Eine Referenz an das Minutiöse

Jan Knopf. Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie

Jeder Autor, egal in welchem Metier, ist gut beraten, sich Gedanken darüber zu machen, wen er ansprechen will oder für wen er schreibt. Das ist in Grundsatz, den diejenigen, die das Schreiben zu ihrer Profession gemacht haben, beherrschen sollten. Die nächste Frage, die sich Autorinnen und Autoren stellt, ist die nach dem Medium oder Genre, das man wählt, um eine bestimmte Zielgruppe am besten ansprechen zu können und gleichzeitig die eigenen Botschaften in die bestmögliche Passform zu bringen. Stellt man sich die Frage, zu was eine Biografie geeignet ist, dann spricht vieles für die Information über tatsächlich Persönliches, aber, je nach der Figur, um die es geht, auch über Erklärungshintergründe für Worte, Taten und Handlungsmuster der zu betrachtenden Person.

Jan Knopf, Jahrgang 1944, Literaturwissenschaftler und bis heute Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht an der Universität Karlsruhe, kann ohne großen Widerspruch als der wohl profundeste Kenner von Brechts Leben und Werk bezeichnet werden. Seit den frühen 1970iger Jahren forscht und publiziert er zu dem Thema. In diesem Zeitraum hat Jan Knopf Material gesammelt, zu vielen Aspekten publiziert und mit Jahrbüchern die Interessenten an dem wohl bedeutendsten Dramaturgen des 20. Jahrhunderts mit wertvollen Informationen versorgt. Im Jahr 2012 erschien dann die Biographie Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Brecht, dessen Bedeutung mit dem Untergang der DDR und der Auflösung der bipolaren Weltordnung zurückgegangen zu sein schien, wurde in unserem neuen Jahrtausend von vielen jungen Leuten neu entdeckt und für viele Kennerinnen und Kenner des Metiers wieder interessanter. Demzufolge wählte der Hanser Verlag auch einen Slogan, der Knopfs Buch als die erste Biographie Brechts nach dem Zusammenbruch der DDR pries.

Es stellt sich die Frage, was wir, um die Ikone selbst zu zitieren, die Nachgeborenen, denn für ein Interesse haben, nicht die furiosen, exzentrischen, regelverkehrten, revolutionären und jonglierenden Texte des Bertolt Brecht selbst, sondern ein Buch über ihn zu lesen? Angesichts der Geschichte, die zwischen seinem Ableben und dem heutigen Universalfinanzkapitalismus liegt, wären es vielleicht Deutungshilfen, die uns erklären, wieso der kleine Mann aus der schwäbisch-bayrischen Provinz intellektuell so ermächtigt war, seine Diskurse um die soziale Existenz der Gattung in der Moderne so weit zu werfen, dass die in ihnen thematisierten Fragen eher an Brisanz gewinnen als dass sie abnähmen? Und, das ist ein Verdienst Knopfs, der dezidiert in der Biographie auf Brechts Vorstellung von Barbarei und Zivilisation, die diametral der gewohnten Rezeption von Stadt und Land verläuft, warum Brechts Auslassungen über das Dickicht der Städte bei einer Verstädterung der Weltgesellschaft eine Deutungshoheit reklamieren, die noch Jahrzehnte andauern kann?

Stattdessen liefert das Buch einen minutiösen Lebenslauf, der natürlich in der Kindheit beginnt und mit dem Ableben endet, der alles aufreiht wie bei der Buchführung, der keine dramaturgischen Kniffe und keine Polarisierungen kennt. Fragen zur Wirkung wie zur metaphorischen Potenz werden nicht gestellt, stattdessen werden wir Zeugen, wie der so kompetente Autor sich herablässt, auf Diskussionen einzugehen, ob Brechts Kleidung teurer Designerproletkult war oder billiges Zeug von der Stange. Das interessiert vielleicht die Archivare, die in der banalen Vollständigkeit den Eros entdecken, das wird aber nicht der Würdigung des größten Fragestellers der Moderne gerecht.

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4 Gedanken zu „Eine Referenz an das Minutiöse

  1. Petra Gust-Kazakos

    Oh, erstaunlich, ich hätte von Knopf auch ein ganz anderes Buch erwartet. Ob es daran liegt, dass er schon sehr lange über Brecht forscht, und mit diesem Buch zur Abwechslung mal ein größeres Lesepublikum ansprechen bzw. für Brecht interessieren wollte?

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