Lutz Schulenburg

Vor genau dreißig Jahren traf ich Lutz Schulenburg zum ersten Mal am Rande der Frankfurter Buchmesse. Ein damaliger Freund, der intensiv über die Figur Franz Jung forschte, hatte mir den Tipp gegeben und mich mit ihm bekannt gemacht. Mit ihm und Hanna Mittelstädt lernte ich ein kleines Verlagshaus kennen, das sich darauf verschworen hatte, all denen eine Stimme zu geben, die es entweder schwer hatten, weil die Amnesie des Faschismus sie aus dem Bewusstsein vertrieben hatte oder weil sie dem aktuellen Mainstream und seinen Herrschaftsfantasien widerstrebten. Schon damals, beim ersten Treffen in einem böhmischen Restaurant stachen die Fähigkeiten dieses Mannes ins Auge. Er war ein exzellenter Beobachter, der sich zunächst ein Bild machte von den Akteuren, mit denen er zu tun hatte und verstand es dann, die Menschen zusammen zu bringen, die aufgrund unterschiedlicher Temperamente und Fähigkeiten in der Lage waren, etwas zu bewirken.

Der Verlag, Edition Nautilus, damals noch in einer Wohnung in Bergedorf beheimatet, tat sich nicht mit Nichtigkeiten ab. Situationisten, Dadaisten und Surrealisten hatten dort ihre kleinen Reihen und Sondereditionen, Lutz arbeitete damals schon fieberhaft an der 12-bändigen Jung-Ausgabe, die voluminöse Biographie Buenaventura Durrutis, die Edition Nautilus war und blieb ein Verlag, der ein Zuhause wurde für die avantgardistische Kunst und für Theorie und Praxis der politischen Rebellion. Lutz Schulenburg und Hanna Mittelstädt gingen oft bis an den Rand des wirtschaftlich Machbaren und Vertretbaren. Lutz, der Kühle, Schlaksige aus dem hohen Norden, der so abgeklärt und bemessen wirkte, war ein Maniak, wenn es um seine Visionen ging. Immer wieder suchte er nach den Werken, die sich verkaufen ließen, um auch den Geldfluss in das Verlagshaus zu garantieren, mit hochkarätigen Krimis, die keinesfalls die Idee, die hinter dem Verlag stand, verrieten. Und als sei das für das kleine Team noch nicht genug, war es wiederum Lutz Schulenburg, der Franz Pfempferts Aktion wieder ins Leben rief und fortsetzte. Jene Zeitschrift, die 1911 gegründet worden war und erst mit der Nazi-Herrschaft endete, bezüglich der Autorenschaft und literarischen Qualität das wohl edelste Organ des rebellischen Deutschlands.

Lutz Schulenburg gehörte zu jenen Menschen, die man nicht immer sehen und treffen musste, um zu wissen, dass sie da sind, wenn die Situation es erforderlich machte. Manchmal lagen Jahre zwischen unseren Treffen, und wenn er sich dann hinsetzte und sich eine Zigarette drehte, dann war das Signal gegeben, für einen regen Austausch auf höchstem Niveau. Er war ein Gigant im Zuhören, stachelte das Feuer immer wieder an mit leichten ironischen Einwürfen und was man mit ihm vereinbarte, hatte Bestand. Lutz Schulenburg wußte, dass die Existenz etwas zu Leistendes ist. Das hat er mit seinem ganzen Leben vorgemacht, ohne jemals mit großer Geste darauf zu verweisen. Das hatte er nicht nötig. Sollte man für dieses Land mit seiner Geschichte nach positiven Referenzen gefragt werden, dann wäre Lutz Schulenburg mit seinem Charakter und seinem Wirken eine, die man ohne Bedenken geben könnte. Allen, die etwas auf das Selbstbestimmungsrecht des Individuums mit seiner sozialen Verantwortung geben und denen die wachsende Bürokratisierung und Bevormundung ein Gräuel sind, werden ihn sehr vermissen.

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