Kropotkins Renaissance

Jetzt kommt sie, die schleichende Renaissance des Anarchismus. Zu heftig waren die Zerstörungen, die die Epochen von klassischem Kapitalismus und modernem Imperialismus hinterlassen haben. Ihnen die Kriege anzulasten, das wäre sicherlich unaufrichtig, denn die gab es schon immer und sie gehören wohl zu den allgemeinen Unzulänglichkeiten der menschlichen Existenz. Aber die Produktionsweise, mit der das Bürgertum einst so stolz angetreten ist, um die Welt zu zivilisieren, die hat es nicht vermocht, den hehren Zielen zu entsprechen. Auch die Warenproduktion hat Natur und Menschen über Gebühr verzehrt, und trotz des tatsächlich weltweit akkumulierten Reichtums ist es mit einer reinen Distributionslösung nicht getan. Der so scheußliche, aber daher so merkbare Satz, dass die Distribution der Produktion demokratisiert werden müsse, um die Menschheit zu befreien, ist leider nicht mehr hinreichend.

Zu weit sind die Eingriffe in die Naturzyklen und auf die Naturressourcen gegangen und zu sehr wurde der Mensch seiner Befähigungen beraubt, als dass eine normale Umverteilung die Chancen auf eine glückliche Existenz rehabilitieren würde. Auch wenn es wegen seiner inflationären Nutzung ungeheuer auf die Nerven schlägt, das Unwort aus der Forstwirtschaft des 19. Jahrhunderts, die Nachhaltigkeit, ist deshalb so en vogue, weil sie genau das Defizit beschreibt, das Kapitalismus und der aktuelle Finanzkapitalismus mit seinen dreckigen Krallen gerissen hat: Eine Demut vor der materiellen Existenz, weil sie generell zu den Hypotheken gehört, die die Menschheit als Gast auf diesem Planeten stets im Auge behalten sollte. Wer die Verantwortlichkeit der eigenen Individualität vor der eigenen Gattung bei seinen Taten nicht im Fokus hat, der gesellt sich zum Räubervolk, das in der hoch komplexen Welt, in der wir leben, nicht mehr geduldet werden kann. Und wer die Degeneration der humanen Fähigkeiten in einer von Verwertung gepeitschten, von digitalen Maschinen gesteuerten Welt nicht mehr bemerkt, der hat die Mutation vom Subjekt zum Objekt bereits hinter sich.

Und irgendwann, so könnte man die Irrationalität der Weltgeschichte ruhigen Mutes beschreiben, da kommen sie zurück, die guten, von Menschenliebe getriebenen Geister der Revolte. Einer davon, der russische Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, der bereits 1921 nach einem bewegten Leben starb, der ist so einer. Er stammte aus dem obersten russischen Adel, ging so quer es ging gegen die vorgesehenen Sozialisationswege seiner Klasse, entwickelte eine aus der Perspektive der asiatischen Produktionsweise beeinflusste Form des kollektivistischen Anarchismus, welche sich am besten in seiner Schrift Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt nachlesen lässt und ging den Weg des Outcasts, d.h. Exil und Gefängnis halfen ihm dabei, seinen Ideen treu zu bleiben. Kropotkin ist nun den Archiven entstiegen und tummelt sich in den Theorien so genannter Start-ups der kreativen Klasse in der Neuen Welt.

Ob in den Designs über nachhaltige Produktion, der Philosophie über die regenerativen Anteile der eigenen Zeitkontingente bis hin zu den Business-Konzepten des Teilens, die wir von einzelnen Mobilitätsprodukten bis hin zu kommunalen Labels finden, meist erdacht in Seattle, Seoul oder San Francisco, aber längt in unseren Lebenswelten angekommen, es handelt sich um die Wesenszüge der Theorie Kropotkins. Das mag die einen beflügeln und die anderen verärgern, interessant ist jedoch, dass die Grundfragen, die der frühe Kapitalismus mit sich brachte, auch durch seine Weiterentwicklung bis hin zum globalen System der Finanzen nicht gelöst wurden. Insofern ist Kropotkins Renaissance ein mächtiges Lesezeichen, das darauf verweist, dass die existenziellen Fragen nach wie vor im Raum stehen.

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4 Gedanken zu „Kropotkins Renaissance

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