Imperiale Absurditäten und dekadente Lebensstränge

William Boyd. Waiting For Sunrise

Seit Jahren gilt William Boyd als einer der packenden Erzähler aus der englischsprachigen Welt. Vor allem mit Romanen wie Restless, Any Human Heart und Ordinary Thunderstorms stürmte er die Charts. Boyds Stil und seine Sujets heben sich wohltuend ab von dem ganzen Trash des Mainstreams, bei dem man sich oft die Frage stellt, inwieweit die Nennung des Autorennamens überhaupt noch eine Rolle spielt. Dennoch gehört Boyd nicht zu den Geheimtipps einer esoterischen Lesegemeinschaft, deren Qualitätsmerkmal leider zu oft in dem Paradoxon besteht, dass etwas schwer lesbar sein muss, um Qualität zu garantieren. Mit seinem neuesten Roman „Waiting For Sunrise“ ist William Boyd aufgrund des ausgewählten Sujets über die Lesbarkeit hinaus noch ein weiterer Qualitätszuwachs gelungen.

Die Handlung des Romans beginnt 1913 am Vorabend des I. Weltkrieges in Wien. Lysander Rief, ein junger englischer Schauspieler mit einer österreichischen Mutter, hält sich in Wien auf, um mittels einer psychoanalytischen Therapie ein Leiden kurieren zu lassen, das auf eine frühkindliche Traumatisierung zurückzuführen ist. Mit dieser Konstellation beginnt eine Erzählung, die es an kulturellen und politischen Botschaften in sich hat. Lysander Rief entdeckt eine neue Welt, die die Trächtigkeit des alten Europas spürbar werden lässt. Die bereits Gefangene Leserschaft erhält Hinweise über den aufkeimenden Methodenstreit innerhalb des psychoanalytischen Lagers, über die Rolle der Kunst und des Kunstbetriebes mit seinem Freiheitsdrang und seiner Libertinage am Vorabend der europäischen Selbstzerstörung, über die inneren Werte des alten Militärs, über die Bigotterie und lustbetonte Schattenwelt sowie über den klandestin wuchernden Dschungel der europäischen Geheimdiplomatie.

Lysander Rief schlittert in sein eigenes Abenteuer ohne sonderliches eigenes Zutun hinein, er avanciert vom staunenden Zuschauer, das genutzte Werkzeug bis hin zum handelnden Subjekt. Das Psychogramm des Protagonisten ist glaubhaft, weil Rief für seine jeweilige Naivität hohe Preise bezahlt, er aber andererseits in der Lage ist, aus seinen Kalamitäten zu lernen. Insofern handelt es sich bei Boyds Hauptperson in diesem Roman um ein lernendes Objekt inmitten einer einstürzenden Welt. Die anderen Figuren wirken in diesem Panoptikum wie die Charaktermasken der verschiedenen, sich errichtenden Strömungen eines apokalyptischen Sogs. Hettie Bull, die lustvolle, ruchlose Maitresse des Kunstbetriebs, Munro und Fyfe-Miller, mediokre Geheimdienstbeamte, die allerdings das Handwerk der Misstrauensbildung perfekt beherrschen, der homophile Onkel Hamo, der das alte koloniale Großbritannien mit seinen Werten und Loyalitäten ebenso überzeugend repräsentiert wie seine Mutter, Lady Faulkner in zweiter Ehe, die tragisch für die Beobachtung steht, wie das imperiale Säbelrasseln die feminine Ordnung des alten Europas zerstörte.

Waiting for Sunrise ist trotz allem nicht der Thriller, als der er vermarktet wird. Er ist mehr, weil es Boyd zwar gelungen ist, eine Grundspannung zu erzeugen, die sich durch die gesamte Handlung zieht, aber dennoch eine zurückgelehnte, epische Betrachtungsweise weiter zulässt und sogar einfordert. Die kriminalistische Konstruktion ist nicht so stark, als dass der Leser mit ihr auskäme. Wer sich nicht für die ungeheuer komplexen Themen wie die Psychoanalyse, den Kunstbetrieb und die Geheimdiplomatie interessiert, sollte das Buch nicht in die Hände nehmen. Der Plot ist nicht die Enttarnung eines innerhalb der britischen Kriegsmaschinerie agierenden Verräters, sondern die Entzauberung des alten Europas hinsichtlich seiner imperialen Absurditäten und dekadenten Lebensstränge. Und es keimt die Ahnung auf, dass der ersehnte Aufgang der Sonne gewalttätiger werden sollte als ihr Untergang.

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