Die wahre Volksgemeinschaft

Alles fing zunächst ganz harmlos an. Auf dem Mainzer Bahnhof wurde die Betriebsfähigkeit zeitlich eingegrenzt. Das Argument war Personalmangel. Kurz darauf wurde der Bahnhof für die gesamte Nacht gesperrt, dann der Verkehr auch am Wochenende in Frage gestellt. Da es sich um eine deutsche Großstadt an der wichtigen Rheinachse handelt, wurde die Dramatik des Ganzen schnell deutlich. Dann  tauchten im Fernsehen zunächst die lokalen Verantwortlichen der Deutschen Bahn, dann die aus dem Vorstand auf. Sie verwiesen auf dramatische Zustände bei den Weichenstellern und dem Personal überhaupt. Vor allem die Zahl der angefallenen Überstunden überschritt die Marge des Absurden. Bis hin zum Vorstand wurde auf die Erschöpfung der Mitarbeiter hingewiesen und letztendlich der ehemalige Deutsche Bahn-Chef Mehdorn, seit einigen Jahren nicht mehr im Unternehmen, mit seinem Sanierungskurs des Unternehmens, das jährlich 200-300 Millionen Euro an Gewinn an die Bundesregierung ausschüttet, verantwortlich gemacht. Das kann man so machen, wenn man keine Verantwortung übernehmen will. Das Desaster liegt bei den Führungskräften. Sie sind ein Synonym für eine tiefer gehende Staatskrise, mit der Deutschen Bahn hat das alles kaum noch etwas zu tun.

 Führungskräfte, die nicht nur das Gehalt zugesprochen bekommen, sondern auch aufgrund ihrer Leistung selbiges wie die Bezeichnung im wahren Sinne des Wortes verdienen, tragen ein hohes Maß an Verantwortung. Sie sind auf bestimmte Ziele der Organisation verpflichtet und haben dafür Sorge zu tragen, dass diese mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen erreicht werden. Ist dieses nicht möglich, so sind entweder, je nach Priorität der Ziele, die Ressourcen zu ihrer Erreichung zu beschaffen oder der beauftragenden Ebene zu signalisieren, dass dieses bei den gegenwärtigen Bedingungen nicht zu erreichen ist. Remonstrieren nennt man so etwas. Führungskräfte, die nicht dazu in der Lage sind, haben in ihrer Funktion schlichtweg nichts zu suchen.

 Arbeitnehmervertretungen, die dieses Spiel ebenfalls mitmachen, sind nicht viel besser. Das beste Indiz, dass etwas in einem Unternehmen strukturell nicht stimmt, sind dauerhaft entstehende und exorbitant ausgreifende Überstunden. Chefs, die die explodierenden Überstundenkonten abzeichnen sind ebenso unnütz wie Betriebsräte, die zwar herummaulen, aber nichts unternehmen. Bei der Deutschen Bahn scheinen sich zwei Schmusekohorten getroffen zu haben, die vielleicht sogar das Zeug dazu haben, ein Referenzstück für das etatistische Deutschland vor der Wahl zu sein: Eine Führung, die ihren Job nicht macht und ein Gefolge, das nicht aufbegehrt gegen den Dilettantismus von oben.

Die mediale Verarbeitung dieser Klamotte scheint eine weitere Signatur für den desaströsen Zustand des öffentlichen Bewusstseins zu sein: Anstatt die Finger auf die Defizite im Management wie bei der Vertretung der Arbeitnehmerinteressen zu legen, beteiligt sich der Pin-Up-Journalismus an der Suche nach Schuldigen, die gar nicht oder gar nicht mehr in der Verantwortung stehen. Aber wie soll es auch anders sein in einer Vorstellungswelt, in der eine abstrakte Größe immer mehr zählt als das konkret Erlebbare und in der es keine Rolle spielt, ob eine Leistung erbracht wird, für die mit hart verdientem Geld bezahlt wird. Das ist bei der Bahn schon lange nicht mehr der Fall. Und wenn man bei der zu erbringenden Leistung eine derartige Nonchalance zutage legen darf, warum dann nicht auch beim Thema Führung oder Interessenvertretung? Das Desaster herrscht oben wie unten, hüben wie drüben. Das ist wahre Volksgemeinschaft!

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10 Gedanken zu „Die wahre Volksgemeinschaft

  1. hildegardlewi

    Danke für den ganz ausgezeichneten Artikel. Dieses Hintergrundszenario kann man auch auf andere Gebiete ausweiten. Manche Leute kriegen Pickel, wenn Begriffe angeführt werden wie
    zB Pflicht, Verantwortung, Können. Manchmal wünsche ich mir, daß eine gewaltige eiserne Faust einfach mal dazwischen donnert und sagt:. So wird es gemacht! Und wehe nicht! Diese ganzen Nichtskönner und Nieten tragen exorbitante Gehälter nachhause und außer dämlich
    quatschen tun sie wenig. Und ein Begriff wie Selbstachtung ist auch in Vergessenheit geraten, zumindest aus der Mode gekommen. Wahlen? Politik? Parteien? Hahaha .Lewi

  2. entdeckeengland

    Ich fuerchte, das erste, was (angehende) Fuehrungskraefte lernen, ist, wie man Verantwortung abwaelzt. Entweder keine Entscheidung treffen, um keine Fehler zu machen, oder immer gleich einen Suendenbock parat haben. Wer das nicht beherrscht kommt nicht an die Spitze. Was die Arbeitnehmer angeht: naja, da haben wohl viele einfach Angst vor Arbeitslosigkeit. Und die Interessenvertreter: Meine eigenen Erfahrungen haben mir gezeigt, dass die haeufig in einer anderen Welt leben. Bei den echten Problemen, kuschen sie vor den Arbeitgebern und kaempfen statt dessen wie Don Quijote gegen irgendwelche Windmuehlen.

  3. muetzenfalterin

    Das Problem, nicht das einzige, aber ein sehr grundlegendes, ist, dass die Menschen allerorten wie überflüssiges Material behandelt werden, Menschenmaterial gibt es zuhauf, darauf muss keine Rücksicht genommen werden, es geht nur um Zahlen, Bilanzen, um einen Kreislauf, in dem sich das Geld vermehren soll und alles humane eigentlich nur stört. Ich kann dazu ganz eindringlich den hervorragenden Essay von Ilja Trojanow, „Der überflüssige Mensch“ empfehlen.

  4. leopoldsleselampe

    Hallo, ein interessanter, weil differenzierender Beitrag. Das findet man leider zu diesem Thema nicht oft. Aus meiner Erfahrung vermute ich ein Kommunikationsproblem zwischen den Führungskräften. Das nach außen sichtbare Problem fällt unter die Rubrik „Dumm gelaufen aber nunmal passiert“. Der Vorgesetzte muss dann aber dem Mumm haben, seine Nächstvorgesetzten zu alarmieren. Wenn er den Mumm nicht hat, oder die Nächsthöheren mit dem Tagesgeschäft nichts zu tun haben wollen, dann passiert sowas eben mal. Grüße. Leo

  5. madameflamusse

    Ja, wieder ein sehr guter Artikel Herr Mersmann, und vielen Dank für den Kommentar muetzenfalterin… das sehe ich auch als das allererste Problem an und erlebe es auch immer wieder selbst.

  6. madameflamusse

    Ps.: Herr Mersmann sind Sie sicher das Sie dem richtigen meiner Blogs folgen? Meinen Sie nicht eher vielleicht diesen: http://reingelesen.wordpress.com/, obwohl ich eh die ganze Zeit überlege alle meine Blogs zusammenzulegen um auch mehr auf gewisses Tagesgeschehen eingehen zu können, – es fehlt noch ein passender Titel. Und warum gibt es eigentlich keine Kontaktadresse auf Ihrem Blog

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