Ein dramaturgischer Hinweis auf den Funk

Larry Graham & Graham Central Station, Raise Up

Der vor 66 Jahren in Beaumont, Texas, geborene Larry Graham gehört zu jenen Musikern, bei denen immer auf eine kurze Episode in ihrer Karriere hingewiesen wird, um auf ihre Bedeutung hinzuweisen. Bei Larry Graham ist es die fünfjährige Zugehörigkeit zur Band Sly & The Family Stone. Dort brillierte der Ausnahmebassist zwar auch, aber der Verweis alleine wird seiner musikalischen Qualität auf keinen Fall gerecht. Bereits 1972 quittierte Graham dort seinen Dienst, um seine eigene Band, die Graham Central Station zu gründen. Mit dieser Formation war er bis Ende der neunziger Jahre aktiv, landete den einen oder anderen Hit, wurde im Großen und Ganzen aber nicht mehr sonderlich wahrgenommen. Seitdem ist es medial still um ihn geworden, obwohl er seit 1 1/2 Jahrzehnten der Bassist von Prince ist, was alles über seine Qualität sagt. Nun legt Larry Graham, dem man nachsagt, dass er der Inventor der Slap-Technik auf dem Bass ist, zusammen mit Graham Central Station ein neues Album mit dem Titel Raise Up vor.

Dabei handelt es sich um Funk erster Güte. Und man merkt beim ersten Hören gleich, welche Stationen außer Sly & The Family Stone und Prince er in seiner Karriere durchlaufen hat, denn auch mit Tower of Power war er unterwegs. Die insgesamt 13 Stücke haben es in sich und markieren das State of the Art des zeitgenössischen Funk. Dass liegt zum einen an Grahams eigener Dynamik und Präzision, aber auch an den exzellenten Musikern seiner Formation und an den drei Stücken, an denen Prince selbst mitgewirkt hat. Dabei sind der Bass und die Drums das Herzstück. Wie eine humane Pressing-Maschine setzen sie die gesamte Formation unter Druck und der exquisite Bläsersatz wird zu einem Funk-Gebläse aller erster Ordnung, wie es in der Geschichte des Genres selten der Fall war, was nicht hoch genug einzuschätzen ist, weil die tonale Schärfe von Bläsern nirgendwo so zum Ausdruck kommt wie im Funk.

Aufgrund der exzellenten Qualität des dargebotene Funks hat es wenig Sinn, auf die einzelnen Stücke einzugehen, jedes ist eine exklusive Empfehlung wert. Die einzige Ausnahme auf Raise Up ist die Aufnahme Shoulda Coulda Woulda. Es handelt sich dabei um einen Blues, den Larry Graham und Prince alleine aufgenommen haben. Graham singt mit seiner sonoren Stimme und breitet mit seinem Bass den Teppich aus, auf dem Prince sowohl am Schlagzeug, als auch an Gitarre und Orgel ein emotionales Ornament entwirft, das alles zum Schwingen bringt, was Gefühle in sich birgt. Es ist der erste Blues seit langer, langer Zeit, der das Abstrampeln auf dem Klischee verlässt und die Geschichte eines langen Weges der Emanzipation erzählt, ohne auch nur eine Sekunde lang durch Klischee oder Belehrung zu langweilen. Allein dieses Stück spricht für das Album, welches eigentlich ein exklusives Funkwerk ist.

Larry Graham und Graham Central Station ist etwas gelungen, was lange Zeit nicht mehr möglich schien: Es beweist nicht nur, dass das Genre lebt, sondern dass es Perspektiven in sich birgt, die noch lange nicht ausgeschöpft sind. Dass Graham ausgerechnet in dem einzigem Blues mit der Sentenz I should have told you beginnt, klingt nahezu wie ein dramaturgischer Hinweis auf den Funk und seine Zukunft!

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4 Gedanken zu „Ein dramaturgischer Hinweis auf den Funk

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Freut mich! Bei Ihnen alles gut? Bin bis 12. August in der non-digitalen Zivilisation. Sollen wir uns danach treffen wegen unseres Projektes? Genießen Sie, wie angekündigt, den Sommer!

  1. Aka Teraka

    Die „Raise Up“ Album CD ist bei mir gestern eingetroffen. Ich habe sie nämlich bestellt, nach dem ich Ihre Rezension gelesen habe. Diese Art Musik habe ich seit einer Weile nicht mehr gehört. Es freut mich sehr, daß Sie sie geschrieben haben, denn diese Musik hat mir Gefühlswelten eröffnet, in die ich durch wiederholtes Hören in nächster Zeit immer wieder flüchten werde – das weiß ich bereits! 🙂

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