Julius Caesar und Ghanas schwarze Sterne

Die Bewertung der Kurse gleicht dem Treiben auf dem überhitzten Börsenparkett. Wie schnell waren sich die Rating Agenturen des Fußballs doch einig, dass der afrikanische Fußball eine kleine Sternstunde bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika erlebt habe, aber letztendlich doch weit überbewertet wäre und eigentlich auf Jahre hinaus keine Rolle spiele. Und andererseits dominierte nach dem 4:0 Sieg der Deutschen sehr schnell die Auffassung, dass nun ein Durchmarsch komme. Alles weit gefehlt, genauso wie die Einschätzung, dass der zweifelsohne deutliche Sieg der Franzosen letztere über Nacht zu einem ernst zu nehmenden Kandidaten für den Titel machte, während Brasilien nach dem 0:0 gegen Mexiko wohl kaum noch eine Rolle spiele. Der hysterischen Journaille hülfe, wenn sie einfach nur die Einschätzung teilte, dass jedes Spiel für sich erst einmal gewonnen werden muss.

Ghanas Black Stars zeigten am Samstag zunächst einmal, was von zumindest ihrem Fußball zu halten ist, wenn es um etwas geht. Schnell, robust und technisch hochwertig zeigten sie dem deutschen Team, dass sie ein anderes Kaliber waren als ein nach bereits zwanzig Minuten demoralisiertes Portugal. Aber wer nicht sehen will, der sieht nicht. Auch die Dominanz Ghanas in der ersten halben Stunde wurde noch mit der taktischen Finesse erklärt, man schone die Reserven für die zweite Halbzeit. Letztere hatte es dann in sich, die Deutschen legten zwar durch ein aggressiv heraus gespieltes Tor vor, wurden aber nur drei Minuten später böse ausgekontert und bekamen dann, weil sie es nicht begreifen wollten, einen zweiten Schlag. Dann kam er, der Pfälzer Pole, Miroslav Klose, der Mittelstürmer klassischen Formats, der kurz nach seiner Einwechslung in seiner ihm typischen Weise egalisierte. Er war es, der letztendlich das deutsche Gesicht zu wahren half, zusammen mit dem Söldner vom Tegernsee, der mit guten Reaktionen dazu beitrug, dass der Punkt gehalten wurde. Angesichts der Neigung, nach jedem Sieg erneut schon wieder Weltmeister zu sein, war der laue Punkt Gold wert.

Während vor allem die bis jetzt überaus erfolgreichen Mannschaften Südamerikas mit einem System aufwarten, dass auf eher klassische Strukturen setzt, mit einem durchaus modernen Verständnis der individuellen Rolle der einzelnen Spieler und Spanien mit der klassischen Form des Tiki Taka ein Debakel erlebte, scheint die Konzeption des Bundestrainers die eines Baukastens zu sein. Situativ nennt man so etwas, was nicht schlecht sein muss, solange es funktioniert und erfolgreich ist. Die deutsche Mannschaft ist durchaus in der Lage, beide dominierenden Systeme zu spielen, das der Balldominanz durch Kurzpassspiel und das Umschaltspiel mit Blitzattacken. Die große Kunst besteht in der jeweiligen Inszenierung. Das hat gegen Ghana nicht so geklappt, wie man sich das vorstellte. Und es lag an der Klasse Ghanas.

Julius Caesar schrieb in seinem Bellum Gallicum die Blaupause für eine Art der Betrachtung, die aber nur deshalb möglich war, weil Caesar um die tatsächliche Hegemonie des römischen Imperiums und die reale Schlagkraft seiner militärischen Verbände wusste. Dennoch leitete er jeden, aber auch jeden seiner Schlachtberichte mit einer sehr wertschätzenden Weise über die Gegner ein. Er beschrieb ihre Stärken in jederlei Hinsicht, in Technik, in Ausrüstung und in Moral. Um dann, nach erfolgreichem Ausgang, in umso strahlenderem Glanze zu erscheinen. Ghana wurde in den volatilen Medien bereits als eine zerstrittene Buschtruppe diffamiert. Einer der Fehler, die auch der Fußball nicht verzeiht.

Advertisements

4 Gedanken zu „Julius Caesar und Ghanas schwarze Sterne

  1. hildegardlewi

    Morgenstunde hat Gold im Munde, und da nutze ich diese zunächst, um mich über Deinen ausgezeichneten Artikel zu freuen. Ich, die nun nicht gerade ein Fußballfan ist, habe mit unglaublicher Seelenruhe und keinerlei Parteinahme (Was ich eigentlich auch bei anderen Situationen möglichst vermeide) das Spiel genossen. Zu meiner eigenen Verwunderung war es mir ein großer Genuß, und ich fand das Spiel veeindruckend zwischen zwei gleichwertigen Mannschaften, wenngleich eine wegen falscher Voreinschätzung etwas spät aus dem Mustoo kam.

  2. hildegardlewi

    Und nach wie vor bin ich beeindruckt vom kleinen Mehmet, der ist ja ein richtiger Sympathiebolzen. Ein Glück, daß nur alle paar Jahre
    WM ist. Jedenfalls aber vermittelte sie viel Sympathie für die Gastgeberländer und insgesamt, beachtlich bei solch riesigen Stadien und den vielen unterschiedlichen Menschen, ein warmes Gefühl für die Menschheit. Geht doch, wenn man sich bißchen anstrengt.

  3. guinness44

    Sehr gut. Kann meiner Vorkommentatorin nur zustimmen, Mehmet ist sehr erfrischend und weiss auch mal wo es besser ist den Mund zu halten (siehe Lahm). Das Spiel hatte was für jede Sicht. Wer an Deutschland glaubt kann sich bestätigt fühlen, denn es waren gute Elemente enthalten. Genauso waren Schwächen enthalten, die mir nicht besonders viel Hoffnung geben. Schaun mer mal. Der „Söldner vom Tegernsee“ ist gut. Musste erst einmal überlegen wer das sein soll.

  4. kaetheknobloch

    Wieder trefflichst formuliert, werter Herr Mersmann. Und auch ich bekenne mich einer kleinen Schollschwäche. Schönstsonntagsgrüße, Ihre Frau Knobloch.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.