Mikromanagement

Wer kennt sie nicht, die Versuche, sich aus der überbordenden Last der Alltagskomplexität mit Strategien zu flüchten, die den Anforderungen das Gewaltige nehmen. Das kann über Volksweisheiten geschehen, die für sich genommen nie falsch sind. Ein gutes Pferd, so heißt es da, springt immer nur so hoch, wie es muss. Richtig, aber reicht das aus für eine Führungskraft, die anderen Orientierung geben soll? Oder ist es eher ein Appell an das eigene Phlegma? Ein weiteres Mittel ist der sozial verträglich gestaltete Stillstand, der zumeist erreicht wird durch eine sehr geschickte Form der administrativen Sabotage. Die folgt in der Regel der Maxime, das Komplexe und Komplizierte noch komplexer und komplizierter zu hinterfragen und in schön präparierten Aktionsplänen mit jeweils der Maßnahme zu beginnen, die die schwierigste und aufwändigste zu sein scheint. So entsteht ein Defätismus, den natürlich niemand so gewollt hat, aber der den Zweck erfüllt und von praktischen Schritten abhält.

Neben den eher direkten Versuchen, der Komplexität durch Verweigerung zu trotzen, existiert noch eine andere Strategie, die Psychoanalytiker als Ersatzhandlung bezeichnen würden. Das Zauberwort der direkten Aktion, die dennoch vor dem Abstraktum hoher Komplexität schützt, ist die des Mikromanagements. Dessen Auswirkung kennt jeder. Trotz großer strategischer Herausforderungen wird die Sachbearbeitung zur obersten Maxime. Einzelfälle werden bemüht, sie werden auf einer Detailebene erörtert, die in keiner Relation zur Aufgabe derer zählen, die mit Wonne darin aufgehen. Das Ziel ist nämlich das Ablenken von der eigentlichen Aufgabe: Denken und Steuern in großen Linien, das Treffen strategischer Entscheidungen, das Vertrauen auf die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die letztendlich das Detail beherrschen. Neben der Ersatzhandlung, dem beschriebenen Sturz in den fachlichen Mikrokosmos als Abwehrstrategie gegen die übergeordnete Verantwortung, spielt hier noch eine andere Variante mit. Es ist die der Kontrollobsession.

Betrachtet man die Riege des Mikromanagements, so fällt nämlich auf, dass sie neben der Verweigerung der strategischen Verantwortung zudem mit einer Tugend gar nichts im Sinn haben, nämlich der des Vertrauens. Wer den Mitarbeitern oder dem Team nicht vertraut, der neigt zum Ausbau der totalen Kontrolle, den interessieren die detaillierten Mikroprozesse, der will alles wissen, bis auf die molekularen Grundbestandteile. Natürlich sollte sich herumgesprochen haben, dass diese Art der Kontrolle ein nicht minder anspruchsvolles Unternehmen ist wie die Entscheidung auf einer strategisch hohen Ebene. Sie erfordert einen permanent hohen Kraftaufwand, sie demoralisiert die einzelnen Glieder der Organisation, die alle ihre Kraft aus dem eigenen Potenzial und der eigenen Kompetenz schöpfen und sie überanstrengt letztendlich alle Beteiligten. Das Manöver der totalen Kontrolle erinnert an die Geschichten, in denen die Begründung der eigenen Nichtzuständigkeit mehr Energie erfordert als die Erledigung der Aufgabe selbst.

Die Diagnostik, diese schonungslose wie kaltherzige Disziplin, vermag den Schaden für Organisationen, in denen das Mikromanagement die Chefetagen erobert hat, sehr gut zu beschreiben. Mikromanagement verwendet Unmengen von Ressourcen, ohne die Organisation voran zu bringen, Mikromanagement verhindert Entscheidungen von allgemeiner Bedeutung, es demoralisiert die Leistungsträger und kreiert eine Atmosphäre des Misstrauens. Es ist also kein zu vernachlässigender Kollateralschaden, wenn die Chefetage sich auf die Sachbearbeitung fokussiert. Für die Bestandssicherung der Organisation in der Zukunft ist eine solche Tendenz gemeingefährlich. Keine Bedrohung von außen besitzt ein solches Potenzial der Zerstörung. Führungskräfte, die sich dem Mikromanagement verschreiben, sind ein Widerspruch in sich.

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6 Gedanken zu „Mikromanagement

  1. Andrea

    Meine KOMMENTARE gehen wieder ohne in den SPAM zu wandern…also SPAMfest—wünsche dir einen schönen TAG…HERZlichst ANDREA:))

  2. hildegardlewi

    Ich habe schon Papagenos Artikel gelesen. Und in Verbindung mit eigenen Erfahrungen
    muß und will ich nicht mehr über dieses Thema nachdenken und schreibe und fotografiere. Aber ich habe mir vorgenommen, einmal ohne Schönfärbungen dieses Thema zu behandeln. Ich werde es meine Tiere machen lassen. Gruß Lewi

  3. entdeckeengland

    Dein Artikel weckt einige schlechte Erinnerungen. Mikromanager sind unertraegliche Chefs. Ich frage mich immer wieder, warum sich solche Leute oft so lange in ihrer Position halten. Liebe Gruesse, Peggy

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Peggy, ja, ist leider ein nicht seltenes Phänomen. Es ist wohl eine Frage der Qualität von Organisationen, wie lange sie mit so etwas leben können und wollen.
      Gruß
      Gerd

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