Die Weltpolizei und der Mundräuber

Strategische Überdehnung fördert die Unberechenbarkeit. Das war schon immer so. Schon zu Alexanders Zeiten oder im antiken Rom wurden die Wendepunkte an dieser unsichtbaren Linie fest gemacht. Immer, wenn der eigene imperiale Einfluss die realen Potenzen überstieg, war das Zeichen zum Niedergang gegeben. Und es scheint nahezu ein Naturgesetz zu sein. Auch im ganz persönlichen Leben oder in der realen Wirtschaftswelt stoßen wir  wiederholt auf dieses Phänomen. Immer, wenn man auf mehr Hochzeiten tanzt, als man verkraften kann, kommt man ins Schlingern.

 Befragte man in diesen Tagen durchaus interessierte Beobachterinnen und Beobachter von Politik nach einem aktuellen und gültigen Beispiel für dieses Phänomen, so bekäme man, zumindest in Germanistan, wie aus der Pistole geschossen die USA als Referenzstück genannt. Und das nicht zu Unrecht: Die USA als Nachkriegs- und Kalte Kriegs-Supermacht ist längst nicht mehr in der Rolle der kongruent mächtigsten Kraft auf dieser Welt. Wirtschaftlich bewegt sich der Gigant seit langem unter den Normalwüchsigen, während seine politische und militärische Präsenz auf dem gesamten Erdball immer noch Weltrekorde hält. Ein typisches Beispiel für das Phänomen der strategischen Überdehnung eben. Das Thema stellt sich der ganzen Welt, wenn damit eine zunehmende Unberechenbarkeit verbunden ist, was das Gefährdungspotenzial für alle immens erhöht. Doch in erster Linie ist es ein Problem der Amerikanerinnen und Amerikaner, die mit ihrem Pragmatismus und ihrer Jugend sicherlich eine Justierung ihrer Rolle an der Realität vornehmen werden.

 Fragte man dieselben Beobachter der amerikanischen Dissonanz nach einer Einschätzung Deutschlands, so bekäme man vieles an Analysen präsentiert, aber nie die der strategischen Überdehnung. Wahrscheinlich würde dies und das an logischer Inkonsistenz genannt, aber nie das, was tatsächlich beunruhigen müsste. Die Bundesrepublik Deutschland in ihrer gegenwärtigen Form präsentiert sich nämlich als das genaue Gegenteil einer strategischen Überdehnung. Während die ökonomischen Potenziale weit über der tatsächlichen Größe des Landes und der Bevölkerung rangieren und Ergebnisse der Wertproduktion vorherrschen, die lange Zeit als Weltrekorde notiert wurden, findet die politische Macht  dieser so spät formierten und immer wieder zerbrochenen Nation eigentlich gar nicht statt. Wenn es nur um wirtschaftliche Interessen geht, trifft das nicht zu, da ist man gut unterwegs, aber wenn es um die Wahrnehmung weltpolitischer Verantwortung geht, dann sucht man Deutschland vergeblich. Nicht berücksichtigt hierbei sind die Pannen und Unregelmäßigkeiten des gegenwärtigen Personals.

Bei der Suche nach einem Pendant zum Phänomen der strategischen Überdehnung kommt man schnell auf den Begriff der taktischen Dominanz bei strategischem Vakuum. In Bilder übersetzt, ist das Pendant zum Weltpolizisten das des Mundräubers. Und genauso wird die Bundesrepublik zunehmend im Weltgefüge wahrgenommen. Sie entledigt sich der Verantwortung, in dem sie sich selbst nicht in der Pflicht sieht, Prozesse der Konfliktlösung selbst zu gestalten und zu dominieren, sondern sie hängt sich an, und zwar immer nur da, wo es ökonomischen Benefit zu erzielen gibt. Angesichts der humanitären Misere in Syrien zum Beispiel zeigt sich nicht nur, dass diese Bundesregierung nicht nur keinen Plan, sondern auch kein Personal hat, um eine würdige und gewichtige Rolle in der Weltpolitik spielen zu können. Das entspricht nicht den Potenzialen dieses Landes. Und es gibt historische Situationen, in denen selbst Neutralität Stärke und Gewicht bedeuten. Momentan ist es eher leeres Gerede.

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9 Gedanken zu „Die Weltpolizei und der Mundräuber

  1. hildegardlewi

    Ich drucke mir gerne Deine Beiträge aus, weil ich am Computer nicht so sehr gerne lange Artikel lese. Aber was nützt es, wem nützt es…… Wenn man die Weltgeschichte rückwärts verfolgt, alles nicht so berauschend. Kein Wunder, daß der kleine Mensch sich in seinem Umfeld versucht einzurichten, sich zu wehren und zu überleben wie auch immer. Die großen Gedanken nützen ihm nichts. Und so ist es wahrscheinlich auch mit den Informationen. Denen kann man nicht trauen – Das Leben ist wirklich nicht einfach – kann man sagen.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Entscheidend ist immer die Lebenspraxis, ich glaube, dass ist das einzige, was zählt. Trotzdem hilft es, sich Gedanken darüber zu machen, in welchen Zusammenhängen man agiert.

  2. entdeckeengland

    Lieber Gerd, mal wieder eine interessante Perspektive auf das Weltgeschehen. Herr Putin sonnt sich in seinem politischen Einfluss, den er wirtschaftlich kaum untermauern kann (mal ganz abgesehen von der Frage, ob er ihn realpolitisch durchsetzen kann und das syrische Regime tatsaechlich seine Chemiewaffen aufgibt) und Europas wirtschaftliches Zugpferd Deutschland moechte mit all dem am liebsten nichts zu tun haben. Vielleicht liegt es an der Bundestagswahl, vielleicht an der Angst, dass man bei dem leisesten Auftreten als internationale Grossmacht den Zweiten Weltkrieg vor die Nase gehalten bekommt, jedenfalls ist es eine Schande, dass im einstigen Land der Dichter und Denker kein Politiker zu finden ist, der das Format hat, konstruktiv an der Ueberwindung solcher Krisen mitzuwirken. Liebe Gruesse, Peggy

  3. saetzeundschaetze1

    Die Zurückhaltung,Planlosigkeit, Konturlosigkeit mag auch damit zusammenhängen, dass die gegenwärtige Bundesregierung im eigentlichen Sinne nicht nur planlos- und perspektivlos, sondern auch konturlos ist. Konturen zeigen, hieße auch Position zu beziehen. Eine Position wird nicht bezogen, weil die wirtschaftlichen Interessen und Vernetzungen nach allen Seiten hin bestehen. Nur niemanden vor den Kopf stoßen. Neoliberalismus, Neopragmatismus, Neo-Politik: Die wird sowieso kaum von den Politikern gestaltet. Sondern von „echten“ Profis.

  4. Hartwig Maly

    Uns Wählern wird das geboten, was wir mehrheitlich goutieren. Zum Beispiel sedierende Botschaften gerade der Kanzlerin. Und natürlich wehleidige Klagelieder der Mehrzahl der Deutschen. Wobei – zu Letzterem – der Economist in 2012 unter der Überschrift ‚The German Strategy‘ inhaltlich schrieb – die Deutschen beginnen zu lamentieren, lange bevor Probleme wirklich akut werden und haben Ursachen/ Anlässe abgestellt, wenn sie akut zu werden drohen. Interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Sichtweisen auf ein und dieselbe „Strategie“ sein können.

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