Und El Pistolero weinte

Die Pädagogen der alten Schule waren längst nicht so herzlos, wie es kolportiert wird. Auch sie hatten durchaus starke emotionale Bindungen zu den ihnen Anvertrauten. Allerdings gab es ein Vergehen, dass sie unbarmherzig werden ließ, und zwar dann, wenn das Klientel wissentlich und ohne stichhaltige Begründung unter seinen Möglichkeiten blieb. Unter diesem Aspekt verdient ein Spiel dieser Weltmeisterschaft besondere Aufmerksamkeit. Das Aufeinandertreffen Englands und Uruguays war denkwürdig. Nicht, dass das Spiel selbst die Qualität besessen hätte, als dass noch lange darüber geredet werden müsste, aber das Auftreten beider Mannschaften ist eine nähere Betrachtung wert.

Ja, die Engländer, mit denen doch einige Beobachter Sympathien nach der Partie gegen Italien hatten, sie glichen leider diesen Zöglingen der Vergangenheit, die nun schon traditionell nicht die Potenziale ausschöpften, die sie in sich tragen. Ohne Verve und Esprit spulten sie eine laue Version des Kick and Rush ab, dass man eingeschlafen wäre, hätte nicht ein Gegner existiert, der mehr wollte. Was ist aus diesem Weltreich nur geworden, in dem die Sonne nie unterging und dessen Seeleute, egal bei welcher Bucht, in der sie halt machten, den Finger ins Wasser steckten, daran leckten und jenen berühmten Satz von sich gaben Tastes salty, must be British?

Ihnen gehörte die Welt, sie hoben nicht nur den Kapitalismus aus der Taufe, sondern schufen mit dem modernen Proletariat die Grundlage für die Massendemokratie der Neuzeit und dann war Schluss. Mit der Manufaktur war einfach das Ende erreicht und das, was das Mutterland des Fußballs meistens bot, war das Gerumpel aus einer antiquierten Werkstatt. Nur einmal wurden sie Weltmeister und nicht zufälligerweise zu dem Zeitpunkt, als im proletarischen Quartier Sheperd´s Bush zu London die Gitarrenverstärker regelmäßig in Flammen aufgingen, weil ein rockender Jugendprotest das Land erschütterte. Wayne Rooney, das Implantat, dieser Star aus eben diesem proletarischen Milieu, kam einem wieder vor wie ein glückloser Schmied an der Esse. Die Zeit steht still auf der Insel und die Welt wendet sich ab und ist erschüttert.

Wie anders der Auftritt der Spieler Uruguays, die aus ihrer Niederlage gegen Costa Rica wie geläutert kamen. Sie hielten nicht nur mit dem Mut der Verzweiflung dagegen, wenn die Engländer wie ein Einsatzkommando angerannt kamen, sondern sie fanden zurück zu der Spielkultur, die sie bereits beim letzten Turnier in Südafrika ausgezeichnet hatte. Das war nicht immer so, denn die Celestinos, analog zu Brasilien die Himmlischen genannt, hatten in früheren Tagen den Namen nur deswegen, weil die Gegenspieler allzuoft Sterne zu sehen glaubten, wenn die Eisenfüße ihren Willen durchsetzten.

Diesmal war es ein Cavani, der aussieht wie ein schillernder Pianist, der den Mann in Szene setzte, den alle nur den Pistolero nennen. Bezeichnenderweise verdient der sein Geld in Friedenszeiten beim FC Liverpool und er war es, der mit rauchenden Colts die Engländer exekutierte. Luis Suarez war der Held des Spiels, der mit einem goldenen Kopfball und mit einem Blattschuss das englische Imperium wieder einmal zum Einstürzen brachte. Und ausgerechnet dieser Mann, dem der Reporter nachsagte, er sei so abgezockt, dass er morgens Eiswürfel pinkele, dieser Pistolero Luis Suarez, der brach nach dem Spiel in Tränen aus und schluchzte in die laufenden Kameras, dass der Druck nach der ersten Niederlage aus der Heimat so groß gewesen sei, dass er heilfroh sei, es nun allen bewiesen zu haben.

Ja Uruguay, zu dessen Gründungsmythos quasi der Fußball gehört, hat seinen in fremden Ländern reüssierten Stars einmal kurz die kalte Schulter gezeigt. Keine Schwester hätte sie mehr geherzt, kein Bruder bewundert, keine Mutter ihnen den das Selbstbewusstsein schaffenden Kuss auf die Stirn gegeben und kein Vater schützend die erfahrene Hand auf den Nacken gelegt, wenn sie nicht gespurt hätten. Das hat gewirkt, und wir waren wieder einmal Zeugen eines großen Schauspiels, dass in dieser Weise nur der Fußball inszeniert.

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5 Gedanken zu „Und El Pistolero weinte

  1. guinness44

    Hat Uruguay nicht gegen Costa Rica verloren? Und die Albi-Celesti sind doch die Argentinier und nicht die Brasilianer, oder?

  2. SalvaVenia

    Ich werde keine Fußballnnachrichten mehr anhören oder gar Zeitungs- oder andersgedruckte Meldungen dazu lesen, keinem Olli und keinem Mehmet mehr lauschen, die diesbezügliche Bloggerszene weit umgehen und einsam und verlassen solange auf den dunklen Bildschirm starren, bis der Herr Mersmann erweichenderweise endlich sein Fußballplazet verkündet, ja, seine inspirierten und geschichtsträchtigen Wortgebilde mich innigst umgarnen und umhüllen – und dergestalt meiner Balltretwelt jenen Rahmen verleiht, der lebenswichtig fest verankert diesen Genuß dann endlich mit Transzendenz und innigster Freude beseelt, dem Glauben an das wirklich wahre Gute den immerwährenden Bestand gewährt und mir erlaubt, den schnöden Anderen hoch erhobenen Hauptes mit Philosophie und wohlgeordneter Historie entgegenzusprechen … 🙂

  3. hildegardlewi

    Unmerklich verbreitete sich das Gefühl, daß mit dem Fußball eine Veränderung vorgeht. Wenn man nun nicht der absolute Fan ist, kann man das auch nur schlecht beschreiben. Ich wollte mir nun noch zum Tagesabschluß Japan-Griechenland ansehen, um am nächsten Tag mit Freunden darüber zu diskutieren. D.h., die Experten reden, ich höre zu, wenn sie reden, denn sie spielen alle Fußball, zumindest hatten sie…..
    Das Spiel fand ich weitgehend enttäuschend, aber dieser die ganze Zeit über unaufhörlich redende Kommentator, der mal im Stakkato mit abruppten Unterbrechiungen endlose Tiraden von sich gab,
    um nach einem (Atemzug?`)`umgehend weiterzuquatschen, war extrem nervtötend und verdarb den Abend; es war ja fast 2 Uhr nachts, also von Abend kann da auch keine Rede mehr sein. Solche Leute sollten kein Honorar bekommen, man müßte ihnen Schweigegeld anbieten. Schade um den Abend.

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