Brennende Archive

Dass der Umgang mit Massendaten im Zeitalter der digitalen Kommunikation zu einem zentralen Thema geworden ist, sollte nicht verwundern. Nie wurde mehr kommuniziert, und zwar aus der Eigendynamik, die die technische Möglichkeit erzeugt und nicht durch den Zuwachs von Essenz. Und nie wurde mehr gespeichert. Große Mengen profaner Interaktionen liegen in den Archiven. Und es stellt sich natürlich die Frage, wer nutzt was, d.h. ist das Wissen um die konkreten Inhalte der Kommunikation klassifizierbar als Herrschaftswissen. Letzteres sollte für Aufregung sorgen, alles andere gehört wohl zum schönen Schein des Feuilletons.

Seltsam analog zu der Entwicklung der technischen Möglichkeiten hat sich eine Rasanz im Sinne der Datenproduktion durch die Einzelnen herausgebildet. Fleißig werden Informationen von den Individuen herausgehauen, auf die Märkte der sozialen Netzwerke, der Foren und der Blogs, und mancher Leser stellt sich die Frage nach der jeweiligen Relevanz. Geht man mit Empathie an dieses Phänomen, so kommt man sicherlich zu der Erkenntnis, dass der Wille zur Mitteilung korrespondiert mit einem Prozess der Vereinsamung. Wir saugen zunehmend an digitalen statt an humanen Brüsten und letztendlich müssen wir feststellen, dass dieses nicht zu unserer Zweckbestimmung taugt und uns auch nicht gut tut.

Auf der anderen Seite braust ein Orkan der Entrüstung auf, wenn erfahren wird, dass Geheime Dienste proportional zum trivialen Output an Interaktionen die Überwachung ebendieser erhöhen. Das scheint nicht konsistent zu sein, ist aber auch egal. Denn die Öffentlichkeit im digital-medialen Zeitalter hat der Ratio wahrscheinlich mehr abgeschworen als in allen vorherigen Epochen seit der Renaissance. Da heißt es Ruhe bewahren, sonst ist die Urteilskraft in tödlicher Gefahr.

Denn noch irrationaler ist die Entstehung einer so genannten politischen Opposition, die eben aus den Produktionszusammenhängen der wirklichen oder vermeintlichen Repressionsmaschinen selber stammen. Ihr politisches Credo liegt in der totalen Transparenz. Gut, wem man nicht traut, der soll sich ausziehen, nur, wer sind sie, die selbst den Strom mit produzieren und ihn nun kollektivieren wollen? Was gewinnt eine Gesellschaft, die alle Informationen erhält, wenn sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, die keine Alternative kennt, Opposition zu organisieren als den professionellen Kommunikatoren und Propagandisten eine Regieanweisung für einen neuen Schauprozess zu geben? Wahrscheinlich, so das Kalkül der IT-Nerds mit politischem Sendungsbewusstsein, sollte man ihnen den Auftrag geben, den Dissens zwischen politischer Kommunikation und tatsächlichen Handlungen für die Masse zu handeln. Angesichts der zumeist systemimmanenten Sozialisation und völligen Unbedarftheit dieser Protagonisten im politischen Diskurs dürfte die Prognose nicht übertrieben sein, dass die Gesellschaft es relativ schnell mit Parvenüs zu tun hat, deren Abgehobenheit von den wirklichen Dingen alles übertrifft, worüber schon immer großer Unmut besteht.

Alle Revolutionen in der bisherigen Geschichte wussten um die Brisanz von Herrschaftswissen. Je nach Zeitalter und der sozialen Gruppe der Revolutionäre selbst beinhalten alle Lehren, die aus erfolgreichen Umstürzen gezogen werden konnten, dass es notwendig ist, sehr schnell Herr des archivierten Wissens zu werden. Ja. Aber es war immer Bestandteil einer Gesamtstrategie, die das Herrschaftswissen, die bewaffneten Organe, das Bildungswesen und die Medien umfasste. Die Offenlegung der Archive allein wird nichts bewirken. Das wussten auch die spanischen Anarchisten in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wenn sie im Bürgerkrieg gegen Franco einen Ort einnahmen, erledigten sie zwei Dinge immer sofort: Sie erschossen den Bürgermeister und den Pfarrer und verbrannten das Archiv. Und dann fing die eigentliche Arbeit erst an.

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5 Gedanken zu „Brennende Archive

  1. SalvaVenia

    Bürgermeister zu erschießen und Papier zu verbennen ist natürlich weder eine Lösung, noch Zeichen eines humanen Aufbruchs. Das hat maximal etwas mit Konstruktivismus zu tun, und daß dieser der Spiritualität so vollkommen entgegengesetzt ist, wie sonst nur etwas, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung.

    Ansonsten m.E. eine sehr begrüßenswerte sowie gut recherchierte und exakte Momentaufnahme.

    Ich denke, das menschliche Streben nach Zweckbestimmung ist an einem Punkt angekommen, wo es erkennen sollte, daß alle materialistisch ausgerichteten Bestrebungen, sei es im Rationalismus, sei es in der tatsächlichen und jeden Tag aufs Neue praktisch zu bewältigenden Welt, in der wir uns bewegen, weder Erfüllung noch Verheißung oder gar Erlösung reichen können.

    Es muß einen Weg geben, diesen Zustand zu transzendieren, schon alleine, um das menschliche Vorrecht auf Glück erfahren zu dürfen.

    Einen schönen Sonntag noch,
    SalvaVenia

    1. Gerhard Mersmann

      Da gebe ich dir uneingeschränkt Recht. Mir ging es vor allem um die so gefeierte Radikaliät, die sich hinter dem Ruf nach Transparenz vermeintlich verbirgt. Deshalb habe ich auf eine drastischere historische Periode verwiesen.

  2. hildegardlewi

    Ich glaube, es ist für Journalisten und Reporter heutzutage ziemlich schwer, noch auf Vorkommnisse , denen eine spannende, manchmal gefährliche Recherche zugrunde lag, sogenannte Tatsachenberichte zu schreiben. Heut surft man ein bißchen durchs Internet, sammelt ganz unterschiedliche Ergebnisse und zaubert einen Bericht. Sa kommt dann meistens ziemlich oberflächliches heraus, was einem anderen Schreiber wieder als Vorlage bzw. Grundlage dient. Was gab es früher für tolle Reporter
    und ihre Berichte haben sie in die klapprige Schreibmaschine gehauen. Das war noch eine schöne Zeit. Und das geschriebene wurde abgeheftet im Archiv irgendeines Verlages. Romantik pur.
    Befällt mich manchmal. Aberiheutzutage geht alles ruck zuck und oberflächlich. Siehste, Paco ist schon wieder Vergangenheit, da hört es auch einfach mittendrin auf und schon kommt das nächste. Wo soll man auch andauernd Themen hernehmen, in dieser überdrehten und trotzdem so gedankenlosen Zeit. Und wenn man sieht und liest, was so um uns rund passiert –
    die Naturvölker haben sich die Nachrichten zugetrommelt, das konnte jeder hören und Irrtum war ausgeschlossen. (Entschuldige, ich bin so in Schreibelaune.) 🙂

  3. Gerhard Mersmann Autor

    Das kenne ich noch aus Jakarta, als Soeharto gestürzte wurde, schlugen die Leute nachts die Botschaften die Nachrichten mit Bambusstöcken, das ging dann von Kampung zu Kampung.

    Deinen Eberhard fand ich übrigens sehr gut, solche Nervensägen gibt es leider zu oft!

  4. hildegardlewi

    Weißt Du (es war ja nicht mein Eberhard) sondern ein Bekannter der Freunde, aber ich bin mal gefragt worden, was eigentlich aus ihm geworden ist. Eine Leserin hat mich das gefragt. Es ist ja schon ewig her, diese Geschichte, aber seltsamerweise hat niemals einer von uns allen von ihm gesprochen. Einfach so: -weg isser. Niemand hat sich Gedanken gemacht oder danach gefragt. Wie Isabella sagte: Der Eberhard ist weggeflogen

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