Auch der Stutenkerl darf nicht mehr rauchen

Heute, an einem Tag, an welchem die Nebel es nicht lassen können zu wabern, zwischen den Flüssen, die sich hier den Todeskuss geben, stach mir in der Auslage einer Bäckerei ein kleines Männchen ins Auge, das ich aus meiner Kindheit noch kenne. Dort, wo ich aufwuchs, zwischen Münsterland und Ruhrgebiet, hieß zu meiner Zeit die Figur noch Stutenkerl: Ein Mann, geformt aus Hefeteig, mit einer weißen Porzellanpfeife im Mund, die Konturen des Gesichtes mit Rosinen nachgeformt. Natürlich war mir klar, dass diese Figur hier anders heißen musste. Also ging ich in die Bäckerei und fragte die Frau hinter der Theke, wie denn der vorweihnachtliche Zeitgenosse hier so hieße. Die überaus nette und mit Humor ausgestattete Dame entpuppte sich als eine Migrantin vom Balkan und antwortete, dass sie erst nachschauen müsse. Wissen Sie, so ihre hart akzentuierte Antwort, vor zwei Jahren noch war das ein Martinsmann. Dann sah sie in einer Kartei nach und fand die aktuelle Bezeichnung. Jetzt figuriert der Stutenkerl unter dem Decknamen Hefe-Nikolaus.

Es entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung, an der immer mehr Besucherinnen und Besucher der Bäckerei Gefallen fanden und es dauerte nicht lange und wir hatten einen angeregten Diskurs über den Zeitgeist, die herrschende Moral und den Wahnsinn dieser Welt. Die politisch immer korrekter werdenden Bezeichnungen und Charakterisierungen von Backwaren und Süßspeisen allein könnte, so die einhellige Meinung, genug Stoff bieten als Beleg für die mentale Verkrustung der Gesellschaft. Wie gesagt, das Gespräch fand statt in Mannheims Q-Quadraten, im Volksmund Fressgass genannt, an einem ganz normalen Tag in der Woche, in einer ganz normalen Bäckerei und natürlich mit ganz normalen Leuten.

Und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die Diskussion sich um die große Scheinproduktion unserer Gesellschaft drehte, das Auseinanderdriften von unmittelbarer Erfahrung und konsensualem Kodex, von Anspruch und Wirklichkeit. Gerade der Umstand, dass diese hier so zufällig zusammen gekommenen Menschen aus kulturell, national und sprachlich unterschiedlichen Kontexten kamen, führte dazu, dass die Muster von Herrschaftsideologie und wahrem gesellschaftlichen Sein sehr schnell identifiziert wurden. Und wir waren uns sehr schnell einig, dass es hülfe, wenn die medial so exponierten Welterklärer nur selbst einmal einkaufen gingen. Denn dann erhielten sie ein, wie es so schön heiß, Feedback, das ihnen das Grausen verdeutlichte, das sie erzeugen mit ihrer scheinheiligen Moral und der Eiseskälte, mit der sie Traditionen meuchelten, deren Sinnstiftung sie nicht verstehen, weil sie im Anspruch der Aufklärung das Ritual als eine die Herrschaft stabilisierende Unart begreifen, den Sinn dahinter aber nicht sehen. Stattdessen werden Terminologien in den Vordergrund gepresst, die die Illusion der Freiheit von Herrschaft schaffen, ohne das System der Herrschaft zu zerstören. Denn noch keine Bezeichnung, und sei sie noch so ehrlich und gut gemeint, hat die Macht, die das Dasein der zu Beklagenden erschwert, je gebrochen. Namen sind Schall und Rauch. Wer sich darauf beschränkt, als Broker der Begriffe unterwegs zu sein, der wird die Welt nicht ändern.

Als ich dann bezahlt hatte und noch einmal in die Auslage zu den anderen Stutenkerlen, Martinsmännern oder Hefe-Nikoläusen schaute, fiel mir noch auf, das das wichtigste Requisit, das ich aus meiner Kindheit kannte, fehlte: Die weiße Porzellanpfeife. Als ich das laut monierte lachte die nette Frau hinter der Theke zurück und rief, ja, mein Herr, selbst rauchen darf der arme Kerl nicht mehr. Ach, welch menschliche Regung, im Zuchthaus der babylonischen Begriffsverwirrung.

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14 Gedanken zu „Auch der Stutenkerl darf nicht mehr rauchen

  1. Julia etc.

    An die Kerle erinnere ich mich gut, meine Großeltern lebten in NRW, wo ich viele Stutenkerl-versüßte Ferien verbrachte. Da gab es die immer, natürlich MIT Pfeife. Sehr traurig!

  2. saetzeundschaetze1

    Wie unterhaltsam und gescheit, danke! Und stimmt: War gerade hier in einer schwäbischen Bäckerei, da gibt es zwar keine rauchenden Klausenmänner mehr, dafür aber politisch korrekt Klausenfrauen dazu.

  3. Petra Gust-Kazakos

    Wunderbar! Bei meiner Großmutter hießen die Figuren „Weckmänner“, sie hat sie immer selbst gebacken für mich (köstlich!), hier heißen sie „Dambedeis“. Was auch immer das heißen mag. Rauchen tun die beide nicht, aber dass es der arme Stutenkerl nun auch nicht mehr darf – darauf muss ich jetzt erst mal eine rauchen gehen. Ich frage mich ja, wann die Räuchermännchen wohl verboten werden …

    1. entdeckeengland

      Hi, hi, das mit den Räuchermännchen war auch mein erster Gedanke. Heißen die heute eigentlich noch so oder haben sie vielleicht auch einen politisch korrekteren Namen bekommen? 🙂

  4. hildegardlewi

    Danke für den netten Artikel, den man noch um vieles erweitern könnte. Es wird immer schwerer, diesen täglichen Irrsinn zu ertragen und ich habe mir schon oft die Frage gestellt, wo man die ganzen Irren rausgelassen hat. Und noch dazu bekommen sie
    G e h ä l t e r.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Mal abgesehen von der verschwurmelten Formulierung, was soll das erklären? Für die empirische Sozialforschung könnte interessant sein, ob Migrantengruppen bestimmter Nationalität in einem neuen Umfeld sich anders Verhalten als andere in dem gleichen Umfeld. Nur so von Nationalität und Migrationsgeschichte zu sprechen lädt bestimmt wieder zur Generierung von Vorurteilen ein.

      1. Aka Teraka

        Ich habe einfach versucht, die Sache von der anderen Seite zu verstehen. Nigeria ist das Hauptziel westafrikanischer Weltenwanderer. Wir haben sehr viele Einwanderer aus anderen westafrikanischen Ländern. Viele haben inzwischen den nigerianischen Pass, in der zweiten und dritten Generation, usw. Ich fragte mich, wie es klingen würde, wenn wir diese Menschen auf einmal als Nigerianer mit Migrationshintergrund be- und kennzeichnen würden. Da musste ich selber lachen, weil es – mir auf jeden Fall – so komisch und befremdend absurd vor käme.

  5. Gerhard Mersmann Autor

    Ich verstehe. Wenn man das in Deutschland machen würde, dann hätten fast alle eine solche Bezeichnung verdient. Bei zehn Nachbarländern und einer Nation, die fast die letzte in Europa war auch kein Wunder.

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