Clausewitz, der Vietkong und die Taliban

Da war sie wieder versammelt, die europäische Nomenklatura. Und sie beging im hohen Gestus der Friedfertigkeit den zweihundertsten Jahrestages eines der größten Gemetzel der Militärgeschichte die Feierlichkeiten zur so genannten Völkerschlacht bei Leipzig. In einem frisch restaurierten Monument, das in seiner Architektur das ganze Elend einer verschwurmelten Geschichtsschreibung manifestiert. In den Hallen eines nahezu unerträglichen Eklektizismus aus Jugendstil, Klassizismus und zu Stein gewordenem Größenwahn wurde des Sieges der vereinigten Armeen von Russland, Preußen, Österreich und Schweden über die auf dem Russlandfeldzug ramponierte ehemals glorreiche napoleonische Armee gedacht. Sechshunderttausend Soldaten hatten an dieser Schlacht teilgenommen, zweiundneunzigtausend Soldaten waren getötet oder verwundet worden. Die Völkerschlacht bei Leipzig läutete das Ende der im Nachklang der französischen Revolution und unter Napoleon gefeierten imperialen Befreiungskriege ein und sie konservierte das System des alten absolutistischen Europas auf Jahrzehnte.

Nichts gegen den feierlichen Gestus, mit dem der Präsident des europäischen Parlamentes anlässlich der Feierlichkeiten auf den Wert des Friedens an sich verwies. Mit dem historischen Ereignis selbst beziehungsweise möglichen verwertbaren Folgerungen hatte das aber nichts zu tun. Wie jede Euphorie eines neuen Zeitalters, so hatte auch die französische Revolution den Anspruch generiert, durch militärische Expansion das Zeitalter der bürgerlichen Freiheiten über seine Grenzen hinaus exportieren zu wollen. Das gelang einige Male, und gerade die historischen Dokumente aus dem Rheinland und Westfalen dokumentieren eindringlich, mit welcher Euphorie die einmarschierenden Truppen zunächst empfangen wurden. Das Blatt wendete sich erst, als bewusst wurde, dass der Akt der militärischen Gewalt nicht nur neue Gesetzbücher mit über die Grenzen brachte, sondern auch Fremdherrschaft, die die Illusion der Selbstherrschaft ersticken sollte.

Carl von Clausewitz, der preußische Offizier, der mit seinem Buch Vom Kriege in die Geschichtsbücher eingehen sollte und der kurioserweise bei der Schlacht bei Leipzig 1813 in russischen Diensten stand, hatte zum ersten Mal in seiner Schrift die Prinzipien der asynchronen Kriegsführung zu Papier gebracht. Ihre Anwendung waren das eigentliche Ende von Napoleons Armee. Die französische Armee befand sich nach der Niederlage in Russland auf einem ungeordneten Rückzug, auf dem sie kalt und unbarmherzig überrascht wurde. Die Verbände des alten Europas versetztem dem Gestus des revolutionären Frankreich einen massiven Schlag und konservierten damit die feudal-monarchistischen Herrschaftsverhältnisse auf dem Kontinent.

Wenn es Lehren gibt aus dem historischen Ereignis, dann sind sie nicht rein militärischer Natur. Clausewitz hatte nicht umsonst geschrieben, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. So wohl gemeint der französische Expansionismus zum Teil auch war, er hatte eben auch eindeutig imperiale Züge und trat das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen. Vor allem der II. Weltkrieg ist ein beredtes Dokument für die Schwierigkeit, den Befreiungsgedanken mit der Notwendigkeit militärischer Gewalt zu verbinden. Ebenso deutlich dokumentierten die späteren Kriege in Indochina dieses Dilemma und die nicht abreißenden Kriege im Nahen Osten aktualisieren das Problem nahezu jährlich. Der Impetus der Befreiung lässt sich von außen nur schwer vermitteln, und er wird als Fremdbestimmung erlebt, wenn er auf militärische Weise erzielt werden soll. Die Kriegsführung auch gegen Mächte, die sich auf die Werte der Demokratie berufen, zeitigt nahezu immer einen Widerstand, der asynchron organisiert werden muss, um eine minimale Chance auf Erfolg zu haben. Insofern ist die Adaption der von Clausewitz begründeten asynchronen Kriegsführung durch den Vietkong oder die Taliban nur logisch und folgerichtig, handelte es sich doch in allen Fällen neben allen Freiheits- und Demokratiegedanken auch um militärische Hegemonie. Man kann aus Leipzig lernen, man muss es nur wollen.

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