Archiv für den Monat April 2013

Große Gefühle, für die Ewigkeit bestimmt

Stan Getz Plays Bossa Nova

Der 1927 als Stanley Gayetzsky in Philadelphia geborene Sohn jüdischer Einwanderer sollte unter dem amerikanisierten Namen Stan Getz zu einem der erfolgreichsten Jazz-Saxophonisten seiner Zeit werden. Obwohl sein Leben einer Achterbahnfahrt gleichen sollte, das immer wieder negativ geprägt war durch Eskapaden und Ausfälle aufgrund seiner Heroinsucht und seines späteren exzessiven Alkoholismus, versagte er auf der Bühne nie. Musikalisch begann er als ein vehementer Verfechter des Bebop, bevor er sich immer weiter zum Cool Jazz entwickelte. Seine größten Erfolge erzielte er jedoch in seiner Latin-Phase. Dazu gehörten betörende Annäherungen an Samba und Bossa Nova. Mit der Einspielung des Titels Desafinado erlangte er eine langanhaltende Weltpräsenz. Getz, der zwischenzeitlich auch in Kopenhagen lebte und immer wieder die Clubszene in Paris aufmischte, hatte eine Affinität zu den musikalischen Entwicklungen vor allem in Brasilien.

Stan Getz Plays Bossa Nova ist nicht nur ein wunderbares Zeitdokument. Die Aufnahmen bestechen durch einfühlsame Arrangements und eine erstaunliche Tonqualität. Die insgesamt 18 Stücke entstanden zusammen mit dem Who Is Who des lateinamerikanischen Jazz mit Künstlern wie Luiz Bonfá, Antonio Carlos Jobim, Paulo Fereira, Edison Machado sowie Joao und Astrud Gilberto. Jede Einspielung für sich dokumentiert, welche großartige Konstellation da zusammengekommen war. Girl von Ipanema, Menina Moca, Só Danco Samba oder Sambalero weisen darauf hin, mit welcher Empathie es dem Nordamerikaner Getz gelang, die schlurfenden südamerikanischen Rhythmen zu untermalen, ohne ihnen die Dominanz zu nehmen. O Grande Amor ist eine bewegende Hymne an die einigende Diktion verschiedener Musikstile bei der Interpretation des universalen Themas. Besonders hier wird deutlich, wie sehr der Ton des Tenoristen alles hielt. Getz, dem böse zeitgenössische Stimmen nachsagten, er spiele nicht mit den gebräuchlichen Schilfblättern, sondern mit Türstoppern, gelang es eine Stabilität und Klarheit zu erzeugen, die eine ungeheure Kraft voraussetzten (für die Aficionados: Er spielte unlackierte Ricos der Stärke 5!!!).

Samba Triste und Corcovado untermauern noch einmal die ungeheure Kraft dezent artikulierter Melancholie und Manha De Carnaval ist eine einzigartige Inszenierung mit einem großen Bläsersatz und einer verblüffenden Regie, die Jim Hall mit der Gitarre gelingt. Alles, was sich dort so leicht und geläufig anhört, ist große Kunst, die Symbiose des portugiesischen Fados, der sich an den brasilianischen Stränden in die tropische Leichtigkeit gespült hat mit der technischen Brisanz des nordamerikanischen Big-Band-Jazz. Stan Getz bewegt sich wie immer mit einer Leichtigkeit über diesen Konstruktionen, die bis heute nicht erreicht ist. Und Samba De Uma Nota Só, live eingespielt, dokumentiert noch einmal, worum es dem großen Kommunikator zwischen den Kulturen ging: Die Fusion verschiedener Musiktraditionen mit dem amerikanischen Jazz.

Die vorliegenden Aufnahmen zeigen mehr als alle anderen Produktionen dieses erfolgreichen Tenorsaxophonisten, worin sein großes Verdienst lag. Stan Getz gelang es, die multikulturellen Traditionen, die den amerikanischen Jazz ausmachen, tatsächlich so zu vertonen, dass das Wesen des Genres nicht aufgegeben wurde, obwohl die es beeinflussenden Gene freigelegt wurden. Es sind kongeniale Arrangements musikalischer Brillanz, deren Zweck es ist, das Motiv voll zum Ausdruck zu bringen. Große Gefühle, die, auch wenn alle Anfang der sechziger Jahre irgendwo in New York City eingespielt, auf vielen Kontinenten für die Ewigkeit bestimmt sind.

Das Leistungsprinzip und die Demokratie

Der ehemalige Trotzkist und Erfolgsjournalist Christopher Hitchens, der in London seine Karriere begann und dann über New York nach Washington wechselte, schreibt in seinen lesenswerten Memoiren, dass irgendwann Ende der siebziger Jahre etwas geschah, das ihn sehr beunruhigte und als unheilvolle Geschichte endete. Als politisch engagierter Mensch wohnte er vielen Versammlungen und Demonstrationen bei und irgendwann, so berichtet er, begannen die Sprecherinnen und Sprecher zu Beginn ihrer Diskussions- und Redebeiträge darauf hinzuweisen, welcher sozialen Klasse, welcher Ethnie und welcher Minorität sie angehörten. Sie machten das in einer Weise, so Hitchens, als sähen sie es als ein Verdienst per se an, dass dieses so sei. Christopher Hitchens, der natürlich aus einer protestantischen Familie stammte, konnte das nicht einfach so zur Kenntnis nehmen. Diese Tendenz, die Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrtausends begann, hat einen Verlauf genommen, der die Grundfesten der Leistungsethik außer Kraft setzen und das Revolutionär-Transitorische der Existenzphilosophie ad absurdum führen sollte.

Das, was Hitchens als ein erstes Symptom mit Entsetzen registrierte, ist heute Standard. Die Schriften und Handlungsmaximen der Integrationsindustrie gehen ebenso davon aus wie die Projekte zur Ausarbeitung einer Politik der Diversität. Unterschwellig, aber ohrenbetäubend, wird mit jedem Atemzug suggeriert, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer von einem Zustand beschriebenen Gruppe ein Verdienst an sich sei. Eine Beziehung zu erbrachten Leistungen wird nicht mehr hergestellt. Und da es so selbstverständlich wie gebräuchlich geworden ist, und da der psychotische Umgang mit der politischen Korrektheit nur ein Symptom dafür ist, dass auf dem Gebiet der Integration und Diversität außer einer verbalen Schreckensherrschaft wenig erreicht und geleistet wurde, sei hier die Unverfrorenheit erlaubt zu fragen: Ist es ein Verdienst, eine Frau zu sein? Ist es ein Verdienst, nicht in der Bundesrepublik Deutschland geboren zu sein? Ist es ein Verdienst, homosexuell zu sein? Ist es ein Verdienst, ungebildet zu sein? Ist es ein Verdienst, gehandicapt zu sein?

Einmal den Mut besessen und die Fragen tatsächlich offen und einfach formuliert, kommt man schnell zu dem Schluss, dass tatsächlich, wie von Hitchens vor über vier Jahrzehnten bereits gefürchtet, etwas furchtbar schief gelaufen ist. Es geht gar nicht um die Zielgruppen, sondern um die Ent-Demokratisierung der Denkweise. Die Bewertung eines Zustandes, einer Neigung oder einer selbst nicht beeinflussten Geschichte führt fast ausnahmslos zu einem moralischen Urteil. Und dieses moralische Urteil bestimmt darüber, ob man sich auf der Sonnenseite des politischen Diskurses befindet oder das Reich der Dunkelheit bevölkert! Im Wesen handelt es sich dabei um eine Reinkarnation der Despotie, denn das Urteil ist willkürlich und das, was vor einigen Jahrzehnten noch als normal galt, als die Charakterisierung der großen Masse, ist heute bereits ein Stigma. Und das, was damals als Stigma galt, ist heute eine Referenz von Gewicht.

Ob man es will oder nicht, die Aufhebung des Leistungsprinzips führt politisch zurück in die finsterste Epoche der Willkürherrschaft und öffnet der Inquisitorenlogik Tür und Tor. Menschen an ihren Taten zu messen, das Diktum der Demokratie schlechthin, wird sogar tabuisiert und die Bewertung nach Herkunft und Geschlecht wird wieder etabliert. Unter diesem Gesichtspunkt, der übrigens absolut ist, kann das Urteil über die gängigen Ideologien der Diversität nur vernichtend sein: Wir sind umgeben von schwarzer Nacht, und das Licht der Aufklärung ist in weiter Ferne.

Der Geist von Kamtschatka

Irgendwie ist bei uns alles knorke. Während in anderen Ländern Europas die Staatsquote noch viel höher ist, oder die Politiker alle korrupt oder clownesk, oder die Geschäftsmodelle zu oberflächlich und so gar nicht nachhaltig, oder die Sozialsysteme viel schlechter und die Steuerloyalität ein Desaster, die Infrastruktur ein Fiasko und die berufliche Bildung ein Abklatsch unseres weltmeisterlichen dualen Systems, während all dem und noch viel mehr sind wir, wie eigentlich immer, die wahren Weltmeister. Das, was wir hier der Welt vormachen, kann man nirgendwo in dieser Güte so hautnah begutachten und in seiner Komplexität und Verwobenheit ist es noch einzigartiger. Schaut man auf die Berichterstattung von der Wirtschaft bis zum Sport, überall tummeln wir uns weltmeisterlich und nirgendwo ist ernsthafte Konkurrenz am Horizont. Da drängt sich doch die alt bekannte und so bewährte Formel auf, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll. Spaß beiseite: In unseren Medien meinen die das ernst.

Komisch, könnte der begriffsstutzige Otto Normalverbraucher da sagen, wenn das alles so ist, warum haben wir hier eigentlich so schlechte Stimmung? Ausländer, die das Land der Weltmeister besuchen, sind entsetzt über das Mienenspiel im Alltag. Straßenbahnen, die die Menschen morgens zu ihren Sensationsjobs bringen, sehen aus wie Loren in die Zwangslager von Kamtschatka, Fragen fremder Passanten nach dem Weg werden weggeschnarrt wie übertriebene Bitten von Häftlingen und zur Schau getragene gute Laune wird als öffentliche Provokation geahndet. Irgendwas, so muss man leider feststellen, scheint nicht zu stimmen im Himmel der Erstklassigkeit. Entweder ist das Selbstbild falsch, oder die Seele unheilbar krank oder beides.

Was dem geschulten Blick der Psychologen natürlich sofort ins Auge sticht, sind die Bacchanale des Größenwahns. Immer und immer wieder die Bemühung des Superlativs, Weltmeister, Weltmarktführer, Weltspitze. Und selbst, wenn man nicht das Privileg besitzt, zu reisen und zu vergleichen, fällt doch auch diese Art der Titulierung wie brüchiger Putz von der Wand, wenn man näher hinschaut. Die Infrastruktur hat längst bessere Zeiten gesehen, Innovationen werden systematisch verhindert, in der Bildung zeigen internationale Vergleiche, wo die ehemalige Kaderschmiede der Nobelpreisträger heute steht. Das Parteiensystem bietet längst keine Alternative mehr zu Zentralismus und Hyperregulierung, die Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger ist allerdings weltmeisterlich und die Anzahl der angemeldeten Patente, ob in China oder den USA, spricht eine andere Sprache. Selbst beim Fußball wird es lausig, wenn es darauf ankommt, und vielleicht hatte die spanische Zeitung El Pais nach dem Aus der Deutschen bei der Europameisterschaft 2012 über den Fußball hinaus Recht als sie schrieb, aus den arroganten Siegertypen vergangener Tage seien liebenswerte Verlierertypen geworden.

Was Meister ausmacht, ist nicht nur fachliches Können und Fertigkeiten, sondern auch eine soziale Kompetenz, die es möglich macht, in Konflikten Regeln einzuhalten und nie den distanzierten Blick auf sich selbst zu verlieren. Distanz ohne Emotion, Objektivierung trotz eigener Interessen, das sind meisterliche Tugenden, die dem Maulhelden fremd sind. Ein Meister reflektiert zunächst die eigenen Fehler, bevor er andere ins Visier nimmt und er geht mit sich weitaus strenger um als mit seinem Gegenüber. Es ist das, was man in der alten Sprache Demut nannte, das Wissen um das Privileg der eigenen Existenz und um die einfache Wahrheit, dass das Sein etwas immer wieder neu zu Leistendes ist. 2000 Lightyears from Home!