Die Transparenz und das kritische Subjekt

Dass Geschichte nie linear verläuft, bewies eine Kuriosität aus dem Osten. Ausgerechnet dort, wo man von einer Diktatur, ja einem Monolithen sprach, wurden zwei Begriffe geformt, die nicht nur in einem kausalen, sondern in einem kulturellen Zusammenhang stehen und die Welt verändern sollten: Glasnost und Perestroika, Transparenz und Umgestaltung. Michail Gorbatschow, der Mann, der aus den Reihen der mächtigen, gefürchteten KPdSU kam und ihr erster Mann wurde, fachte mit diesen beiden Begriffen ein Feuer an, das die Machtstrukturen der alten KP in lodernden Flammen aufgehen lassen sollte. Die Konstitutionsprinzipien der finsteren Hierarchie, Obskurantismus und eherne Gesetze der Macht, lagen mit Glasnost und Perestroika auf dem Schafott. Der Rest ist Geschichte. Die Sowjetunion existiert nicht mehr und mit ihrem Ende fühlte sich der Westen als die überlebende und damit überlegene Macht. Auch das ist mittlerweile relativiert, nicht nur durch das Schwächeln des ungezügelten Finanzkapitalismus, sondern auch durch das Erstarken eines gar nicht mausetoten Russlands und durch die ungeheure wirtschaftliche und politische Dynamik im pazifischen Raum.

Der kapitalistische Westen, der nach eigener Selbstwahrnehmung mittlerweile vom Industrialismus über die Dienstleistungsgesellschaft im Kommunikationszeitalter angekommen ist, sucht einmal wieder nach Prinzipien der sozialen Kohärenz. Diese wiederum findet er in den Konstitutionsprinzipien der Kommunikation selbst: Transparenz schafft nicht nur Vertrauen, sondern stellt auch eine Atmosphäre gemeinsamer Intentionalität her und bewirkt eine gesellschaftliche Gestaltung des Daseins. So zumindest die Theorie. Was das Herstellen von Transparenz anbetrifft, so ist diese Maxime nahezu zu einer Doktrin verkommen, die als Wert an sich zelebriert wird und in ihrer Exklusivität eher Frivolität als politischen Sinn verkörpert. Alles, was quasi als wichtige Information ins Netz gestellt wird, kommt daher unter dem Diktum einer für politische Entscheidungen unabdingbaren Voraussetzung.

Bei näherer Betrachtung ist das zumeist nicht der Fall. Selbst die unter großem Getöse kommunizierten Massendaten durch WikiLeaks haben nichts Neues hervorgebracht, das von politischer Virulenz gewesen wäre. Befeuert wurde die Sucht nach Gossip und das revolutionärste an Erkenntnis, welche die demokratische Urkraft der Massengesellschaft erreichte, waren Formulierungen von einzelnen Mitarbeitern des diplomatischen Korps, in denen Politiker A als Faulpelz und Madame B als begriffsstutzig oder bieder beschrieben wurden. Ob Menschen ihr Leben lassen mussten, weil die Position ihres Stützpunktes in Krisengebieten dieser Welt der Öffentlichkeit preisgegeben wurde, wissen wir nicht. Auf jeden Fall wäre es ein gerne in Kauf genommener Kollateralschaden auf dem Karriereweg des Julian Assange gewesen, dessen soziale Kompetenz amöbenhafte Dimensionen dokumentiert.

Die Ausgangsthese einstiger sowjetischer Altkommunisten, dass Offenheit und politische Transparenz zum Willen politischer Umgestaltung führen muss, trifft anscheinend nicht auf alle Gesellschaften gleichermaßen zu. Zumindest in der Bundesrepublik sind viele Veröffentlichungen, die wir der medialen Permissivität des Kommunikationszeitalters verdanken, nicht dazu prädestiniert, politische Veränderungen nach sich zu ziehen. Die Enthüllung der Massenkorruption im bayrischen Landtag zum Beispiel, wo 79 der insgesamt 187 Abgeordneten direkte Verwandte eingestellt haben, führt nicht zur Aufhebung der Immunität, Neuwahlen etc., sondern sie wird hingenommen als eine systemimmanente Funktionsstörung. Von einer eigenen politischen Gestaltungskraft geht anscheinend niemand mehr aus. Eher traut man einer Modifikation der steuernden Algorithmen. In einer Welt voller Objekte sucht man vergeblich das handelnde Subjekt. Da hilft auch keine Transparenz.

Advertisements

6 Gedanken zu „Die Transparenz und das kritische Subjekt

  1. muetzenfalterin

    Transparenz ist ein ziemlich schwammiger Begriff. Letztendlich kann man die meisten politischen Entscheidungen vermutlich gar nicht transparent machen. Und Transparenz allein (selbst wenn es sie geben könnte) macht ja die Machtstrukturen noch nicht obsolet, die viel komplizierter und unbewusster funktionieren.
    Handelnde Subjekte sehe ich schon. Nur fehlen mir diejenigen Subjekte, die statt Machthunger von einer Idee erfüllt sind, oder zumindest den Mut zu langfristigem Handeln aufbringen.

  2. Gerhard Mersmann Autor

    Um letzteres geht es. Mangelnde Bereitschaft zum Handeln ist in der Regel mit einer fehlenden Konzeption für die Zukunft verbunden. Es existiert ein großer Konsens darüber, was man nicht will, aber keine Vorstellung darüber, wohin die Reise gehen soll. Ich wehre mich noch dagegen, dieses Defizit exklusiv aus dem Biologismus namens Demographie erklären zu wollen. Aber vieles spricht dafür.

  3. monologe

    Es ist ja an diesen Angelegenheiten wie die des bayerischen Landtages nicht weiter erstaunlich, warum sie geschehen, sondern dass sie geschehen. Die Gründe sind überaus simpel. Hätte, bevor es herauskam, jemand behauptet, dass geschieht, was geschehen ist, es wäre ganz und gar „unglaublich“, „unmöglich“ gewesen, monströse, verantwortungslose Behauptung usw. Die volle Härte der Unschuld vom Landtag hätte den getroffen, der aus einem ganz einfachen Grund vermutet hat, dass es geschieht: die simplen Gründe dafür. Warum verschafft sich jemand Vorteile, Gewinn, ist unfair, Radfahrer, unlauter, egozentrisch, überheblich, selbstgerecht – warum ist einer Volksvertreter? Ist nicht jenes Verhältnis 79 zu 108 im bayerischen Landtag durchaus repräsentativ? Warum habens die 108, die keine Familienangehörigen angestellt haben, nicht getan? Man kann doch das Gefühl haben, dass gewisse „Politiker“ schon allein wegen ihrer Aura niemals von einem anständigen Menschen gewählt worden sein können. Nee, von 80 Millionen Volk ist knapp die Hälfte Politiker. Es können nur nicht alle gewählt werden. Es gibt einen Aufsatz von – na, ich nenne seinen Namen lieber nicht -, in dem er von dem Ziel träumt, den Staat abschaffen zu können, da er überflüssig geworden wäre. Das sei, wenn die Bürger aus eigenem Antrieb stets genau das täten, was der Staat, wäre er vorhanden, von ihnen erwarten würde. Er spricht von „Einsicht“ und „Vernunft“, „Bildung“, „Eigenverantwortung“, „Selbstkontrolle“, „Bewusstsein“ usw. Ich nehme an, der Verfasser war klug genug zu wissen, dass das immer Utopie bleiben wird. Aber Utopien sind oft ganz brauchbar, indem sie als Mohrrübe vor dem Esel hängen. In unseren „Demokratien“ scheint es jedoch schon halbwegs vollbracht: der Staat existiert irgendwie nur noch als Selbstverwaltungsorganisation, ein großer Teil seiner Repräsentanten fühlt ihn durch Immunität offenbar gar nicht mehr für sich selbst zuständig. Das trifft gewiss auch für einen großen Teil der Bevölkerung zu, der ihn nicht mehr anerkennt, nicht mehr respektiert, ihm misstraut, glaubt, dass dieses Land vom Staat zwar repräsentiert, aber längst nicht mehr regiert wird. Pardon, als Kommentar etwas viel. Ist halt ein großes Thema.

  4. politropolis.de

    Dein Vokabular entspricht nicht unbedingt demjenigen, das ich in meinem sozialen Umfeld im der ländlichen Diaspora gewohnt bin. Den Artikel finde ich gut, auch wenn meine Nachbarn keine Chance hätten, ihn zu verstehen. Allerdings denke ich, dass die hergestellte Transparenz im Kommunikationszeitalter dahingehend relativ belanglos ist, als dass sie den Menschen, die nun über Informationen verfügen nicht dazu verhilft, etwas an ihrer Lebenssituation verändern zu können. Die Entmachtung der Einzelnen ist nach meiner Beobachtung im umgekehrten Verhältnis zu dessen Zugang zu Informationen vorangeschritten, sodaß Selbstbestimmung usw. kaum noch gegeben ist, Während die Enteignung der Mittel- und Unterschicht in den westlichen Ländern beinahe abgeschlossen sein dürfte, werden „kritische Subjekte“ in diesem Zusammenhang Transparenz zwar nicht mehr missen wollen, aber in vielerlei Hinsicht als frustrationsstiftend empfinden.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.