Die Sprache, die Ehre und der Geiz

Egal in welchem Zusammenhang, es existiert ein Begriff im Deutschen, der als Erklärung für ein bestimmtes Verhalten außerhalb des Zweifels und der Anrüchigkeit steht. Sobald das so schöne, weil ambivalente Wort Ehrgeiz im Spiel ist, sind die Gemüter derer beruhigt, die verstehen wollen, warum ein Mensch in einer bestimmten Situation so handelt und nicht anders. Einer näheren Betrachtung erliegt der Begriff nicht mehr. Er unterliegt einer einzigen, seinem Wesen so gar nicht mehr gerecht werdenden Interpretation. Wer ehrgeizig ist, so die Übereinkunft, der will es zu etwas bringen. Und das ist gut und legitim so. Gegen Letzteres ist ja auch nicht viel zu sagen, aber es wird dem Begriff in seiner etymologischen Zweideutigkeit so gar nicht mehr gerecht.

Stecken doch in dem Wort zwei Begriffe, die sich mehr wie ein Widerspruch als ein eindeutiges Motiv anfühlen. Denn, listet man beide Begriffe eigenständig auf, wird deutlich, worum es geht. Denn was haben Ehre und Geiz miteinander zu tun? Ehre als solches ist schlichtweg eindeutig positiv besetzt und Geiz negativ. In seiner Kombination der beiden widersprüchlichen Begriffe wird der neue zumeist positiv benutzt, auch wenn er manchmal zur Erklärung von etwas Störendem benutzt wird. Die Etymologie jedoch, die Lehre von der Herkunft der Wörter, gehört zu den wohl enthüllendsten aller Wissenschaften. Denn sie legt offen, woher die Wörter sprachlich kommen und in welchen sozialen, ja politischen Kontexten sie gebraucht wurden, bis sie das wurden, was sie heute sind. Und besonders der letzte Schritt, der von der Geschichte bis zum aktuellen Heute, ist noch einmal ein Erkenntnisgewinn, den man auskosten sollte.

Die Kombination von Ehre und Geiz weist auf etwas hin, das sozial prekärer gar nicht sein könnte. Es geht bei der vermeintlichen Fusion um Handlungen und Taten, die zu großer Anerkennung geführt haben und einem Verhalten, dass etwas mit Individualisierung und Missgunst zu tun haben, um einen Widerspruch in sich, was der englische Begriff ambition mit seinem Präfix ambi, der Erklärung für den Widerspruch schlechthin, zum Ausdruck gebracht wird.

Bleibt nur noch die Frage, was geschehen ist, um etwas gesellschaftlich Anerkanntes und Positives mit einem Synonym für den Egoismus und vielleicht sogar die Niedertracht vereinigen und das Produkt als etwas völlig unverfängliches benutzen zu können. Denn, so die Schlussfolgerung, wer aus dem Geizmotiv das zu erstreben sucht, was ihm aufgrund verdienstvoller Taten eine positive Aura verschafft, der kann eigentlich nur eine völlig zerrissene Persönlichkeit sein. Schlimmer noch, bei der aus dem Geiz erwirtschafteten Anerkennung kann es sich nur um eine Mystifikation, eine Täuschung handeln. Denn, so muss man mit der schönen Formulierung Adornos schlussfolgern, es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Wenn wir also davon unterrichtet werden, dass wir es bei Handlungen, mit denen wir konfrontiert werden, um Motive des Ehrgeizes zu tun haben, dann sollten wir uns mit dem Schild der Vorsicht wappnen. Sollten die Motive jedoch einen anderen, nämlich einen Wohlstandszuwachs oder einen Vorteil vieler mit einschließen, dann müssen wir um einen anderen Begriff als den des Ehrgeizes ringen. Und wir sollten uns dafür entscheiden, genauer hinzuschauen, wenn wir mit der Sprache umgehen. Sprache dokumentiert das Denken. Und das Wort geht der Tat voraus.

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2 Gedanken zu „Die Sprache, die Ehre und der Geiz

  1. toutde5uite

    Finde Deine Ansätze auch immer sehr interessant. Hier muss ich allerdings mal Haare spalten: „Geiz“ hat mit seinen mhd. Wurzeln zwei Bedeutungsschwerpunkte; es ist die Rückbildung eines mhd. Verbes, das auch ‚begehren, verlangen‘ heißt. Der Kluge (also das Wörterbuch) sieht diese ältere Bedeutung im Wortbestandteil bei „Ehrgeiz“, also in etwa „nach Ehre verlangend“.

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