Inflation & Kommunikation

Inflationäre Tendenzen weisen immer auf ein verborgenes Defizit hin. Beim Geld, d.h. der Kaufkraft, bewirkt die Inflation ein Hochschnellen des Preises, was für den Käufer bedeutet, dass er für die gleiche Geldmenge weniger bekommt. Das heißt, entweder ist das Angebot verknappt oder das Geld als solches verliert an Wert, weil die ihm als Sicherheit hinterlegten Güter wiederum an Solvenz verlieren. Nicht anders verhält es sich mit der Inflation z.B. von Begriffen, die eine bestimmte Provenienz aufweisen, nehmen wir einmal so etwas wie Anglizismen. Der Anstieg der Anglizismen hatte zum einen etwas mit der Aufwertung des Englischen auf dem Weltmarkt zu tun, welches hervorging a) aus der Macht des Britischen Empire und nach dessen Niedergang durch die Hegemonie der USA. Die Inflation von Anglizismen hatte etwas zu tun mit Macht und der damit einhergehenden Vorstellung, dass die eigenen Sprachen Potenz verloren hatten. Der Tauschwert des Englischen war beträchtlich gestiegen, der anderer Sprachen relativ gesunken.

Beim Begriff der Kommunikation befinden wir uns in vielen Ländern gerade in einer analogen inflationären Situation. Durch die technische Revolution in Form der Digitalisierung und die damit einhergehende Expansion auf alle Lebensbereiche hat die Kommunikation die Hegemonie gewonnen. Das Absurde an diesem Prozess ist, dass genau die Prozesse, z.B. der der materiellen Wertschöpfung, wesentlich dingfester zu machen sind als die semantische Qualität von Kommunikation. Und dennoch steht die Kommunikation gegenüber anderen Prozessen dominant im Raum. Ohne sie geht gar nichts und der Bedarf ist genauso inflationär wie ihr Gewicht. Wer schlecht kommuniziert, so heißt es, der hat schon so gut wie verloren, egal, was er oder sie sonst auch anstellt. Man könnte den Eindruck gewinnen, als genösse das Immaterielle der Kommunikation einen höheren Stellenwert als alles Messbare.

Wertgewinn auf Seiten des Begehrten und Wertminderung bei den Maßen der zu tätigenden Aufwendungen bildet jedoch nicht nur einen rechnerischen Prozess ab. Vielmehr drückt die Inflation auch etwas aus, das in Emotion und Psyche zu finden ist. Und das Interessante dabei ist, dass die psychische Implikation wichtiger sein zu scheint als die rechnerische. Das ist beim Geld so, das ist bei einer Sprache so und das ist erst recht bei der Kommunikation so. Die Faustregel, auf die man sich in allen Bereichen verlassen kann, ist schlicht: Wenn das Vertrauen in etwas sinkt, dann wird die Forderung nach der tatsächlichen Wirkung dessen, dem man nicht mehr vertraut, umso lauter. Ein Vertrauensverlust hinsichtlich der Zahlkraft des Geldes führt ebenso zur Inflation wie der Vertrauensverlust in die Zuverlässigkeit von Informationen zu der Forderung nach mehr Kommunikation passt.

Doch Schein und Sein pflegen gerne eine tückische Liaison einzugehen, denn immer mehr Zeitgenossen glauben, der Stellenwert der Kommunikation speise sich aus dem Bedürfnis der Menschen über alles immer lückenlos informiert werden zu wollen. Das ist der Schein, denn wer ziemlich lückenlos zu etwas informiert wird merkt sehr schnell, dass so etwas zu einer Bürde werden kann, die alles andere als mehr Klarheit verschafft. Die Inflation des Stellenwertes von Kommunikation ist der psychosoziale Hilferuf auf eine allgemeine Erosion des Vertrauens. Nie war es in einem derart schlechten Zustand. Und nie wurde mehr darüber kommuniziert, ohne dass die Ursache der Klage benannt worden wäre.

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5 Gedanken zu „Inflation & Kommunikation

  1. monologe

    Jedenfalls ist Misstrauen die sichere Sache. Dass man nicht darüber informiert wird, warum es begründet ist, darauf kann man sich verlassen. In Remarques „Schwarzem Obelisken“ kommts gleich zu Anfang zum Anzünden einer Zigarre mit einem 1000-Mark-Schein. Daraus ist ersichtlich, dass in der Inflation nicht nur der Wert des Geldes sinkt, sondern auch der Wert des Geldscheins, also der moralische. Es gab aber Leute, die sich die Scheine aufhoben – und tatsächlich ließ sich später damit Gewinn erzielen, zu einer Zeit, als sie nur noch den Materialwert hatten. Ich glaube, so ist es auch mit der Sprache und der Kommunikation. Man soll die Sprache nicht wegwerfen, auch wenn die Kommunikation nichts mehr wert ist.

    1. monologe

      Über „Parbleu“ bin ich gestolpert. Kommt selten vor, ist, nach Duden, veraltet. Habe also geforscht:
      Fluchwissenschaft: „Die Bildung von euphemistischen FLÜCHEN funktioniert mit Lautähnlichkeit: Durch die Ähnlichkeit der Anfangssilbe werden Assoziationen mit dem Tabuwort geweckt, ohne es selbst aussprechen zu müssen. Im Französischen existieren euphemistische Formen für blasphemische FLÜCHE (z.B. Parbleu! anstelle von par Dieu!).“

      Euphemismus auch: Glimpfwort, Beschönigung, Hehlwort, Hüllwort oder Verbrämung, ist ein sprachlicher Ausdruck, der eine Person, eine Personengruppe, einen Gegenstand oder einen Sachverhalt beschönigend, mildernd oder in verschleiernder Absicht benennt.

      Gerhard, sags mir unverbrämt!

  2. Gerhard Mersmann Autor

    Monologe, ich habe den Ausdruck Parbleu so verwendet, wie es in unseren Tagen üblich ist, einerseits soviel wie wahrhaftig, andererseits begrifflich wie ein Schuss aus dem Blauen. Was ich damit ausdrücken wollte ist meine Bewunderung für die wie aus dem nichts kommenden, immer tiefgründigen Kommentare und Erklärungen deinerseits, die ich stets schätze. Deine Reise in die Etymologie hat in diesem Fall einer profanen Bemerkung einen falschen Zungenschlag verliehen!

    Lass dich nie beirren!
    Gerd

  3. monologe

    You made my day – einen, an den anderen kommt mir für gewöhnlich weder ein Parbleu vor, noch bieten sie allzuviel Anlass, unbeirrt zu bleiben. Ein Parbleu kann mich beirren. Man ist dünnhäutig, bewachsen von Mimosen. Da ist keine Sicherheit, der tiefe Grund ist oft ein Abgrund, und nicht ich, Worte führen hinunter. Manchmal sinds Deine, und sie führen in die Perspektive (ausgerechnet in den letzten Tagen führten sie allerdings zum Zensor in der Wahrhaftigkeit tiefsten Abgrund). Danke.

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