Wie tief sind wir gesunken?

Die Transformation monolithischer Staatssysteme zu einer offenen Demokratie ist ein langer Prozess. Die große Schwierigkeit, die sich damit verbindet, ist die Suche nach Artikulations- und Organisationsformen einer sich bildenden Opposition. Das ist bei jedem Übergang von Diktaturen so und es ist schwierig genug, von außen zu begreifen, was vor sich geht. Noch komplizierter wird es, wenn die staatsmonopolistischen Gesellschaften Osteuropas diesen Weg beschreiten. Sie sind allesamt geprägt von einer despotischen Bürokratie, die ihrerseits erwachsen ist aus dem, was Karl August Wittfogel als die asiatische Produktionsweise bezeichnete. Ein gutes Beispiel für einen langen, wahrscheinlich letztendlich erfolgreichen, aber auch von Rückschlägen und Umwegen geprägten Prozess zu gesellschaftlicher Offenheit ist Polen. Von der Solidarnosc bis heute war es ein weiter Weg, der noch nicht zu Ende ist.

So wie es scheint, lassen sich die Ereignisse politischer Veränderungen anhand der Namen von zentralen Plätzen beschreiben. Tahrir in Kairo, Taksim in Istanbul und jetzt Maidan in Kiew. Neu ist das nicht, man denke nur an die Plaza de Mayo zu Buenos Aires, aber die Namen dieser Plätze scheinen auch zu stehen für semiotische Zeichen des politischen Umbruchs, für den man hier bei uns im Westen kaum noch Worte findet. Zu unbekannt sind die Akteure des Widerstands, zu unkonturiert das Profil der politischen Gruppierungen, die zumeist erst im Begriff sind, sich zu formieren. Da aber die Bilder, die von diesen Plätzen gesendet werden konnten und gegenwärtig vor allen nachts von Kiews Maidan gesendet werden können alles an Dramaturgie enthalten, wovon eine mediale Inszenierung nur träumen kann, werden Zeitzeugen gesucht, notfalls auch mittels Headhunting.

So entstehen Geschichten, die mit dem beschwerlichen Prozess in einer autoritären Gesellschaft relativ wenig zu tun haben und die die Betrachtenden zu dem Schluss kommen lassen, dass es sich bei der Bewegung in der Ukraine um ein eindeutiges Votum für die Staatsformen im Mainstreameuropa handelt. Als Souffleur für diese Version der zeitgenössischen Geschichtsschreibung fungiert gegenwärtig der Berufsboxer Vitali Klitschko, der ja ein gefühlter Deutscher ist, seitdem er seine professionelle Hochkonjunktur hierzulande erlebte. Er ist ein Gesicht der Opposition in der Ukraine, aber nicht das einzige und auch kein unumstrittenes. Andere Oppositionelle kommen in der hiesigen Berichterstattung jedoch kaum vor. Das ist aber auch nicht notwendig, denn es stand von vorne herein fest, dass die rebellierenden Massen der Ukraine nichts anderes wollen als in die Arme des EU-Monopolismus. Ob das so ist, muss jedoch bezweifelt werden, denn zu schwerwiegend sind die Blaupausen für eine systemische neue Abhängigkeit.

Insofern könnte man sagen, es ist alles wie immer, tauchte da nicht jetzt, gerade passend zur Eskalation des Ganzen, die Expertin Marina Weisband auf, ihrerseits Ex-Piratin, Privatgelehrte und mediale Egozentrikerin. Ihre Expertise besteht aus der Tatsache, dass in ihrem Pass als Geburtsort Kiew steht. Da können wir heilfroh sein, jetzt doch noch Insider-Informationen zu bekommen. Analog zu Claudia Roth, die bei laufender Taxi-Uhr den Istanbuler Taksim Platz besuchte, wagte sich Marina Weisband, ihrerseits wegen der hohen politischen Qualität längst zur Bild-Ikone avanciert, auch auf den Maidan und lieferte Spiegel Online die heißesten Nachrichten per se. Und sie hat auch einen Vortrag dort gehalten über Liquid Democracy, was wahrscheinlich an revolutionärer Gestaltungskraft kaum überboten werden kann. Auf dem Maidan, auf dem die Leute Dreck und trocken Brot fressen und verzweifelt nach Verbandsmaterial suchen, lacht man nachsichtig über die Scharlatane aus dem Westen. Das Publikum hier, in den heiligen Hallen der kritischen Reflexion, sieht das ganz anders.

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16 Gedanken zu „Wie tief sind wir gesunken?

  1. hildegardlewi

    Es ist immer wieder überraschend, mit welchen Mitteln man die Menschen zu ihrem Glück zwingen muß. Politik ist nicht meine starke Seite, deshalb bin ich auch nicht auf dem laufenden, ob noch mehr aussichtsreiche Kandidaten herzlichst eingeladen werden können, der EU beizutreten.

    1. oberham

      Ich stimme in vielem zu, es ist eine elegante Zustandsbeschreibung. Doch in Einem widerspreche ich, es ist nicht nur eine Frage der Organisation, die wäre schnell zu gestalten, es ist eine Frage der individuellen Angst – oder des fehlenden Mutes!

      …. und gerade Angst und Mut kommen nun wieder in der Verzweiflung zusammen, leider jedoch am völlig falschen Ort.

      Meine Gedanken sind formuliert – im Grunde hat sie schon einer der sich als Hund bezeichnete, vor knapp zweieinhalbtausend Jahren ausgesprochen – er suchte nach den Menschen, am hellen Tag mit einer Kerze.
      Die Metapher ist geblieben, sie hat die Jahrtausende überdauert, auch die Idee, nur – sie lebt seither immer nur in winzigen Nischen.
      Warum brechen wir sie nicht auf, warum öffnen wir nicht unsere Herzen und wagen die soziale solidarische Anarchie?
      Warum entscheiden wir uns lieber für But und Tränen, statt für helfende Hände und Vertrauen?
      ….. oder ist unser vermeintlicher Intellekt, letztlich nichts weiter als ein Mittel zur Jagd?

  2. hildegardlewi

    Sehr geehrter Herr Oberhan, es sind stets die Beiträge die mich verwirren, wenn der Schreiber
    das „Wir“bemüht. Wenn man ein“wir“ möchte, muß man mit einem“ich“ voran gehen.
    Es ist so, als wenn man sagt „Man müßte mal……. Es sind immer diese heeren Worte: „Warum öffnen wir nicht unsere Herzen – öffnen Sie mal Ihr Herz, sie werden sich wundern.
    Gehen sie einfacjh voran, daß könnte ich akzeptieren.

  3. Gerhard Mersmann Autor

    Da fällt mir mein Freund Oskar Maria Graf ein, der war Katholik und Anarchist und hatte aus dem ganzen Nazi-Kram nur einen Schluss gezogen: Was ich nicht selber mache, das darf ich auch nicht von andern fordern. Eine alte Weisheit, von einem lebenslangen Rebellen ausgesprochen!

      1. Gerhard Mersmann Autor

        Wilhelm,

        ich sah in Leipzig an einer Skulptur den Satz:

        Darf man aus politischen Gründen ein Menschenleben aufs Spiel setzen? Ja, aber nur das eigene!

        Das hat mich sehr beeindruckt!
        Gerd

  4. monologe

    Über diesem Aufsatz werden Erinnerungen an den heißen Wunsch der „ehemaligen“ DDR wach, sich schnellsten mit der BRD, den Brüdern und Schwestern, zu vereinigen. Der Rest aller Proletarier-Länder, einst vereint, hatte keinen Bruder im Westen, aber man darf sicher sein, dass auch sie gern einen gehabt hätten. Einen, der „blühende Landschaften“ verspricht. Die DDR-Leute waren bereit, alles zu geben für die D-Mark, ihr Land, ihre Felder, Wälder und Wiesen, ihre Fabriken, ja, ihre heißgeliebten Pappautos! Sie glaubten, es werde dennoch alles so weiter-, nein, besser gehen als zuvor – auf „höherem Niveau“ und als Menschen 1. Klasse.
    Es mag sein, dass die Leute in der Ukraine eine mit jener überschwänglichen Aufbruchstimmung in der DDR verwandten Drang fühlen, in die „bessere Gesellschaft“ aufgenommen zu werden, wenn sie sich für einen Weg in die EU entscheiden. Sie glauben an einen Aufstieg, an ein besseres Leben in und für Recht und Gerechtigkeit. Sie glauben, dass die ukrainisch-russische Welt dem Gestern angehört, dem Dunkeln, Rohen, und sie darin stehen wie in Eimern, in denen der Zement hart wird. Sie wollen aus ihrer eigenen Mentalität heraus wie Eidechsen aus ihrer Haut, sie haben ihre Identität satt. Man möchte ihnen schon jetzt voraussagen, dass ihre schönste Zeit die bleiben wird, die sie auf dem Maidan auf den Barrikaden zugebracht haben. Egal, wie es ausgehen wird.

    1. entdeckeengland

      Hallo monologe, da ich noch ein Teenager zur Wendezeit war, sind meine Erinnerungen sicherlich weder akurat noch repräsentativ. Aber ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, dass die meisten „kleinen Leute“, die ja eigentlich die große Masse sind, in meiner Umgebung sehr skeptisch der schnellen Wiedervereinigung gegenüber standen. Ich glaube, die meisten DDR-Bürger wollten in erster Linie reisen und volle Regale in den Läden. Und ja, nebenbei wollten sie auch das Recht auf freie Meinungsäußerung und faire Wahlen. Mit der Skepsis haben viele DDR-Bürger leider Recht behalten, denn die meisten unter ihnen haben im Zuge der Wiedervereinigung ihre Jobs verloren, und weil die im Vergleich unproduktiven DDR-Betriebe schneller geschlossen wurden als sie sich anpassen konnten, entstanden große wirtschaftliche Einöden in den neuen Bundesländern, die zum Teil bis heute fortbestehen. Ob es mit einer Wiederveinigung in kleinen Schritten anders gekommen wäre und wie so ein Prozess überhaupt hätte gestaltet werden können, darüber wage ich nicht zu spekulieren. Aber was wir bei der Beobachtung von Revolutionen nicht vergessen sollten, ist, dass sich die „kleinen Leute“ in der Regel für alltägliche Dinge interessieren. DIe Leute gehen auf die Straße, weil ihnen das Leben unerträglich wird. Und sie unterstützen den, von dem Sie Erlösung erwarten. Das kann eine demokratische EU sein oder, wie in Kairo, die Muslim Brotherhood. Und für gewöhnlich wollen ja auch nicht alle Leute das Gleiche.
      Ach, und lieber Gerd, danke für die tiefblickende Analyse der deutschen Medienabdeckung zu dem Thema. Ich bin bestürzt. Die Berichterstattung einer Marina Weisband über die Lage in Kiew ist etwa so autentisch, wie meine Meinung über die die Höhe des deutschen Kindergeldes. 😉
      Euch noch ein schönes Wochenende,
      Peggy

  5. vfalle

    Danke für diesen Beitrag und die anschließende Diskussion. Ich habe mir auch schon Gedanken über die Berichte vom Maidan sowie die die Rolle von Frau Weisband und Herrn Klitschko gemacht.

    Zu „hildegardlewi“: Tatsächlich steht vor der Frage nach dem „wir“, die Frage nach dem „ich“.

    Das eine ist die Erkenntnis, dass etwas schief läuft. Das andere ist die Frage ob ICH die Konsequenz draus tragen möchte, oder darauf hoffe, dass es für mich noch gut gehen mag. Da erwische ich mich auch manchmal dabei, dass ich mich lieber hinter einem WIR verstecke.

    Wo Menschen nicht ohne negative Konsequenzen Fehler zugeben können, wird schweigen oder täuschen die bevorzugte Verhaltensweise bleiben. Auch das ist nichts Neues.
    Bei Personen mit großer Verantwortung (Führungskräfte und Politiker) scheint mir das aktuell allerdings besonders ausgeprägt zu sein.

    1. vfalle

      Nachtrag: Im übrigen halte ich Evolutionen für nachhaltiger als Revolutionen. Aber manchmal sind wohl extreme Positionen nötig um einen Wandel in Gang zu bringen.

    2. Gerhard Mersmann

      vfalle: der Umgang mit Fehlern ist der Schlüssel. Werden Fehler gefürchtet und tabuisiert, ist ein Scheitern langfristig gesichert. Werden sie als Notwendigkeit gesehen, um zu lernen, darf eine positive Prognose erlaubt sein.

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