Das Leistungsprinzip und die Demokratie

Der ehemalige Trotzkist und Erfolgsjournalist Christopher Hitchens, der in London seine Karriere begann und dann über New York nach Washington wechselte, schreibt in seinen lesenswerten Memoiren, dass irgendwann Ende der siebziger Jahre etwas geschah, das ihn sehr beunruhigte und als unheilvolle Geschichte endete. Als politisch engagierter Mensch wohnte er vielen Versammlungen und Demonstrationen bei und irgendwann, so berichtet er, begannen die Sprecherinnen und Sprecher zu Beginn ihrer Diskussions- und Redebeiträge darauf hinzuweisen, welcher sozialen Klasse, welcher Ethnie und welcher Minorität sie angehörten. Sie machten das in einer Weise, so Hitchens, als sähen sie es als ein Verdienst per se an, dass dieses so sei. Christopher Hitchens, der natürlich aus einer protestantischen Familie stammte, konnte das nicht einfach so zur Kenntnis nehmen. Diese Tendenz, die Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrtausends begann, hat einen Verlauf genommen, der die Grundfesten der Leistungsethik außer Kraft setzen und das Revolutionär-Transitorische der Existenzphilosophie ad absurdum führen sollte.

Das, was Hitchens als ein erstes Symptom mit Entsetzen registrierte, ist heute Standard. Die Schriften und Handlungsmaximen der Integrationsindustrie gehen ebenso davon aus wie die Projekte zur Ausarbeitung einer Politik der Diversität. Unterschwellig, aber ohrenbetäubend, wird mit jedem Atemzug suggeriert, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer von einem Zustand beschriebenen Gruppe ein Verdienst an sich sei. Eine Beziehung zu erbrachten Leistungen wird nicht mehr hergestellt. Und da es so selbstverständlich wie gebräuchlich geworden ist, und da der psychotische Umgang mit der politischen Korrektheit nur ein Symptom dafür ist, dass auf dem Gebiet der Integration und Diversität außer einer verbalen Schreckensherrschaft wenig erreicht und geleistet wurde, sei hier die Unverfrorenheit erlaubt zu fragen: Ist es ein Verdienst, eine Frau zu sein? Ist es ein Verdienst, nicht in der Bundesrepublik Deutschland geboren zu sein? Ist es ein Verdienst, homosexuell zu sein? Ist es ein Verdienst, ungebildet zu sein? Ist es ein Verdienst, gehandicapt zu sein?

Einmal den Mut besessen und die Fragen tatsächlich offen und einfach formuliert, kommt man schnell zu dem Schluss, dass tatsächlich, wie von Hitchens vor über vier Jahrzehnten bereits gefürchtet, etwas furchtbar schief gelaufen ist. Es geht gar nicht um die Zielgruppen, sondern um die Ent-Demokratisierung der Denkweise. Die Bewertung eines Zustandes, einer Neigung oder einer selbst nicht beeinflussten Geschichte führt fast ausnahmslos zu einem moralischen Urteil. Und dieses moralische Urteil bestimmt darüber, ob man sich auf der Sonnenseite des politischen Diskurses befindet oder das Reich der Dunkelheit bevölkert! Im Wesen handelt es sich dabei um eine Reinkarnation der Despotie, denn das Urteil ist willkürlich und das, was vor einigen Jahrzehnten noch als normal galt, als die Charakterisierung der großen Masse, ist heute bereits ein Stigma. Und das, was damals als Stigma galt, ist heute eine Referenz von Gewicht.

Ob man es will oder nicht, die Aufhebung des Leistungsprinzips führt politisch zurück in die finsterste Epoche der Willkürherrschaft und öffnet der Inquisitorenlogik Tür und Tor. Menschen an ihren Taten zu messen, das Diktum der Demokratie schlechthin, wird sogar tabuisiert und die Bewertung nach Herkunft und Geschlecht wird wieder etabliert. Unter diesem Gesichtspunkt, der übrigens absolut ist, kann das Urteil über die gängigen Ideologien der Diversität nur vernichtend sein: Wir sind umgeben von schwarzer Nacht, und das Licht der Aufklärung ist in weiter Ferne.

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