Bus Number Tirteen

In zwei Stunden bist du da. Von Frankfurt. Im November. Du steigst aus dem Flugzeug und fühlst sommerliche Milde. Der Charme kleiner Flughäfen ist die Geschwindigkeit, mit der du sie verlassen kannst. Nach nicht einmal zwanzig Minuten sitzt du im Taxi und unterhältst dich mit dem Fahrer auf Englisch. Es ist die Amtssprache. Malti, dieses Konglomerat aus geläufigen Buchstaben und arabischen Idiomen verstehst du nie. Und natürlich, Taxifahrer wissen immer, wo du unterkommst jenseits der großen Hotels. Da, wo die normalen Leute wohnen. Denn Taxifahrer haben, wie überall auf der Welt hier eine Cousine oder dort einen Schwager, die alle gerne mal was vermieten. Und bereits eine Stunde nach der Landung siehst du dir ein nettes Zimmer an, mitten in der antiken Steinwüste, mit Blick auf Valletta und das Meer. Die Kulisse inspiriert, sie beruhigt und sie gibt dir das Gefühl, weit weg zu sein von den Magnetfeldern der Geschäftigkeit. Die Vermieterin gibt dir Tipps zur Infrastruktur. Das Leben kann beginnen.

In der nächsten Gasse ist die empfohlene Gastronomie. Ich starte mit einer Maltese Platter, einer ziemlich gelungenen Fusion aus mediterraner Leichtigkeit und orientalischer Intensität. Getrocknete Tomaten, mit Kardamom verfeinerte Schweinswürste, öliger Oktopussalat, getoastetes helles, mit Olivenöl getränktes Brot, Ftira genannt, das nach Knoblauch duftet, Tomatenmark, Humus, Oliven und Ziegenkäse. Nach dem Genuss übemannt dich die Gravitationskraft und es regt sich der Wunsch, das neue Domizil auf seine entspannende Wirkung zu begutachten.

Malta im November hat den Vorteil, die Maske des Sommertourismus abgelegt zu haben. Wer jetzt kommt, der hat das Recht auf Ursprünglichkeit. Morgens, beim Betreten des Busses, fragt der Fahrer auch sogleich, wie eilig es denn sei, in die Hauptstadt, nach Valletta? Auf meine konsternierte Replik hin die prompte Erklärung. Er könne, so der selbst gut genährte Mann, ganz normal die Linie fahren, dann dauere es ungefähr 45 Minuten bis zu einer Stunde, das hänge vom Verkehr ab. Eine Einschränkung, wie ich sie übrigens immer wieder erfahre. Oder ich bring dich in zwanzig Minuten hin. Auf meine Frage, wie er das denn mache, die frappierende Antwort: „Ich lade zuerst die fetten Mädels ein und lasse die dürren Gestelle zurück. Wenn der Bus voll ist, ist er voll. Dann muss ich nicht mehr halten und fahre durch.“ Ich äußere mich nicht, but he picks up the fat girls first and leaves the skinny crab behind. Und es gelingt ihm. Er will mir wohl zeigen, was er kann.

Natürlich dominieren die Briten das Bild der Inselgäste. Und überall, wo sie auftauchen, schillern die einstige imperiale Arroganz und das Elend von vierhundert Jahren Kapitalismus. Eine kuriose Mischung aus Seifenoper und Grandezza, elaborierter Sprache und Kutscherflüchen, derber Impertinenz und entwaffnender Liebenswürdigkeit. Die Malteser, nett, hilfsbereit und längst nicht so firm im Englischen, wie es die Residenz der vielen Sprachschulen vermuten lässt. Die Frauen wirken bereits wie im Orient als die Dominanten aus dem Hintergrund, die Männer spielen gern mit ihren Muskeln und Bäuchen. Der Stahlkamm der EU-Integration scheint seine Arbeit gemacht zu haben. Die nostalgischen Busse mit dem schönen englischen Design sind spurlos verschwunden. Nach der Erneuerung und dem Ausbau des Straßennetzes wurden sie ersetzt durch nagelneue Mercedes-Busse. Wie vieles andere bezahlt mit Krediten, deren Tilgung noch aussteht. Hoffentlich greift das Muster nicht, das andere mediterrane Länder bereits ereilt hat. Doch wahrscheinlich ist die Hoffnung unberechtigt.

Mein Viertel entpuppt sich als wunderbares Quartier, durchsetzt von denkwürdigen Erscheinungen. Da sind die allabendlichen maltesischen Body Builder mit tätowierten Tigern und Löwen, die in das Fitness-Studio des Hotels strömen, aus dem dann Schreie dringen, als liefe ein Hardcore Porno. Dann sind da die Besucher eines Kongresses, der etwas Esoterisches vermuten lässt, in dessen Pausen die Frauen sich die Handflächen von irgendwelchen Scharlatanen auf Brust- oder Schambein legen lassen, in Tränen ausbrechen und etwas von intensiver Energie faseln. Scheiternde Liebespaare, denen auffällt, wie ungleich ihre Lebenspläne sind. Und Randolph aus Southampton, der die Wolken am Himmel immer mit dem Wetter während der Suez-Krise vergleicht. Beruhigend hingegen die Polizisten, die sich an der Hafenmauer treffen, um zu rauchen, etwas Wein zu trinken und sich anscheinend gegenseitig ausgestellte Strafzettel verkaufen. Ältere Herrschaften, die feierlich gekleidet mittags in das Restaurant schreiten, um das Menu des Tages mit einem Achtel Roten zu verspeisen. Zwei hanseatische Tanzbären, die sich als Paar geoutet haben, das Coupons schneidet und das Dasein genießt. Etwas versnobt, aber distinguiert natürlich. Ein Schwede, der die Eifersucht seiner älteren Frau stündlich zu beschwichtigen sucht und dabei den Humor nicht verliert und dem Kellner aufträgt, sich seine Adresse zu merken, damit er ihm nach der zweiten Flasche Wein sagen könne, wohin er zu laufen habe. Dänische Pietisten, die hier untertauchen wollten, sich aber mit der katholischen Lebensweise der Malteser nicht nur nicht anfreunden können, sondern wohl auch an ihr scheitern werden. Und dann ist da noch Rita, die Straßenhändlerin, die immer rät, den Bus Number Tirteen zu nehmen und bis zur Endhaltestelle zu fahren, dann sähe man die ganze Schönheit Maltas. Natürlich sind die Tickets bei Rita erhältlich, zu einem speziellen Preis, versteht sich.

Malta im November, das ist weit weit weg. Mal regnet es, mal scheint die Sonne. Und obwohl es dicht, sehr dicht besiedelt ist und brodelt, merkst du erst, wie ruhig es war, wenn du wieder in Frankfurt gelandet bist.

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7 Gedanken zu „Bus Number Tirteen

  1. Dr. Hartwig Maly

    Bin gerade aufgestanden. 11 Uhr. Sonntag. Tasse Espresso in der Hand. Blick auf die verregneten Dächer um mich herum. Tauche ab in Ihrer Traumreise von Malta, lieber M7. Den vielen liebevoll beobachteten Details. Die Geschichte mit dem Busfahrer ist unglaublich. Stelle mir gerade vor, wie Mannheim aussähe, wenn wir solch kreative Potenziale nutzten. Irgendwie scheint die Sonne nun auch bei mir in Mannheim- Wohlgelegen aufzugehen.

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