La Comédie Humaine

Die Deutschen sind es, die sich in ihrer Geschichte mehr als abgemüht haben, die Welt durch ein jeweiliges System erklären zu wollen. Das lag nicht an ihrem Genius, wie manche gerne zu glauben bereit sind, sondern an ihrem nahezu genetisch nachweisbaren Dogmatismus und einer atypisch verlaufenden Beweisführung der Aufklärung. Der erste und allumfassende Versuch, die Welt und ihre Funktionsweise zu erklären, ist die monotheistische Religion. Das Christentum in Europa und Deutschland reklamierte selbstverständlich in seiner Blüte die Exklusivität der Weltdeutung. Und als es an der Zeit war, die Welt neu zu denken, weil das Denken selbst systematischer wurde, da war es Luthers Reformation, die das Himmlische irdischer machte und die Verantwortung des Menschen vergrößerte, aber das inhärente System der Welterklärung blieb seinem Wesen nach erhalten.

Was folgte, war die so genannte klassische deutsche Philosophie, ob Fichte oder Feuerbach, Schelling, Kant oder Hegel, sie alle entliehen den holistischen Interpretationsanspruch auf ihr eigenes System, bei dem nichts ausgespart blieb. Das entwickelte sich so pathologisch, dass bis in die deutsche Bürokratie hinein nie eine Toleranz zugelassen wurde, die auch nur eine Erscheinung des Lebens der Deutungshoheit des Systems entgleiten ließe. Einmal im System, immer im System.

Heute, in einem neuen Zenit der Komplexität, erscheint das alles doch sehr verwegen, wiewohl es keine Revision dieses Anspruches gibt. Nirgendwo auf der Welt ist die systemische Regelungs- und Erfassungsmanie so ausgeprägt wie hier und nirgendwo ist die Laune so schlecht, weil jede Abweichung den Ertrag verdirbt. Politisch interessant hingegen ist der aus dem sakrosankten Holismus abgeleitete Aberglaube, dass alles, was menschliche Kreaturen so anstellten, doch eigentlich durch eine systemische Reflexion in Bewegung gesetzt worden sein müsse, weil sonst doch alles keinen Sinn mache. Nur: Es ist nicht so. Auch die Deutschen, ob sie es nun wahrhaben wollen oder nicht, sind triebgesteuerte Wesen, die nicht immer eine Religion, ein philosophisches System oder eine Verwaltungsrichtlinie im Kopf haben, wenn sie eine Türklinke herunterdrücken, ein Schnäpschen kippen oder von einem sexuellen Kontakt träumen. Das Gräuel eines jeden Gedankensystems herrscht auch hier, im Homeland des puristischen Geistes: Es menschelt überall.

Vielleicht sollten wir doch in vielerlei Hinsicht dieser Erkenntnis einige praktische Konsequenzen folgen lassen und die Tatsache einfach anerkennen. Die Aufklärung hatte auch zur Folge, dass die Zwangsjacken entsorgt wurden. Wenn heute auch unaufgeklärte Menschen sich weigern, diese wieder anzuziehen, sollte das nicht verärgern. Das Recht auf unreflektierten Irrtum sollten wir nicht so einfach in den Wind schlagen. Denn für manche Existenzen ist der Moment des Untergangs der vielleicht schönste hier auf Erden.

Und vielleicht sollten wir uns einmal, ganz zur Entspannung, der epistemologischen Libertinage in manchen Phasen der französischen Geschichte erinnern, in denen ein Balzac sich die luxuriöse Frivolität erlaubte, wie Welt mit einem immensen Fortsetzungs- und Beziehungsroman zu revolutionieren, ohne gleich von einem System zu sprechen. Mehr noch: Er besaß die Frechheit, das Monumentalwerk auch noch die Comedie Humaine zu nennen. Statt zu glorifizieren und zu maximalisieren miniaturisierte Honoré de Balzac das Gewese um die menschliche Existenz, ohne auch nur in einer Zeile die Deutungshoheit zu verlieren. Was er aber der Ratio des Betrachters hinzufügte war etwas, das allen so unbestechlichen Gedankensystemen abgeht: Er fügte eine Wärme hinzu, die das Seelchen braucht, wenn der Kopf in Kälte erstarrt. Das erzeugt Demut. Und Systeme ohne Demut, die sollten wir uns einfach nicht leisten.

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9 Gedanken zu „La Comédie Humaine

  1. hildegardlewi

    Ach ja, die Deutschen. Ein dankbares Thema ohne Ende. Da kann ich ja richtig froh sein, daß ich zur Hälte französisches und polnisches Blut in mir habe. Auf mein Haupt streue ich keine Asche und laß mir auch keine draufstreuen. Sind ja erst mal ein paar Leser, aber wenn dann erst die Lawine losgetreten ist und alle darüber nachdenken und dann erst über die Eigenschaften der übrigen Weltbewohner -. und wir Deutschen immer mit der Extrawurst .Na ja, es wird schon. Man arbeitet ja feste dran. Und Schluß mit lustig.

  2. hildegardlewi

    In einem anderen Artikel hast Du selbst geschrieben, aus wie vielen Nationen wir Menschen bei uns aufgenommen haben. Speziell auch Franzosen und Polen, später Jugoslawen, Türken, ich kenne Familien aus China und Indien und vielen anderen Staaten. Und die sind alle Deutsche geworden. Sind die jetzt eine Parallelgesellschaft? Nicht nur Du, viele aus der schreibenden Zunft bemühen ständig das „wir“ Mit welchem Recht und wer ist präzise gemeint?

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Reg dich nicht über das Wir auf. Ich distanzier mich doch nicht von meinem Land, auch wenn ich mich hier manchmal wie ein Fremder fühle. Das Denken in großen Konzepten hat ja auch etwas Gutes. Nur wird es leider oft zur Obsession. Gute Nacht!

  3. hildegardlewi

    Zürnst Du noch? Leider habe ich leichtsinnigerweise eines meiner Lieblingsbücher verschenkt, weil ich ja doch kaum zum lesen komme. Es hieß „Das Erdbeben von Lissabon“ Abgesehen von der Katastrophe behandelte es auch, allerdings nicht allzu ausführlich,
    auch die enorme Auswirkung auf die Philosophie. Lessing (den mag ich), Voltaire, Rosseau, na alle, die man so kennt. Das fiel mir heute morgen ein, als es unten einen Riesenradau gab und ich erschrak, und da habe ich dann erst mal Goethe auf Reisen geschickt. Im Gedicht. Aber dieses Lissabonereignis ist nun erst mal wieder präsent. Ist Dir das bekannt? Ganz bestimmt, oder?

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Hildegard,
      Ich zürne nicht! Bin nur momentan zeitlich knapp bei Kasse. Das Erdbeben von Lissabon kenne ich, einen Literaten, der sich damit befasst hat nicht, im Gegensatz zu dem in Chile, das Kleist inspiriert hat, aber das weiß Frau Lewandowsky. Ein sehr gutes Buch über den Vulkanausbruch des Krakatau ist von Simon Winchester, der beschreibt dort, welche fundamentalen politischen Auswirkungen diese Naturkatastrophe hatte.
      Lass dich nicht beirren!

      Herzliche Grüße
      Gerd

  4. hildegardlewi

    Lieber Gerd, leider kann man die Zeit nicht wie Gummi ziehen und immer gleichzeitig auf ein paar Hochzeiten tanzen, wie es der Volksmund so schön ausdrückt. Ein Tag ist um wie nix, gleich wieder Sonntag, gleich wieder März -die Zeit läuft einem davon.
    Inzwischen habe ich ja eine ziemlich große Gemeinde zu unterhalten, was mir auch ganz besonders viel Freude macht,
    und die Dichterei und das Erzählen ja auch, und Bums ist schon wieder ein Tag vorbei und meistens eine halbe Nacht. ;Es fehlt ja nicht an Fantasie, sondern inzwischen an Themen.
    Und dann mußt Du Dich noch bißchen ärgern über meine
    aufrührerischen Kommentare. Mach ich nicht mehr. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Der unerschöpfliche Zitaten- und Sprichwörterschatz, der meine Kindheit und Jugend begleitet hat, ist noch vorhanden und ich glaube, es gibt kaum eine Situation, wo keines passen könnte.
    Du hast nicht mal nachgesehen, wie die beiden „Forscher“ ihr Unternehmen beendet haben.
    Herzliche Grüße, Hildegard

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