Preußens Renaissance

Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland sonnt sich in gesichertem statistischem Material. Alle erhobenen Daten sprechen für das Land im Zentrum Europas, von der Arbeitslosenquote bis zur Geldwertstabilität, vom Bruttosozialprodukt bis zu den Steuereinnahmen: Des Michels Hütte ist das Paradies Europas. Kanzlerin wie Finanzminister strahlen um die Wette, wenn es darum geht zum Ausdruck zu bringen, wie groß die wirtschaftlichen Erfolge sind. Und zynisch sind sie sogar zusammen mit der Opposition, wenn es gilt, die anderen Politikstile, Geschäftsmodelle und Volkswirtschaften Europas zu diskreditieren. Während der Gegenkandidat gewählte Volksvertreter Italiens gleich im Plural als Clowns bezeichnet, zieht der Finanzminister den Vergleich mit der Schule: Da sei es auch immer so gewesen, dass die Schlechteren neidisch auf die Besten waren.

Wie vieles dazu kam, wie es ist, dazu bedarf es keiner langer Erklärungen: Von Produktivität, Infrastruktur, Workforce und Geschäftsmodell sehr unterschiedliche Länder wanderten in eine Währungsunion, um den Europagedanken zu schützen vor der befürchteten deutschen Hegemonie. Das alles hing vor allem mit der deutschen Einheit zusammen, und viele Nationen Europas stimmten dem Wahnsinnsprojekt Euro zu, um den Deutschen nicht die Einheit zu verhageln.

Doch dann exportierten die Deutschen mittels ihrer Banken erst einmal Geld in großen Mengen an die Peripherie, wo sie es als Billigkredite an Empfänger pressten, die gar keine Sicherheiten anzubieten hatten. Die, einmal das unverhoffte Geld in der Hand, kauften vor allem Güter aus der Deutschland AG, vor allem Infrastruktur und Rüstung. Als es daran ging, die Kredite zurückzuzahlen, gingen diese Länder in die Knie und wurden gestützt durch so genannte Hilfsfonds, die mit hiesigen Steuergeldern den Banken ihre Kredite zurückbrachten. Den Völkern Südeuropas hingegen droht die Schuldknechtschaft. Letztere haben das Spiel durchschaut und sie bereiten – zunehmend kämpferisch – den Kampf für eine nach Verursacherprinzipien definierte Gerechtigkeit oder ihren Abschied aus dem europäischen Bündnis vor. Das zunehmend preußisch-zentralistische Berlin mit seinen Hegemonialgedanken schert sich um diese Tendenzen wenig.

Was bei der Ausplünderung ganzer Regionen Europas auffällt, ist die wachsende Bereitschaft zum Kampf gegen die Dominanz des deutschen Finanzkapitals und das Ausbleiben eines wie auch immer gearteten Widerstands gegen die zunehmend vollzogene Enteignung von Volksvermögen im Zentrum selbst. Betrachtet man die Vorboten des Wahlkampfes 2013, dann kann es einem so vorkommen, als sei alles bestens geregelt. Das einzige Thema, das die Gemüter erhitzt ist das der gerechten Verteilung. Distributionsdebatten jedoch haben nie die Zukunft von Gesellschaften definiert, sondern sie waren die Scheidepunkte zu ihrem Niedergang.

So, als profitierte die deutsche Entität en gros von den Plünderungszügen durch Europa, verhält es sich dann auch mit dem Widerstand. Anstatt die Ursachen für exterritoriale wie heimische Armut zu benennen und politisch zu bekämpfen, gelingt es der ökonomischen Kriegspropaganda, die Armen des eigenen Landes auf größtmögliche Beute bei den europäischen Zügen hoffen zu lassen, um dann über gesättigte Sozialhaushalte den Müßiggang der Entrechteten im eigenen Land mitfinanzieren zu können. Das ist nicht nur geschmacklos und dekadent, sondern ein ernst zu nehmendes Zeichen in zweierlei Hinsicht: Diejenigen, die sich seitens der Verlierer auf ein derartiges Spiel einlassen, werden mit den jetzt Herrschenden untergehen und letztere haben bereits heute jegliches Gefühl dafür verloren, was sie mit ihrem rigorosen wirtschaftlichen Vorgehen in Europa an mühsam entstandenen Gemeinsamkeiten bereits wieder zerstört haben. Wohin man sieht, von Aufklärung keine Spur. Der negative, nur durch die Macht definierte preußische Geist ist zurück.

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2 Gedanken zu „Preußens Renaissance

  1. Dr. Hartwig Maly

    Ebenso wahre wie unangenehme Analyse. Schade, waren die südeuropäischen Volkswirtschaften so dankbare Projektionsflächen für deutsche Schuldzuweisungen und Überheblichkeiten.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Ja, ich erinnere mich noch an die entsetzten und belustigten Berichte von deutschen Arbeitern, die aus dem italienischen Rimini oder von der spanischen Costa Brava zurück kamen und von der lausigen Arbeitsmoral dort sprachen. Heute habe ich meinerseits den gegenteiligen Eindruck!

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