Zum Wesen geheimer Dienste

Liegt er schon hinter uns, der Übergang in das Stadium der politischen Demenz? Angesichts der unglaublich naiven Erklärungen seitens der bundesrepublikanischen Medien und der politischen Öffentlichkeit in Sachen NSA läge es nahe, einen pathologischen Zustand zu bemühen. Alles andere ist schwer erträglich, aber so, wie es scheint, beginnt nun die Zeit, in der wir einen Begriff davon bekommen, in welcher Dimension die bereits stattfindende Desinformation der Bevölkerung durch die Vertreterinnen und Vertreter der demokratischen Organe tatsächlich präsent ist. Das Schauspiel der Empörung über die Aktivitäten geheimer Dienste ist jedoch dazu geeignet, den schweren Vorhang des bundesrepublikanischen Obskurantismus etwas zu lüften.

Das Wesen geheimer Dienste ist das Sammeln von Material, das dazu geeignet ist, die Entwicklung der Politik wie der Wirtschaft anderer Länder zu prognostizieren. Es handelt sich dabei um ein staatlich betriebenes Handwerk, das historisch gesichert existiert, seitdem es staatliche Organisation gibt, unabhängig von ihrer Form. Geheimdienstliche Tätigkeiten gab es vor und nach den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts bereits in einem nie geahnten Ausmaß und zum Teil haben die Legionen, die vor allem in den USA während des II. Weltkrieges in militärischen Sicherheitsdiensten unterwegs waren, für das gesorgt, was wir heute das Management-System moderner Konzerne nennen.

Die Bundesrepublik Deutschland ist mit ihren Nachrichtendiensten ebenso in der Welt unterwegs wie andere Länder, manches findet in beschaulicherem Milieu statt als in den USA oder gar als in Russland, wo es ein ehemaliger KGB-Chef zum Präsidenten gebracht hat. Was ein verzerrtes, aber sicherlich unter bestimmten Aspekten auch zutreffendes Bild von Geheimdiensten produziert, sind die Thriller in schriftlicher und filmischer Form, die mit der von ihr produzierten Vorstellungswelt dazu dienen, die Umdeutung der USA zu einem bösen Ausspioniererstaat zu gewährleisten.

Tatsache ist, dass sich die Geheimdienste so genannter befreundeter oder zumindest nicht feindlicher Staaten in der Regel nicht daran hindern, ihre Arbeit zu machen. Tatsache ist auch, dass die Gier nach Information im digitalisierten Zeitalter wohl auch bei den Geheimdiensten dazu geführt hat, sich den Bauch mit allerlei unverdaulichem Unsinn voll zu schlagen. Und Tatsache ist auch, dass die jeweiligen Regierungen durch ihre geheimen Dienste über Informationen verfügen, die die Situation im eigenen Land betreffen, die sie aber in vollem Umfang von ihrer Bevölkerung fern halten. So gab es in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zahlreiche Hinweise und Dossiers seitens der CIA an die damalige Bundesregierung, die ziemlich genau prognostizierten, wann das System der DDR implodieren würde. In Bonn lachte man, schlug sich auf die Schenkel und verschloss die Akten.

Ebenso existieren seit langem Informationen, wiederum seitens amerikanischer Quellen, die auf die Unruhe- und Wutpotenziale in Europa hinweisen. Diese Herde zukünftiger Rebellion sind das Resultat der maßgeblich von der Bundesrepublik mit gestalteten Politik. Informationen darüber werden der Bevölkerung nicht zugänglich gemacht, da eine Diskussion über die Zentralisierung Europas mit den Folgen sozialer Revolten nicht in die kollektive Legende passt.

Die Aufregung um das Anzapfen deutscher Datenströme hätte dann eine Berechtigung, wenn die Bundesrepublik das erste Land der Geschichte wäre, das selbst keinen Geheimdienst hätte, der dasselbe tut. Die gespielte Entrüstung ist ein Test, wie weit man mit der Mystifikation gehen kann. Mit Staatsräson hat das alles nichts mehr zu tun, allenfalls mit hysterischem Opportunismus, oder, aber dann wären wir schon wieder im Bereich der Pathologie…

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3 Gedanken zu „Zum Wesen geheimer Dienste

  1. entdeckeengland

    Du willst wohl meinen Idealismus zerstoeren 😉 Ich will nicht abstreiten, dass viele Geheimdienstinformationen wichtig sind (spaetestens beim naechsten Bombenanschlag schauen wir wieder hilfesuchend auf Big Brother). Aber dennoch finde ich es nicht richtig, wenn staatliche Stellen im stillen Kaemmerlein ungestraft alle moeglichen Informationen sammeln duerfen. Und das gilt nicht nur fuer die USA.

  2. Gerhard Mersmann Autor

    Gefallen tut mir das überhaupt nicht, mich stört nur die Scheinheiligkeit, wenn Politiker, die in Regierungsverantwortung sind oder waren so tun, als seien sie völlig überrascht! 🙂

  3. Dr. Hartwig Maly

    Wir leben in einer sehr empörungsbereiten Informationsgesellschaft mit extrem kurzem Gedächtnis, geringem Sachverstand und großem Manipulationspotential. Der Bericht der EU-Komission zum Großvater des PRISM – Echelon, im Juli 2000 veröffentlicht, geriet in den Wirren von 9-11 in Vergessenheit. Es ist halt sehr zeitaufwändig Mails mit PGP zu verschlüsseln oder anonymisierende Browser wie Ixquick zu verwenden. Einfacher ist es, sich immer wieder mal zu empören. Investmentbanker kennen diese Herdenverhalten von Amateuranlegern und nennen diese despektierlich Plankton. Willige Opfer eines jeden von ihnen aufgeblasenen Trends, der mit Angst und Gier spielt.
    Seit Echelon hat sich die ‚Big Data-Welt‘ gravierend geändert.
    Den neuen Suchstrategien von NSA und GCHQ liegt ein gravierend neuer, aus meiner Sicht fatal falscher Ansatz zugrunde, der ‚ End of Theory‘ [telepolis 02.07.2013]. „Im Jahr 2008 schrieb der Wired-Herausgeber Chris Anderson seinen [dazu], in dem er die Meinung formulierte, dass Daten in unvorstellbarer Menge imstande seien, das Paradigma der theoriengeleiteten Forschung abzulösen. Korrelation ist demnach die neue Kausalität. Wenn nur genügend Daten zur Verfügung stünden, werde der kausallogische Zusammenhang nebensächlich. Allein über die Korrelationen ließen sich Vorhersagen treffen, die sämtlichen theorie-, hypothesen- und kausallogisch geleiteten Prognosen überlegen sind.“ [http://www.wired.com/science/discoveries/magazine/16-07/pb_theory]
    Damit sind über Pseudokorrelationen fehlerhaften Analysen Tür und Tor geöffnet. Chaos garantiert. Allerdings erinnere ich mich an einen Hoffnung stiftenden, spannenden Vortrag Prof. Cramers mit dem Thema „Ist Chaos nah ist Schöpfung nah.“ Sehen wir es optimistisch, wir leben „in statu nascendi“ in spannenden Zeiten.

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