Archiv für den Monat März 2013

Besessen und jenseits aller Maße

John Coltrane. Giant Steps

Im Frühjahr 1959 war die Zeit reif für eine neue Revolution. Im April dieses Jahres hatte Miles Davis mit seinem Quintett, dem auch John Coltrane angehörte, in nur einer Woche das legendäre und bis heute unerreichte Album Kind of Blue aufgenommen und damit dem die Jazzwelt bereits auf den Kopf gestellten Bebop die finalen Grenzen aufgezeigt und mit der neuen Form des modalen Jazz neue Horizonte eröffnet. Nur einen Monat später, im Mai, ging besagter John Coltrane mit einer eigenen Formation ins Studio und nahm seine erste Platte für das Label Atlantic auf. Der Name war Programm und Fanal zugleich. Mit Giant Steps vollzog John Coltrane einen grandiosen Wandel der Spielweise. Das, was der Musiker auf diesem Album zum Besten gab, gilt bis heute als das Maß eines jeden Tenorsaxophonisten. Und zwar eines, das heute, mehr als fünfzig Jahre danach, nur wenige erreichen.

John Coltrane, der Maniak, der seine Musik lebte und dabei verbrannte, der das 41igste Jahr nicht überlebte, schlug mit damals 33 Jahren eine neue Seite des Jazz auf, die den Raum öffnete für eine andere Dimension der Interpretation. Jenseits der bekannten Skalen und Akkordfolgen entfleuchte er den bekannten Markierungen mit deutlichen Akzenten, deren Intervalle er mit wieselflinken Skalierungen und melodiösen Exkursen ausfüllte, um zu den standardisierten Räsonnements zurückkehren zu können. Mit insgesamt sieben Titeln, von denen wiederum 5 Alternate Takes auf dem Album vorliegen, schuf er ein Programm an Blaupausen, die jeden übenden Meister bis heute durch ein Feuerbad der Anstrengung gehen lassen.

Giant Steps, nach dem das Album benannt ist, beginnt mit einer tonalen Folge, die, analog zu vielen Motiven des Bebop, eine schlichte Struktur generiert, die durchbrochen wird von rasenden Soli, die die Akkorde in neue Beziehungen zueinander setzten und das Gemächliche der riesenhaften Schritte in ein Chaos stürzt, das den Horizont des Gedachten in seiner Komplexität erahnen lässt. Cousin Mary beginnt nach dem gleichen Muster, überzeugt danach allerdings nicht durch höllisches Tempo, sondern durch eine Lehrstunde über improvisatorische Melodieentwicklung. Countdown, ein ungewöhnlich kurzes Stück, beginnt mit einem kurzen Solo des Schlagzeugers Lex Humphries, der sich dann zurücknimmt und ein rasantes Tempo mit den Becken hält, um Coltrane für eines seiner später so typischen Soli ein Maß zu bieten, das der Hörer braucht, um sich rückversichern zu können, dass überhaupt noch eine Bemessung möglich ist. Das folgende Spiral ist von der Bauweise ähnlich wie Giant Steps und Cousin Mary, jedoch belässt es Coltrane bei lyrischen Hinweisen, die symptomatisch sind für die große Fähigkeit der modalen Spielweise zu tiefer Melancholie. Syeeda´s Song Flute zitiert das melodisch Infantile des Bebop, um es modal zu hinterfragen. Naima, die einzige Ballade, deutet an, was der spätere Coltrane an Schwere und Stille produzieren konnte. Hier überzeugen auch die Erklärungen Wynton Kellys am Piano und die Akzentuierungen Paul Chambers am Bass. Mr. P.C., das letzte Stück, wirkt wie eine atemberaubende Suche nach dem finalen Ton, der sich dann nur entpuppt als eine Eröffnung zu neuen Wegen.

Coltranes Giant Steps ist ebenso revolutionär wie Davis´ Kind of Blue. Es zeigt das Potenzial eines außergewöhnlichen Musikers, der in den kommenden acht Jahren, die er noch zu leben hatte, noch weitere Innovationen wie die Öffnung zum Free Jazz in Angriff nehmen sollte. Coltrane sprengte jedes Maß, auch das, welches er selbst irgendwann gesetzt hatte.

Wachsende Pluralität der Legitimation

Das, was sich medial mit dem recht unpassenden Begriff des Wutbürgers etabliert hat, ist nicht nur zu einer flächendeckenden Erscheinung gereift, sondern auch Symptom einer groß angelegten Initiative zur Unterminierung der politischen Legitimation einer konstitutionell definierten Demokratie. Parteien, Kandidaten, Mandate und demokratisch verfasste Organe wie Gemeinderat, Landtag oder Bundestag mit ihrer legislativen Gewalt und bindenden Autorität werden zunehmend geopfert zugunsten von Initiativen, die sich basisdemokratisch nennen, aber zunehmend nichts mehr mit Demokratie zu tun haben.

In der klassischen Betrachtungsweise der Demokratie, von John Hobbes über Rousseau bis hin zu Napoleons Code Civil ging es immer um Herrschaft. Marx wiederum war es, der daraus ein Klassenmodell machte, das historisch die herrschende Klasse zu einer immer größer werdenden Gruppe machte, die mit dem Proletariat die Auflösung von Herrschaft zur Folge haben sollte. Und tatsächlich wurde von der Sklavenhaltergesellschaft über den Feudalismus bis hin zur bürgerlichen Gesellschaft die Gruppe der Herrschenden immer größer. Trotz alledem existiert diese weiter, aber mit der bürgerlichen Demokratie wurde eine Modell der Legitimation von Herrschaft geschaffen, das bestechend ist. Die aus Wahlen hervorgegangene Mehrheit erhält die Herrschaft auf Zeit.

Das große Verdienst dieser Staatsform ist die Übung am Kompromiss und die Arbeit am Konsens. Letzterer kann und muss aber vor allem im Verständnis von demokratischen Werten und der Akzeptanz im System liegen und nicht in jeder zu verhandelnden Sache. Das Missverständnis darüber hat zu einer Demontage politischen Handelns geführt, jede Idee wird verwässert, jedes Ausrufezeichen des Punktes beraubt und jeder Originalität der Charme geraubt. Die politische Krise, die daraus folgte, hat zu einer Negation der Demokratie per se geführt. Da Mehrheiten für ein politisches Programm mit Kontur nicht mehr zustande kommen, drängt sich zunehmend die Versuchung auf, die Legitimation politischen Handelns zu pluralisieren und die eigenen Partikularinteressen über die Sache der Öffentlichkeit, die Res publica zu stellen.

Daraus entstanden sind Initiativen, die sich mit einer lakonischen Note die Legitimation aus dem Bedürfnis der Beteiligung geben und einem schwächelnden politischen System die Kompetenz absprechen, sachgerecht handeln zu können. Die Initiativen, die aus dieser Bewegung entstehen, kommen mittlerweile daher wie in düsteren Zeiten die fünften Kolonnen. Und ihre Ansinnen sind in der Regel keine, was von einem demokratischen System im herkömmlichen Sinne nicht geregelt werden könnte. Die Argumente und der Sachverstand, mit dem diese Initiativen zuhauf daherkommen, sind derartig abenteuerlich, das zunächst nur Scham aufkommen kann. Sie heben sich zudem qualitativ nicht ab von der schwächelnden Politik, weil sie genauso wenig politisch, und noch mehr auf die Sachlösung konzentriert sind. Politik im Sinne der europäischen Emanzipation ist immer Strategie und Handlungsspielraum, Politik in der Krise wie wir sie von vielen Seiten erleben ist Sachbearbeitung.

Die so genannte Bereicherung der Demokratie durch die Basis ist zumeist eine Scharlatanisierung der Politik und die Umformung der Politik auf die strategische Dimension eines Einpunktstrahlers. Kleinmütiger, intoleranter, unpolitischer und asozialer als die sich selbst feiernden Abstauber eines kritisch zu sehenden Gemeinwesens, das großer politischer und sozialer Veränderungen bedarf, kann es kaum noch zugehen. Ob es alternde Porschefahrer sind, die Infrastrukturprojekte verhindern wollen, weil sie ihre schöne Aussicht stören, ob es durchgeknallte Vertreter des modernen Schamanismus sind, die gegen technologische Forschung mobilisieren, ob es die Inquisitoren des politisch Korrekten sind, die für Friedhofsruhe im politischen Diskurs sorgen oder Investoren aus dem ökologischen Lager, die in Alternative Energien mit staatlich verbürgten Renditen investieren und diese Form des Staatskapitalismus nicht als Korruption, sondern als Zukunftsmodell zu verkaufen suchen: sie beschleunigen die Legitimationskrise und lösen sie nicht.

Korruption und Daumenschraube

Nicht wenige sind irritiert über die kritischen und zuspitzenden Stimmen in Südeuropa hinsichtlich der deutschen Rolle im Konsortium derer, die erklären, den Euro als Währung und damit die Europäische Union retten zu wollen. Gerade in den letzten Tagen, als es um den drohenden Staatsbankrott Zyperns ging, tauchten wieder Plakate auf, die vor allem Kanzlerin Merkel als logische Nachfolge der deutschen Nazis darstellen. Zuvor war so etwas schon in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal passiert. Historisch und politisch ist dieser Vergleich unsinnig, aber zu denken sollte er schon geben.

Die Volatilität des Euros begann mit der Weltfinanzkrise im Jahr 2008, erstaunlicherweise zunächst zu seinen Gunsten gegenüber dem Dollar. Da dachten schon viele, der Zeitpunkt einer neuen Weltwährungshegemonie sei nahe, bevor man entsetzt feststellen musste, dass der europäische Binnenmarkt derartig a-kongruent aufgestellt war, dass er unter dem Fehlen eines möglichen Stretchings zwischen verschiedenen Währungen so litt. Der Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften wie in Griechenland war die Folge.

Die deutsche Binnenpolitik unter dem damaligen Gespann Merkel-Steinbrück setzte auf vertrauensbildende Maßnahmen, die sich in Slogans wie „Das Sparbuch ist sicher“ und auf Rettungsaktionen der gesamten Bankenbranche Ausdruck verschaffte. Mit der rücksichtslosen Verwendung von Steuergeldern wurden vor allen die Verluste aus finanzkapitalistischen Zockergeschäften der staatlichen Banken ausgeglichen. Obwohl wieder einmal Volksvermögen in gigantischen Ausmaßen verbrannt wurde, regte sich in Deutschland kein Widerstand.

Als Griechenland in die Knie ging, änderte sich die deutsche Position. Um die Schulden dieses und später folgender südeuropäischer Länder gegenüber den Banken des Zentrums zu begleichen, konnte diesmal nicht auf große Kapitalmengen des Volksvermögens zurückgegriffen werden. Diesmal ging es, unter dem Druck der Merkel-Administration wie der immer präsenten Weltbank, ans Eingemachte, d.h. staatliche Leistungen und Ausgaben wurden in den zu schnürenden Sanierungspaketen zu einem zentralen Punkt. Das Ausmaß der Staatsausgaben wurde dabei von den Sanierern skandalisiert, obwohl sie diese Margen bereits beim Eintritt in die Währungsgemeinschaft gekannt und nie moniert hatten.

Die Doppelbödigkeit, mit der im Falle Griechenlands bereits argumentiert worden war, bekam auf Zypern noch eine andere Dimension. Da wurden nicht nur Staatsausgaben, sondern das gesamte Geschäftsmodell skandalisiert. Einer auf Steuervorteile und ein liberales Bankwesen setzende kleine Republik, die sich tatsächlich – vor allem durch Investitionen nach Griechenland! – verspekuliert hat, nun zu raten, sein Heil in der industriellen Werteproduktion zu suchen, ist an Zynismus nur noch durch die Nonchalance zu überbieten, den Eigenanteil an den Sanierungskosten über die Sparkonten der Kleinanleger anzuraten, wie dieses in den ersten Tagen der manifesten Krise geschehen ist. Wenn sich dann noch ein Bundesfinanzminister dahin gehend zitieren lässt, dass es wie in der Schule auch in diesem Falle Neidgefühle der Schlechteren gegenüber den Besseren gebe, dann sollten aus der Emotionalität heraus erzeugte Übertreibungen nicht auch noch dazu genutzt werden, um die Stimmung hierzulande gegen die Zyprioten anzuheizen.

Die Szenarien, die wir in den Fällen Griechenland, Spanien, Italien, Portugal und nun Zypern erleben, sind vom Webmuster vergleichbar. Das ihnen zugrunde liegende Schema beginnt mit einer Erleichterung zum Geldkonsum und endet in der Schuldknechtschaft. Ob das noch so friedensstiftend wie immer behauptet wird ist, wird sich noch zeigen. Und ob die Galionsfiguren der Sanierung die Stimulans erhöhen, nationale Souveränität merklich zugunsten des europäischen Zentralmonsters aufzugeben, ist mehr als fraglich.