Brennender Halbmond

Man kann es sich auch leicht machen. Manchen soll es ja helfen, das Dasein besser zu verkraften. Ob es dadurch auch besser wird, ist mehr als fraglich. Nach diesem Schema verlaufen gerade wieder Berichte und Kommentare über das Auftreten der Isis-Dschihadisten im irakischen Mossul. Es ist ein Debakel: Städte, die Marksteine in der Menschheitsgeschichte ausmachten wie Aleppo und Mossul, einst leuchtende Beispiele für gelebte Konkordanz, sind dabei im terroristischen Feuer zu verbrennen. Wir reden nicht mehr von lokalen Konflikten. Wir reden von einem Flächenbrand, der von Gaza über den Libanon, den Irak und Syrien bis in die Ränder der Türkei lodert und der bald das Kaspische Meer erreicht hat. Es ist eine vorderasiatische Katastrophe. Es ist sicherlich en vogue, als Erklärungsmuster den amerikanischen Krieg gegen den Irak aus dem Jahr 2003 anzuführen. Aber leider greift dieser Ansatz bei weitem zu kurz.

Schwierig war die Region schon immer, weil in ihr kulturelle, religiöse und ethnische Gegensätze aufeinanderstießen. Aber schwierig bedeutet nicht destruktiv. Ganz im Gegenteil, die antike Blüte dieser Region resultierte aus dieser Diversität. Der Kolonialismus und die Kriege, an deren Ende am Reißbrett willkürlich Grenzen gezogen wurden, sind eine Ursache für die schon seit Jahren schwelenden Brände. Damit einher gehen die Kämpfe um die Dominanz im Lager des islamischen Kulturkreises. Letztere haben eine Vehemenz, die in der Wahrnehmung Europas nicht stattfinden zugunsten einer Kritik an der sehr volatilen Rolle der USA, die überzeichnet wird. Alle Interventionen der USA in dieser Region sind Operettenauftritte allein gegen den Krieg zwischen Iran und Irak, dem eine Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Der Dschihadismus, die Taliban, der suizidale Terrorismus, egal welche verbale Variante die angebrachte zu sein scheint, diese Bewegungen haben ihre Ursprünge in einem Konflikt mit der einstigen Großmacht UdSSR in Afghanistan. Und sie alle haben ihre materiellen Quellen in Saudi Arabien. Was einst als Befreiungskrieg gegen die Sowjetunion gefeiert wurde, wurde danach zum anti-imperialistischen Kampf gegen die USA, was im Westen zu mancher Sympathie führte. Letztere sollten die überdenken, die es mit einem selbstbestimmten Leben in einer gewissen Würde ernst meinen. Auch post-traumatische Aversionen gegen die USA sollten nicht dazu führen, in einem Machtkampf von Finsterlingen, die allenfalls in die Vorstellungswelt der heiligen Inquisition passen, für irgendwen dieser Protagonisten Sympathie zu entwickeln.

Der Kampf, der soeben in Syrien und nun auch im Irak tobt und der den Libanon seit Jahrzehnten zu einem Ort der Tristesse gemacht hat, ist der Kampf im die Hegemonie im islamischen Kulturkreis, der Kampf um die Vormachtstellung durch Saudi Arabien. Man bedient sich einer zeitgenössischen Version der Kreuzritter, bewaffnet mit moderner Technologie und ohne die psychischen Hemmschwellen, die die letzten 1000 Jahre menschlicher Zivilisation den Destruktionspotenzialen gesetzt haben. Es ist ein Drama für die islamische Welt, was dort passiert. Die Kultur, die in einem bestimmten Glauben Ausfluss findet, steht an der notwendigen Schwelle zu einer Aufklärung, die über das Überleben eben dieser Kultur entscheidet. Gelingt die Aufklärung nicht, wird die bestehende Form des Obskurantismus unter lautem Getöse und millionenfachem Mord untergehen. Das ist die Sorge, die uns umtreiben sollte und die uns dazu bewegen muss, die Kräfte zu unterstützen, die sich der inneren Unterdrückung widersetzen: In der Türkei, in Syrien, im Irak, im Iran, natürlich in Afghanistan und im Libanon. Und wir sollten uns fragen, ob wir weiterhin das letzte Refugium der Sklavenhaltergesellschaft, Saudi Arabien, so behandeln wie wir das tun. Es ist zum Speien. Es geht um die Wiege der Menschheit und es geht um uns.

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12 Gedanken zu „Brennender Halbmond

  1. Pingback: Der Irak im Juni 2014. – Oder: Israels Yinon-Plan zur Aufteilung des Landes und dessen Balkanisierung. | SalvaVenia

  2. SalvaVenia

    Danke für diese lesenswerten Ausführungen. Zu bestimmten Hintergründen vertrete ich eine dezidiert andere Auffassung, weshalb ich mir erlaubt habe, auf meinem Blog eine kurze Gegenposition zu veröffentlichen: Der Irak im Juni 2014. – Oder: Israels Yinon-Plan zur Aufteilung des Landes und dessen Balkanisierung http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/06/13/der-irak-im-juni-2014-oder-israels-yinon-plan-zur-aufteilung-des-landes-und-dessen-balkanisierung/.

    Wenn Sie eingangs schreiben: „Der Kolonialismus und die Kriege, an deren Ende am Reißbrett willkürlich Grenzen gezogen wurden, sind eine Ursache für die schon seit Jahren schwelenden Brände.“, so stimme ich damit in Teilen überein. Denn es müßte doch wohl auch beachtet werden, wofür und warum die ehemaligen Kriege im Vorderen Orient respektive Mittleren Osten geführt worden sind, beispielsweise 1918.

    Auf jeden Fall bin ich zu Dank verpflichtet, war es doch Gelegenheit, in dieses Thema wieder einmal einzutauchen.

    1. Gerhard Mersmann

      Vielen Dank für die auch immer wieder kritischen Rückmeldungen. Ich möchte auch die fatalen Strategien des Westens nicht bagatellisieren, aber ebenso wenig die innere Dynamik, die aus der Region immer wieder kommt. Dissens und diesen auszuhalten ist eine Qualität, die wir schätzen sollten.!

      1. SalvaVenia

        Selbstverständlich. Wenn sich bestimmte Menschen dort nicht immer wieder mißbrauchen ließen, sähe die Situation höchstwahrscheinlich auch wesentlich entspannter aus.

  3. westendstorie

    Wie recht du hast. !
    Und manchmal gehe ich abends durch die Straßen, hier und da ein Fenster auf Kipp. Draußen ist es still und du hörst den Fernseher. Du hörst die elementar derzeit bedeutenden Fernsehsendungen derzeitiger Bullshitmedienmogule. Am liebsten willst du klingeln und fragen ob die Menschen nicht ganz bei Trost sind und sich diesen Geistesmüll täglich reinziehen.
    Eine Jahrelange hinerzogene staatliche Volksverdummung nimmt seinen Lauf.
    Und man kann einfach nur versuchen hinzusehen, sich über die Welt, UNSERE WELT informieren und weg von der Truemanshow die schleichend alle aufzufressen droht…

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