Das scharfe Auge des Heinrich von Kleist

Bis heute gehört er zu den Modernen, obwohl er in einer anderen Zeit lebte und das auch noch viel zu kurz. Vielleicht lag es an dem Gewicht der Tradition, das in vielerlei Hinsicht auf seinen Schultern lastete, dass er sich mit 34 im Jahre 1811 das Leben nahm. Auch seine großen Werke sind vom Volumen eher klein, sowohl sein Stück  Der zerbrochene Krug als auch die Erzählung Michael Kohlhaas unangefochten nicht nur zum deutschen Literaturkanon, sondern auch zu dem der Weltliteratur zählt. Zu sehr spritzt aus diesen Texturen der Gärstoff der bevorstehenden Moderne, einerseits der über die Vergänglichkeit des Tradierten, andererseits der über die Explosivität des neuen Begriffs der Gerechtigkeit.

 Aber egal welches Werk, welches Fragment oder welche Notiz man von diesem außergewöhnlichen Autor noch heute in die Hand nimmt, allein seine Sprache ist und bleibt eine Erfrischung. Seine Syntax hat etwas Treibendes, in die Zukunft Weisendes, nicht nur die Unruhe der Bewegung Verbreitendes, sondern auch den Hunger nach Neuem. Kleist ist damit bis heute einzigartig, und er hat es geschafft, dass diesem, seinem eigenen syntaktischen System der Begriff der vorwärtsstrebenden Handlung zugeschrieben wird.

 Im Gegensatz zu den Rebellen aus Impetus hatte dieser junge Fähnrich, ein Uniformträger, auch noch die epistemologischen Qualitäten der frühen Aufklärung gleich mit im Gepäck. Vor allem in den Fragmenten und Briefen lässt sich entziffern, welche Potenziale in diesem schöpferischen Individuum schlummerten und leider nur marginal zur Blüte kommen konnten. Heinrich von Kleist, das war ein vorausschauendes Auge in die Zukunft von Aufklärung und ihrer dialektischen Verkehrung.

 In einem lapidaren Vierzeiler spricht er von einer möglichen Klassifizierung der Menschen, die bis heute attestierbar, aber gar nicht im öffentlichen Bewusstsein zuhause ist. Er teilt die Menschen ein in die Klasse derer, die der Metapher und derer, die der Formel mächtig sind. Den Menschen, die beides vermöchten, spricht er wegen ihrer geringen Anzahl des Status einer Klasse ab.

Das wie Hingeworfene ist ein ungemein mächtiger Schlüssel bei der Dechiffrierung menschlichen Handelns. Bis heute. Und auch morgen. Das Fragment handelt von dem großen kognitiven Klassenkampf der Moderne, in der die zu den Bildern und Abstraktionen neigenden, den Freiraum zubilligenden und die eigene Interpretationsleistung würdigenden Metaphoriker  den Formalisten gegenüberstehen, die der kalten Schönheit mathematischer Wahrheit ihre Existenz gewidmet haben. Es geht um Geist oder Regel.

 Angesichts unserer zeitgenössischen Diskursformen und immer hitziger werdenden Verwerfungen ist es überaus hilfreich und teilweise auch amüsant, die beiden kleistschen Typisierungen zu nehmen und das real handelnde Personal unserer Tage daraufhin zu überprüfen. Das geht nicht nur bei anekdotisch herauszugreifenden Individuen so, sondern auch bei ganzen politischen Parteien und Programmen. Es geht um die Verständigung auf einen Geist des Konsenses oder die Verabschiedung einer Regelung, der sich alle zu beugen haben, egal wie das Kontingent der Ungleichheit auch ist, das sich dahinter verbirgt.

Was Kleist in den hingeworfenen, spärlichen, aber folgenschweren Zeilen nicht thematisieren konnte und wollte, war eine Einschätzung darüber, welche Kräfte zu seiner Zeit überwogen. Wahrscheinlich waren es die Formalisten. Die haben es nämlich einfacher. Und die Metaphoriker, die können sich aufgrund ihres Abstraktionsvermögens immer sehr vieles vorstellen, nur eben fast nie das niedere Motiv der reinen Bequemlichkeit. Auch darin liegt ein gerüttelt Maß an historischer Tragik. Das wusste Kleist am besten. Gerettet hat es ihn nicht. Lesen sollten wir ihn trotzdem.

 

 

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2 Gedanken zu „Das scharfe Auge des Heinrich von Kleist

  1. Dr. Hartwig Maly

    Der Beitrag versöhnt mich mit Kleist. Mit 14 oder 15 hatte ich zum ersten und letzten Male „Kontakt“ mit dem „Zerbrochnen Krug“ und fand es nicht so prickelnd.

    In der Schule ging es mir nicht anders. Da wird oft selbst die Moderne zur Mottenkiste.

  2. user unknown

    @Dr. Hartwig Maly:
    Das kann man aber wissen, dass man, einen schlechten Lehrer vorrausgesetzt, die Freude an jedem Autor und Stoff verlieren kann. Ich erlaube mir Kleists Michael Kohlhaas zu empfehlen.

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