland mit seinen genialen Zäsuren und Breaks, was für ein Ausnahmeschlagzeuger sich hinter seinem Namen verbirgt.

Kalypso, analog intoniert wie die besten karibischen Weisen eines Sonny Rollins und wiederum mit Esprit inszeniert durch Eric Harland, lässt die antike Reise für einen Moment vergessen, oder besser gesagt, sie weist auf die Interpretation hin, dass die Odyssee nicht nur eine Metapher für fremde Welten, sondern auch für unbekannte Zeiten ist. Nausikaa vermittelt wiederum das ungläubige Erstaunen vor dem neu Entdeckten und löst sich folgerichtig win einer Art rhythmischen Verwirrung auf. Bei Stranger At The Gate intoniert Larry Grenadier am Double Bass das Unheil und bei The Shades, dem Finale, ertastet David Virelles an diversen elektronischen Tasteninstrumenten tonal den unerblickten Kosmos.

Chris Potters The Sirens ist eine sehr esoterische Veranstaltung, gekonnt, technisch exzellent, intellektuell und in hohem Maße verschlüsselt. Die der Odyssee entlehnte Gliederung scheint ein Ausdruck für die große Sehnsucht nach der Sinnvermittlung aus der Antike zu stehen. Da wird aus dem Jazz ein Derivat der Weltmusik und nicht umgekehrt und es drängt sich die Frage auf, ob nicht die tonale Welt der antiken Odyssee so geklungen haben könnte. Wer sich derartige Fragen stellen will, der hat in The Sirens eine extrem inspirierende Vorlage gefunden. Chris Potter selbst wird es nicht helfen, den Durchbruch zu schaffen. Das mag man bedauern, vielleicht ist es aber auch eine Bereicherung für all diejenigen, die der leichten Kost überdrüssig sind.