Die schwäbische Hausfrau und die Hormone des Wachstums

Es handelt sich um eine eigenartige Irritation. Wir erleben in der Öffentlichkeit, oder besser ausgedrückt, in der Sache der Öffentlichkeit Verhaltensmuster, die sich mit der Logik von unseren individuellen Lebenswelten nicht mehr decken. Das, was wir wie selbstverständlich jeden Tag machen, um zu überleben, gelingt uns in der Öffentlichkeit nicht mehr, weil wir andere Ansprüche an das Gemeinwesen anmelden, als wir es je gegenüber Personen täten. Zum einen sind wir Bestandteil dieser nicht konsistenten Logik, weil wir uns in diesem System genauso bewegen wie in unserem privaten, zum anderen sind wir sehr empfänglich für die nicht selten populistische Kritik daran. Die berühmte schwäbische Hausfrau, die so gerne von Teilen der Politik bemüht wird, ist ein hervorragendes Beispiel für diese Art des Populismus.

Klar ist, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung eine Fähigkeit besitzt, die dem öffentlichen Diskurs und den damit verbundenen Aushandlungsprozessen zunehmend abgeht: Die der Einschränkung. Das so oft angeführte Beispiel, dass sich jeder Mensch nur das leisten kann, wofür er Geld hat ist so trivial wie zutreffend. Und was machen wir, als private Wesen, wenn wir etwas Neues begehren, das wir haben wollen? Wir schränken uns ein oder wir streichen andere Ausgaben. Das kann jeder, das passiert jeden Tag millionenfach ohne Geschrei und Gezeter.

Im Gegensatz dazu ist das Umsteuern öffentlicher Haushalte nahezu nicht mehr möglich. Einen sterbenden Hund auch sterben zu lassen, um sich einer Investition in die Zukunft zu befähigen, ist aufgrund des flächendeckenden Besitzstandslobbyismus schlichtweg nicht mehr möglich. Sobald Leistungen, seien sie noch so ungerecht, zukunftskontrovers oder absurd, zur Disposition stehen, rollt eine Woge des Protestes gegen die armen Teufel, die es gewagt haben, mit der Rationalität geschäftsfähiger Bürger den dann kolportierten totalen Abbau, kaltherzigen Schlag oder zynischen Tod der nutznießenden Lobby zu inszenieren.

Das Fazit dieser Situation ist der faktische Stillstand, weil logischerweise Zukunft nicht mehr stattfindet, wenn man nicht in sie investieren kann. Wenn die Budgets der Gegenwart und der Vergangenheit sakrosankt sind, ist im Status Quo Endstation. Es sei, denn, man spekuliert mit einer Anleihe auf die Zukunft durch Neuverschuldung. Letzteres ist der nahezu standardisierte Weg des politischen Handelns geworden. Allerdings nicht, weil die herrschenden Politikerinnen und Politiker verantwortungslose Wesen wären, sondern eher, weil sie den Zorn der Besitzstandshydra fürchten. Letzten Endes müssen wir uns mit einem Geisteszustand befassen, der uns allen eine schizoide Grundstruktur bescheinigt: Wir lassen in Bezug auf unsere Interessen im politischen Aushandlungsprozess die Logik selbst nicht mehr zu, der wir in unserem eigenen, privaten Alltag ohne zu murren und mit großem Vertrauen folgen.

Der eine Hebel, mit der sich die Gesellschaft aus der Verantwortung zum Kürzen in strategisch belanglosen Bereichen befördert, ist der der Aufnahme von Krediten, d.h. die Neuverschuldung. Der andere, ideologisch weitaus verhängnisvollere, ist die uneingeschränkte Forderung nach Wachstum. Und ein weiteres Symptom für die die Logik betreffende Pathologie ist die Tatsache, dass die heftigsten Kritiker der Wachstumsideologie die schlimmsten Verfechter antiquierter Besitzstände sind. Wer die durchaus berechtigte Kritik an dem Verhalten des politischen Systems auf die handelnden Politiker reduziert, greift mit der Kritik ins Leere. Der Staat, das sind auch wir und unser Verhalten. Und eine Gesellschaft, die sich nicht mehr darauf einigen kann, Dinge zugunsten von Investitionen in die Zukunft zu lassen, die verspielt leichtsinnig ihre positive Prognose.

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2 Gedanken zu „Die schwäbische Hausfrau und die Hormone des Wachstums

  1. entdeckeengland

    Lieber Gerd, da legst Du den Finger in eine schlimme Wunde. Wet gibt schon gerne seine Besitzstaende auf? Menschen in aermeren Laendern koennen darueber nur den Kopf schuetteln. Aber das kennst Du ja selbst. Lieben Gruss, Peggy
    PS: Heute sind mal wieder alle Zuege verspaetet. Aber ich hoere, in Deutschland herrschen bei oeffentlichen Verkehrsmitteln mittlerweile auch britische Verhaeltnisse. Zum Glueck gibt es Smartphones 🙂

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Peggy,
      du hast Recht: Von außen darf man sich das gar nicht ansehn! Außerdem sind die Verhältnisse hier heute auch über die Zugpünktlichkeit hinaus britisch: ein richtig kalter Drizzle! Komm gut ins Wochenende!
      Gerd

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