Wie eine Reise mit der Zeitmaschine

Max Frisch. Aus dem Berliner Journal

Der Wert von Tagebüchern bezieht sich in seltenen Fällen auf literarische Güte. Zumal bei Schriftstellern stellte man sich ansonsten nicht umsonst die Frage, warum zur Klärung der sprachlichen und kompositorischen Qualität nicht das zu nehmen wäre, was von den Autoren selbst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Das Interesse an Tagebüchern ist vor allem aus der historischen Perspektive heraus dennoch nicht zu unterschätzen. Tagebücher geben Einlass in die Tagesroutinen, die ganz profanen Ängste, Sorgen, Quälereien oder Ausschweifungen. Daraus kann ein Bild entstehen, das das abgestimmte oder von den Feuilletons erschaffene relativieren. Und in besonders seltenen Fällen bekommt die Nachwelt noch Informationen, die nicht unbedingt das Bild der Person oder des Werkes präziseren, sondern Einblick geben in das, was man die Lebensbedingungen des Zeitalters zu nennen pflegt, zu denen auch die politischen Umstände der Existenz zählen.

Nun, lange nach seinem Tod, erscheint ein Band mit dem Titel Aus dem Berliner Journal. Es bezieht sich tatsächlich auf die täglichen Notizen Max Frischs während seiner Berliner Jahre, die 1973 in einer Wohnung in Friedenau begannen und den Rest des Jahrzehntes andauern sollten. Da das Journal vieles enthielt, was Personen des Zeitgeschehens betraf, war Max Frisch weise genug, die Publikation mit einer 20jährigen Sperrfrist zu belegen. Und die Max Frisch Stiftung, die nun letztlich darüber entschied, was aus den Journalen veröffentlicht werden sollte, war klug genug, das Private und die Beziehung Frischs zu seiner damaligen Frau nicht für die Publikation frei zu geben. In Zeiten, in denen der Voyeurismus zum Massenphänomen geworden ist, haben Charaktere wie Max Frisch und Marianne Oellers auch postum ein Recht auf Schutz.

Neben den nicht untypischen Krisen eines Schriftstellerlebens hinsichtlich akuter Schreibblockaden, Alterungshysterien und Alkoholübertreibungen bietet Aus dem Berliner Journal vor allem Einblicke in Lebensumstände und Studien von Psychogrammen interessanter Literaten jener Zeit. Die Leserinnen und Leser werden Zeugen der Auftritte Uwe Johnsons, sie erhalten Einblicke in die prekäre Existenz Wolf Biermanns in der Chausseestraße, sitzen zusammen mit Christa Wolf am Tisch, wenn sie ihr Verhältnis zur DDR erklärt. Damalige Upcomer wie Jurek Becker sind ebenso mit von der Partie wie Günter Kunert. Max Frisch nutzte das Interesse der DDR, mit literarischen Größen aus dem Ausland Verkehr zu pflegen. Als Etablierter mit einem Schweizer Pass passte er genau in den Fokus der Parteibürokraten. Er ließ sich auf das Werben ein und besuchte Ost-Berlin so oft wie möglich. Und erhielt Einsichten, die bis heute sehr wertvoll sind.

Gerade die Lebens- und Schaffensbedingungen der DDR-Schriftstellerinnen und –Schriftsteller sind vor allem aus heutiger Zeit sehr interessant, weil sie aus der Perspektive eines unabhängigen Geistes geschildert werden, der sich zu keinen Ressentiments verpflichtet sah. Frisch, der immer das Prätentiöse genauso ablehnte wie das gierige Understatement, korrigiert mit seinen Notizen nicht nur das Bild des einen oder anderen Zeitgenossen, sondern er schildert die geteilte Stadt Berlin als einen Status des Irrwitzes, für den beide Seiten teuer mit dem Stigma des Provinziellen bezahlten. Der freie Westen verströmte den gleichen Kleinbürgermief wie die Hauptstadt der DDR.

Aus dem Berliner Journal ist ein wichtiges Dokument. Es ist wie eine Reise mit der Zeitmaschine und gibt Einblicke in das Leben wichtiger Figuren der Zeitgeschichte, es dechiffriert ideologisch beladene Darstellungen von Lebensumständen in Ost und West und es vermittelt eine Ahnung von den Krisen des literarischen Schaffens.

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