Der Wolf aus dem Baumwollfeld

Howlin‘ Wolf. Message To The Young

Das Klischee über den Bluesmusiker, der irgendwo aus dem Mississippi-Delta kam und dann als Tramp mit der Gitarre eines Tages in Chicago landete, trifft tatsächlich auf viele der bekannten Größen dieses Genres zu. Einer aber übertrifft das Klischee mit seiner Biographie noch bei weitem: Chester Burnett, besser bekannt als Howlin´Wolf. Der Riese, der mit seinen Bühnenauftritten für ungeheure Spannung wie Entladung sorgte, wurde tatsächlich in dem Dorf West Point im Bundesstaat Mississippi geboren. Und er endete vorerst auf den Baumwollfeldern als Arbeiter. Blues sangen sie dort alle, und ein Zufall wollte es, dass der spätere Howlin´Wolf Charlie Patton kennenlernte, der ihm vieles auf der Gitarre beibrachte und ihn mit zu Auftritten nahm. Howlin´Wolf, der Riese, vor dem sich viele fürchteten, der Mann mit der unverwechselbar rauen Stimme, tourte im Süden, gelangte nach Memphis, wo er sich als Musiker etablierte, bevor er erst 1952 als Vierzigjähriger nach Chicago ging, um dort vielen einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Bei dem Label Chess bekam er einen Vertrag. Seine größten Hits waren Smokestack Lightnin´und Spoonful, die zu den Klassikern des Blues gehören. Das Album Message To The Young, welches nun in überarbeiteter Form in einer guten Tonqualität vorliegt, wurde 1971, vier Jahre vor seinem Tod, bei Chess in Chicago eingespielt. Es umfasst schlicht acht Titel, die nicht den Howlin´Wolf vorstellen, den das nunmehr eigene Klischee einfordern würde. Es ist ein Bekenntnis des Veteranen zum Blues und seiner beständigen Fortentwicklung. Und darin liegt das Besondere dieses Albums: die Botschaft des Musikers an die Jüngeren besteht nicht in einem strikten Verweis auf die Tradition! Nein, indem Howlin´Wolf auf dem Album experimentiert, verweist er auf das Lebenselexier des Genres, das in der Weiterentwicklung besteht.

Natürlich ist da noch ein Klassiker, wie I Smell A Rat, der die derbe Konsequenz der Armut in seiner sinnlichen Form wiedergibt. If I Were A Bird ist insofern interessant, als das es auf der Gitarre eine Spielweise antizipiert, die später von Bands wie Led Zeppelin für das weiße Publikum kultiviert und zu einem Markenzeichen etabliert wurden. Message To The Young ist vom Blues-Schema der eigentliche Klassiker, was nicht sonderlich verwundern kann. She´s Looking Good ist ein prähistorischer, lupenreiner Funk, eingespielt mit einem Bläsersatz, den James Brown auch nicht abgelehnt hätte. Just As Long wiederum deutet an, dass Howlin´Wolf bis hin zu seiner musikalischen Reifung in Memphis nicht nur ähnliche Wurzeln wie B.B. King hatte, sondern die nur King zugeschriebene Spielweise der Gitarre genauso beherrschte, bei der der eindringlich klare Ton hervorsticht und die charakterisiert wird durch die atemberaubende Architektur der Pausen.

Message To The Young ist ein Album, das nicht die Klischees über Howlin´Wolf bestätigt, sondern eher seine Fähigkeit herausstreicht, sich und das Genre weiterzuentwickeln. Es empfiehlt sich, sich die einzelnen Stücke mehrmals anzuhören und auf sich wirken zu lassen, um die -man vergesse nicht das Aufnahmejahr 1971 – Entwicklungspotenziale und den Ideenreichtum identifizieren zu können. Der Wolf aus den Baumwollfeldern des Südens hatte wesentlich mehr zu bieten als seine sicherlich unvergessenen Hits. Bis zum Schluss hatte er einen Sinn für die Zukunft, und das macht ihn auch heute noch so hörenswert.

Advertisements

2 Gedanken zu „Der Wolf aus dem Baumwollfeld

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.