Die zentrifugalen Kräfte Europas

Wenn es eine politische Programmatik gibt, mit der die Europäische Union nun seit Jahrzehnten auf den Markt geht, dann ist es die der Integration. Um zu verstehen, was sich dahinter verbirgt, hilft ein kurzer Blick in die Historie. Das, was wir heute als die EU ansehen, von den Azoren bis zur russischen Grenze und von Skandinavien bis an die Küsten Afrikas, begann als eine Wirtschafts- und Zollunion von Belgien, den Niederlanden und Luxembourg als BENELUX und wurde später zu der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, EWG. Das genuine Ziel der EU war Handelsvereinfachung zu gegenseitigem wirtschaftlichen Vorteil. Immer wieder genährt durch die Wunden des II. Weltkriegs waren es vor allem die Spitzenpolitiker Frankreichs und Deutschlands, die mehr aus dieser Wirtschaftsunion machen wollten, nämlich ein politisches, friedenssicherndes Bündnis in dem die Demokratie zuhause ist.

Betrachten wird den Koloss EU in seinem gegenwärtigen Zustand, dann hat die Retrospektive etwas regelrecht Putziges an sich. Wir stehen nicht nur einer enormen Ausdehnung gegenüber, sondern auch einer ungeheuren wirtschaftlichen Disparität und einer politischen Asynchronität, die in der Geschichte von nicht-militärischen Bündnissen wohl einzigartig ist. Dazu kommt eine Brüsseler Bürokratie, die den Monolithen mit dem Jonglieren von gigantischen Transferleistungen in Schach zu halten sucht. Die im 2008 aufgepoppte Weltfinanzkrise hat dazu geführt, dass die unterschiedliche Machtverteilung das Szenario einer Vereinigung zu gegenseitigem Vorteil hat zum Bersten bringen lassen. Der wachsende Zentralismus der EU hat eine spirituelle Enge in den verschiedenen Ländern der Union erzeugt, die zunehmend mit separatistischen Bewegungen beantwortet wird.

Natürlich gab es historisch auch ohne EU Separatismus in Europa, aber die Häufung sollte doch nach Jahrzehnten der Re-Education unter dem Slogan Europäische Integration Anlass zum Nachdenken geben. Gerade in diesen Tagen stehen gar Referenden an, wie in Schottland, wo es um die Abtrennung von Großbritannien geht, nicht von der EU. In Venedig hat sich eine Initiative gebildet, die bereits an die Mehrheitsmarke schwappt und die Abtrennung von Italien zum Ziel hat. Ähnliches geschieht seit Jahrzehnten in Katalonien, da geht es um die Trennung von Spanien und ist wie in Venedig eine Variante des Wohlstandsseparatismus. Dass dort ausgerechnet Pep Guardiola zu den Galionsfiguren gehört, ist sehr folgerichtig, denn mit diesem Programm der ethischen Verwahrlosung passt er gut nach Bayern. Und dass so mir nicht dir nichts Hunderttausende in Bilbao für die Verlegung von ETA-Gefangenen von Spanien ins Baskenland demonstrieren, sollte auch in gewisser Weise zu denken geben.

Das Interessante an dem Modell Demokratie im Kontext der EU ist die Tatsache, dass wir trotz einer ansteigenden Virulenz der Zentrifugalkräfte im europäischen Kernland aus den öffentlich-rechtlichen Medien kaum etwas erfahren. Während jeden Abend in den Nachrichtensendungen die Mülltonnen auf der Krim von innen und außen ausgeleuchtet werden, erfahren wir nichts aus Venedig, Mailand, Barcelona oder Bilbao. Da liegt nichts näher als die alte Weisheit aus den Arsenalen der Macht, dass es bei inneren Konflikten ratsam ist, einen Feind von außen aufzubauen, an dem man sich emotional abarbeiten kann und der die zerstrittene Familie zumindest wieder für einen Augenblick vereint. Ob letzteres gelingt, ist mehr als fraglich. Und die Probleme, die strukturell im Wesen der Union begründet liegen, wird das russische Feindbild schon gar nicht lösen. Da wären eher Felder wie direkte Demokratie oder Autonomie im aufgeklärten Sinne anzusteuern. Das liegt den Kriegsrittern des aktuellen Molochs allerdings fern.

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7 Gedanken zu „Die zentrifugalen Kräfte Europas

  1. SalvaVenia

    Ich hege immer nur die Befürchtung, daß dann, wenn Deutschland denn wirklich einmal „erwacht“, das dann gleich alles wieder so extrem sein würde. Was zeigt uns die vergangenheit? Die deutsche Seele – oder Volksseele, wie Steiner es ausdrückt – kann viel tragen, aber wehe, wenn sie glaubt überzulaufen …

  2. hildegardlewi

    Es hat ja im Laufe der Geschichte seit hunderten und tausenden von Jahren schon öfter
    Beispiele gegeben von, ich will nicht gerade sagen, größenwahnsinnigen, aber doch
    von Gestalten, die sich ihrer Unantastbarkent, Unbesiegbarkeit und Einzigartigkeit absolut sicher waren. Und dennoch hat sie der Lauf der Geschichte hinweggefegt und sie erscheinen nur noch in uralten Schriften, sonst wäre selbst ihre letzte Spur gelöscht. Wenn man in einen
    hohen Turm ein Loch schießt, ist er beschädigt und mann kann es wieder richten. Wenn man aber eine der vier Ecken des Fundaments wegzieht, stürzt der Turm zusammen. Das könnte sogar ganz natürliche Ursachen haben, würde an einer ganz entfernten Stelle der Sand abgetragen und es bildete sich ein Sog, um die Leere wieder aufzufüllen. Das macht die Natur von ganz alleine. Plötzlich ist ein See verschwunden, ein Erdrutsch hat ein Haus in die Tiefe gerissen…..Wir können eine ganze Menge dank der fortschrittlichen Wissenschaften; aber, die Natur kann auch eine ganze Menge. Man will es nicht glauben, die Natur denkt – an sich,
    und weiß sich zu helfen. Es dauert eben – Geduld.

  3. hildegardlewi

    Salvia Venia, hat der deutsche Michel Angst aufzuwachen?
    Hat er Tomaten auf den Augen uns sieht nicht, was um ihn her passiert? Dann braucht er sich keine Sorgen zu machen, dann kann er beruhigt unter der Decke weiterschlafen. Unbesorgt – den Gutenachtkuss wird er dann auch noch bekommen.

  4. entdeckeengland

    Interessante Perspektive. Sind wir doch noch nicht weiterentwickelt als Russland oder Nordkorea, wo man sich besonders über äußere Feindbilder profiliert? Das gibt zu denken. Liebe Grüße, Peggy

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Russland, Nordkorea und momentan auch sehr die Türkei. Ich will die EU nicht mit diesen Ländern Vergleichen, aber Analogien zur Vorgehensweise gibt es schon. Wie war der sonntägliche High Tea? -:)
      Liebe Grüße
      Gerd

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