Die Weichzeichnungen der westlichen Diplomatie

Es ist eine eigenartige Situation. Und sie erinnert an Bilder von Kindern, die einen Konflikt von Erwachsenen beobachten, den sie nicht ertragen und bei dessen Anblick sie um ein sofortiges Ende betteln, auch wenn sie nicht wissen, worum es geht. Betrachtet man das Agieren z.B. des deutschen Außenministers und der meisten Medien angesichts der schrecklichen Bilder aus Ägypten, dann sehen wir dieses Kind. Westerwelle, Medien, EU wie UN fordern ein sofortiges Ende der Gewalt. Von wem, sagen sie nicht, meinen tuen sie aber das Militär. Auszumalen, was wohl passierte, wenn das so geschähe, vermeiden sie allerdings höflich.

Die kurze Rekonstruktion der Ereignisse mag helfen: Nach dem Sturz Mubaraks gingen die Muslimbrüder, wiewohl sie keine politische Partei, sondern eine soziale Bewegung waren, als stärkste Partei aus den Wahlen hervor. Ihr Auftrag war, eine Verfassung auf den Weg zu bringen und danach Neuwahlen zu organisieren. Regierungschef Mursi hielt sich weder an den Auftrag noch an die Spielregeln der Demokratie, sondern er half, eine technokratisch-islamistische Nomenklatura an die Macht zu bringen und unterstütze die Terrorisierung potenziell oppositioneller Kräfte wie die städtischen Frauen und die koptischen Christen. Die schweren Ausschreitungen gegen die Kopten in Alexandria und die lakonischen Äußerungen Mursis scheinen in Vergessenheit geraten zu sein.

 Der Kurs der Mursi-Regierung rief sowohl die städtische Opposition als auch nicht-sunnitische Minderheiten auf den Plan, weil die Absicht immer deutlicher wurde, eine religiös  legitimierte Despotie zu installieren, die mit dem Demokratiegedanken inkompatibel war. Als die Pogrome gegen die Kopten Alexandrias mit Duldung der Regierung zunahmen, intervenierte das Militär, weil der ökonomische Schaden des Landes zu groß wurde. Das Nil-Delta gilt als wirtschaftlicher Impulsgeber des Landes, wofür die Kopten mit ihrer Leistungsethik und ihren nach Europa reichenden Netzwerken stehen. Je deutlicher wurde, dass die Regierung keine Vorstellung von der wirtschaftlichen Zukunft des Landes hatte und der Islam an sich nicht satt macht, desto stärker wurde der Terror gegen diejenigen, die eine wirtschaftlich konstruktive Rolle spielten.

 Das Militär entmachtete Mursi und beauftragte eine Übergangsregierung, in einem engen Zeitrahmen eine Verfassung zu erarbeiten und Wahlen vorzubereiten. Alle Aufforderungen an die Muslimbrüder, sich an diesem Projekt zu beteiligen, wurden zurückgewiesen mit der Begründung, der rechtmäßig gewählte Präsident sei Mursi. Seitdem ist der Jihad gegen den Rest Ägyptens ausgerufen, die Ordnung wird destabilisiert, nicht muslimkonforme Bevölkerungsgruppen terrorisiert, Frauen und Kinder als Schutzschilder bei gewaltsamen Aktionen benutzt etc.

 Die Frage, die an die westliche Diplomatie gestellt werden muss, ist die, ob die Räumung des Feldes durch das Militär und die Übergabe desselben an die Muslimbrüder das ist, was sie will. Eine andere Alternative scheint es nicht zu geben. Wenn dem so ist, dann sollte das deutlich gesagt werden, denn es bedeutet, dass sich Ägypten zu einer ikonoklastischen Despotie entwickeln wird, wie seinerzeit Afghanistan unter den Taliban. Aus guten Gründen wird das jedoch vermieden. Stattdessen erleben wir einen Anbiederungsprozess an den infantilen Wunsch nach einem Frieden, der zu diesem Zeitpunkt nicht möglich ist. Die Nötigungsstrategie seitens der Islamofundamentalisten, die Frauen und Kinder vor feuernde Panzer werfen, zeigen in der westlichen Öffentlichkeit hervorragende Wirkung. Nicht, dass sie es tun bestürzt das Gemüt auch eines Herrn Außenministers, sondern der Wille derer, die verhindern wollen, dass solch zynische Geister das Land zerstören scheinen das Entsetzen auszulösen.

Advertisements

7 Gedanken zu „Die Weichzeichnungen der westlichen Diplomatie

  1. entdeckeengland

    Ein sehr schwieriges Thema. Problem ist, dass Mursi tatsaechlich gewaehlt wurde und in grossen Teilen der Bevoelkerung Unterstuetzung findet. Der Westen ist leider beruehmt dafuer, dass er mit gespaltener Zunge spricht und jetzt wissen unsere Politiker gar nicht mehr, was sie sagen sollen, denn sie wollen nicht wirklich die Islamisten, aber sie wollen auch kein Massaker durch das Militaer gutheissen. Ganz davon abgesehen, schneidet sich die aegyptische Regierung ins eigene Fleisch, wenn sie die Muslim-Brueder zu Maertyrern macht. Aegypten hat nur dann eine Chance auf Frieden, wenn sich alle Beteiligten an dem Prozess beteiligen. Der Einfluss des Westens duerfte dabei gering sein.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Natürlich ist es schwierig. Ich denke da an die 30iger Jahre in Deutschland. Da wurden auch Fundamentalisten ins Amt gewählt, die sich dann nicht mehr um den demokratischen Prozess gekümmert haben. Die Fundamentalisten in Ägypten provozieren sehr bewusst die Massaker und ich will mich auf diese zynische und menschenverachtende Masche nicht einlassen.

  2. hildegardlewi

    Mehr gibt es nicht zu sagen.Unsere Riege an „Politikern“, ebenso wie einige Kommentatoren,
    haben heutzutage weder Format und offensichtlich auch nicht mehr den Verstand, Dinge zu überblicken sondern nur nachzubeten, was Ihnen vorgekaut bzw. eingetrichtert wird. Man könnte weinen, aber das nützt doch auch nichts. Als ich klein war, bin ich gerne ins „Kastanienwäldchen“ gegangen, denn dort war ein Kasperletheater. Und ich liebte diese Vorstellungen, denn sie hatten immer einen wahren Kern. Na, heute spielen wir mal „Politik“, Kasperle, Krokodil und Seppl.

  3. Aka Teraka

    Extremisten und Radikale weltweit haben „Demokratie“ als Waffe entdeckt und begriffen, benützen sie als Schutzschild und lachen uns alle nun spöttisch und höhnend ins Gesicht.
    Das wäre so, als würde jemand Neptun’s Dreizack gegen ihn verwenden.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.