Die Macht und der Schein

Nun wird wieder einmal Bilanz gezogen. Das alte Jahr nähert sich seinem Ende, in den Medien sind die Rückblicke längst zusammengestellt und die Printmedien, die sich diesem Thema widmen, liegen längst auf den Wühltischen des aldisierten Buchhandels. Symptomatisch für unsere Zeit ist nicht die Tatsache, dass zu bezahlende Medien sich des Rückblickes versuchen. Symptomatisch für unsere Zeit ist, dass diejenigen, die das letzte Jahr bewusst miterlebt haben, selbst ein persönliches Fazit nicht ohne manipulative Unterstützung mehr anstellen. Das, was die Kerners, Lanzens und Beckmänner in den TV-Medien kredenzen werden, wird wie jedes Jahr ein Trash aus Herzschmerz und handfester politischer Demagogie sein, die aus der repressiven Kraft der political correctness gespeist werden wird. Neu wird es nicht sein, die Frage, die letztendlich interessiert, ist die, wie lange diese schlecht gemachte Propaganda noch ohne Revolte durch den Äther dringen mag.

Sähen wir uns das letzte Jahr aus unseren eigenen Augen an, so würden wir etwas ganz anderes zu beschreiben haben, als es die Jahresrückblicke tun. Wir hätten es mit einer anderen wirtschaftlichen Wirklichkeit zu tun, als die täglichen Nachrichten suggerieren. Da spielten ganz plötzlich andere Menschen eine Rolle als Aktionäre, Banker, Berater und Manager. Da tauchten allein erziehende Frauen auf, die 48 Stunden pro Woche in einer Bäckerei arbeiten und dafür monatlich 1.200 Euro verdienten. Oder Akademiker, die Werbetexte korrigieren und pro Seite dreißig Euro bekommen. Wir sähen die Akteure des Sports in einem anderen Licht, die jenseits der Hochleistungsakrobatik und des Spitzenverdienstes an jedem Wochenende an ihre Grenzen gehen, die nicht nur da liegen, wo die eigene Physis sie setzt, sondern auch dort, wo die Notwendigkeiten des Lebenserwerbs beginnen. Wir sähen die Armseligkeit derer, die sich als die Mächtigen ausgeben und die Unverfrorenheit derer, die die Macht tatsächlich haben.

Wir sähen die Unterschiede des monetären und des spirituellen Reichtums. Und wir sähen die Entwicklung zur Expansion der monetären Prosperität und den tendenziellen Fall des spirituellen Wohlbefindens. Die zunehmende, fast flächendeckende digitalisierte Taktung unserer Arbeitsprozesse würden nämlich freigelegt von dem ganzen ideologischen Unsinn von Autonomie und als das identifiziert, was es tatsächlich ist: Die Ausweitung und durchperfektionierte Kontrolle, die Liquidierung jeglicher Selbstbestimmung und die inquisitorische Verfolgung des freien Willens. Es würde deutlich, wie uniform das digitalisierte Zeitalter geworden ist, wo aus jeder Fernbedienung und jedem Sensor ein Programm lauert, das standardisiert und vereinheitlicht. Und es würde wie die Schuppen von den Augen fallen, dass bei allem Individualisierungsbrimborium nur noch serienmäßige Stereotype geduldet werden.

Ein Rückblick wie dieser wiche doch in hohem Maße ab von der propagandistischen Aufbereitung. Und er ließe Schlüsse zu, die die Medien systematisch verhindern. Es würde nämlich die ganz einfache Wahrheit ersichtlich, dass unser Wunsch nach Freiheit und Gestaltung, nach Selbstbestimmung, Glück und Gemeinschaft in der Welt der gegenwärtig Mächtigen nur noch als Chiffre besteht, als Illusionspops in einer virtuellen Welt, die die tatsächliche Lebenspraxis gar nicht mehr repräsentiert. Und dann würde klar, dass der permanente Widerspruch von Illusion und Wirklichkeit dazu führt, dass wir tendenziell den Verstand und ein unverbrüchliches Gefühl für Gut und Böse verlieren, wenn wir dem Spuk nicht schleunigst ein Ende machen. Das, was unser Leben ist, muss das Zentrum unserer Betrachtung sein. Alles andere ist Mystifikation!

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22 Gedanken zu „Die Macht und der Schein

  1. Andrea

    Ich ziehe BILANZ…….und zwar ich bin wieder**ERFAHRUNGen**REICHer**FG**….wünsche dir einen schönen Donner-s-TAG…..HERZlichst ANDREA:))Und schön das wir uns hier im weiten UNIVERSUM-WP gefunden haben….

  2. hildegardlewi

    Lieber Gerd, ich hatte schon die Befürchtung, daß Du nur noch über Musik und Literatur berichtest, Dein Artikel ist super. Aber wie Du sicher selbst weißt, er wird nichts bewirken.
    Die Lethargie hat viel zu lange gedauert und für Überzeugungsarbeit fehlt einem einfach der Nerv und die Geduld. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Man müßte schon mal ein paar Müsepüs aufstöbern. LG Lewi

  3. hildegardlewi

    In welchem Universum bis Du denn unterwegs ?
    Ich hatte die Ereignisse um die Beisetzung von Mandela nicht als
    Tatsache betrachtet, sind se aber. Sollte man nicht dazu einen Kommentar schreiben? Ich kann es nicht, dann wird es eine Satire.

  4. Julia etc.

    Hat dies auf Julia etc. rebloggt und kommentierte:
    „Es würde deutlich, wie uniform das digitalisierte Zeitalter geworden ist, wo aus jeder Fernbedienung und jedem Sensor ein Programm lauert, das standardisiert und vereinheitlicht. Und es würde wie die Schuppen von den Augen fallen, dass bei allem Individualisierungsbrimborium nur noch serienmäßige Stereotype geduldet werden.“

  5. Dude

    Ein Meisterwerk von Jahresrückblick! Allerliebsten Dank Dir, werter Gerhard!

    Wäre es erlaubt, den bei Dudeweblog erneut hervorzuheben?

    Lieben Gruss

  6. Pingback: Meisterlicher Jahresrückblick von Gerhard Mersmann | Sei herzlich Willkommen beim Dude

  7. Magnus Göller

    Ich habe über Dudes Seite hergefunden und will nun erstmal hier meine Anerkennung aussprechen. Der Artikel, erfrischend knapp und am Punkt gehalten, gleichwohl sprachlich sehr gelenk, erscheint, sicherlich bewusst so, unter Verzicht auf Beispiele und Détails.
    Besonders gut gefällt mir der zusammenfassende Schluss, in dem die Lebenswirklichkeit gegen die betriebene Mystifikation gestellt wird.
    Eben zum erstenmal auf dieser Seite, werde ich mich hier nun genauer umsehen. Den obigen Beitrag werde ich auf meinem Blog sicherlich weiterempfehlen und verlinken, allerdings wohl mit eigener, würdigender Anmoderation und zwei oder drei eigenen Betrachtungen dazu. Das kann daher noch ein bisschen dauern (wenigstens bis zum späteren Abend).
    LG

  8. Pingback: Gerhard Mersmanns Jahresdraufblick 2013 « Neues aus Hammelburg

  9. Pingback: sudelbücher | neuköllner botschaft

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