WM: Von Mythen und Mustern

Ohne Mythen lebt sich schlecht. Wenn das jemand weiß, dann die Deutschen. Nicht nur, dass sie sich zu jeder Herausforderung ihres Schicksals Mythen schufen, um besser mit dem Unabweichlichen umgehen zu können. Nein, sie lagen zumeist mit den Mythen so daneben, dass sie ein zweites Mal zum Opfer wurden. Diesmal das des eigens geschaffenen Mythos. Das war so mit der Dolchstoßlegende, das war so mit der Schlacht von Tannenberg und das war so mit dem russischen Winter. Der einzige Mythos, der richtig trifft, ist der um Siegfried, aber dessen Dechiffrierung tut so weh, dass ihn niemand mehr wissen will oder gar kennt.

Geblieben ist jedoch der Gestus. Kein Geschehnis ohne Mythos. Auch die WM in Brasilien hat die deutschen Mythensucher schon auf den Plan gerufen und der erste war schon geschaffen, bevor das Turnier begonnen hatte. Das schlimme Klima da drüben in den Tropenwäldern, das wird der größte Gegner sein, so hieß es. Selbst anderweitige Richtigstellungen aus berufenem Munde wie dem einstigen Fußball-Topmanager Rainer Calmund gehen unter in dem Geheule über die unmenschlichen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit, beides Bedingungen, die nur den Latinos in die Hände beziehungsweise Füße spielen würden.

Der stellte nämlich schon vor der WM klar, dass in Südamerika momentan Winter herrscht und in Ländern wie Argentinien oder Chile Temperaturen die Runde machten, die unter denen des europäischen Sommers liegen. Was bleibt ist die Luftfeuchtigkeit, unter der wahrscheinlich alle gleich leiden. Bei dem Spiel der deutschen Mannschaft gegen Ghana kam dann noch der stumpfe Rasen hinzu, der Supertechnikern wie Philip Lahm das Leben so schwer gemacht hatte, dass der gleich den Gegner mit Vorlagen zum eigenen Rückstand bediente. Je mehr der Bestand der deutschen Mannschaft im Turnier gefährdet ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, das noch Mythen hinzukommen, die das eigene Misslingen zu erklären suchen. Erwachsen ist das nicht.

Wiederum im Kontext zum Ghana-Spiel ließ sich eine mediale Rezeption beobachten, die zumindest eine intendierte Darstellung eines Prototypen gelungener Integration beinhaltet: Die Berichterstattung um die ungleichen Brüder Jerome und Kevin Prince Boateng. Kaum ein Medium, das im Vorfeld das heikle Duell der Immigrantenbrüder aus dem Berliner Wedding nicht aufgegriffen hätte. Und wie mit einem unsichtbaren Drehbuch arrangiert, hatten sie alle den gleichen Tenor. Auf der einen Seite der liebe Jerome, der immer artig war, sich assimilierte und dann beim vermeintlichen Musterverein Bayern München landete und nun für Deutschland spielt und auf der anderen Seite der Bad Boy Kevin Prince, der Weltenbummler und Ballack-Zerstörer, der es immer wieder krachen lässt, in England und Italien wichtige Jahre vergammelte, jetzt beim Proletenklub Schalke 04 seine lästerlichen Runden dreht und zudem undankbarerweise für Ghana spielt..

Einmal abgesehen davon, das anzuzweifeln ist, ob die tatsächlichen Biographien der beiden, die sich jenseits der Sport Publicity abspielten, mit dieser Schwarz-Weiß-Zeichnung tatsächlich harmonieren, offenbaren sie dennoch eine verräterische Intention. Sie dokumentieren, dass unter Integration in Wahrheit Assimilation verstanden wird. Da schwebt das Theorem des Inzest an ganz prominenter Stelle über den Arenen, obwohl dort unten in den feuchten Kesseln genau das Gegenteil bezeugt wird. Der Gewinn von Integration ist die Erweiterung der eigenen Kultur um das Andere, Neue, und nicht die Anpassung das Anderen an das Vorhandene. So ist auch die WM voller Mythen und stark geprägt von Politik.

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9 Gedanken zu „WM: Von Mythen und Mustern

  1. guinness44

    Jetzt lass den Medien doch die Boatengs. 🙂 Zum Glück haben sie den Namen und die Hautfarbe des Vaters, ansonsten wären es ganz normale Berliner Jungs bzw. Männer, die gut kicken können. Jermaine Jones kann man in die gleiche Gruppe nehmen. Jones und KPB hätten bestimmt liebend gerne für Deutschland gespielt, aber bevor sie die WM am TV glotzen spielen sie für die Länder ihrer Väter. Im Falle von Jones ist es noch relativ einfach sich damit zu identifizieren, aber KPB scheint mit Ghana nicht so viel am Hut zu haben. Wahrscheinlich wie die allermeisten Berliner.

    Zu den Mythen kann ich nur zustimmen, besonders wenn man sich anschaut, dass die meisten Spitzenspieler der südamerikanischen Mannschaften in Europa ihr Geld verdienen.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Ja, den Jermaine habe ich nicht erwähnt, aber der war von vornherein ein Bad Boy, da reichte schon der Gang von Frankfurt nach Schalke. Jedenfalls haben wir gute und böse Immigranten, das ist signifikant. Helmut alias Cacau ist so ein Beispiel für die Lieben!

      1. guinness44

        Von Jermaine gibt es die schöne Geschichte der sogenannten Golanhöhen. Die Gegend in Frankfurt wo er angeblich herkommt liegt um den Ben-Gurion-Ring, im Volksmund die Golanhöhen. Die Geschichte geht folgendermaßen. Dort kam die Polizei vorbei, wenn die Miete einmal pünktlich auf dem Konto war und fragte wo das Geld her kommt.

        Jones, wie Götze, Neuer, etc hat den großen Fehler gemacht sich als Frankfurter/Dortmunder/Buerer Junge zu positionieren. Das wird einem übel genommen.

      2. Gerhard Mersmann Autor

        Das ist doch der Stadtteil Bonames, oder? Aber es sind schöne Geschichten. Gelsenkirchen Bismarck ist auch so ein Pflaster, Özil fuhr noch in Madrid einen Ferrari mit Kennzeichen GE und Gündogan kommt aus den selben Blöcken.

      3. guinness44

        genau, nicht die schönste Ecke von Frankfurt. Steffi Jones kommt auch aus der Gegend. Allerdings fällt mir außer Bierhoff kein deutscher Profi ein, der mit goldenen Löffeln geboren wurde.

  2. hildegardlewi

    Lieber Gerd, ich entdecke ständig neue Seiten an Dir. Ich mußte wirklich einige Male herzhaft lachen über Deine beinahe liebenswerte Ironie. Für die Märchenstunden bin ich doch zuständig. Ich hatte mich auch immer gewundert, wie die Mannschaften die ganze Zeit munter über den Rasen hüpften und keiner vor Erschöpfung nach Wasser lächtzend umfiel. Sie waren wirklich ständig in Bewegung, und von den Zuschauern ist auch keiner vom Hocker gefallen. Diese liebenswerten heiteren Menschen hatten sogar Kleinkinder dabei. Mitunter war es ja wirklich wie Kintopp. Ich erinnerte mich an Spiele hier bei uns, die ich ab und zu mal angesehen habe, wo teilweise die Mannschaften nur noch zu Fuß über den Rasen schlichen. Na, wir werden sehen.

  3. nektutir

    meine große, völlig unreflektierete zuneigung zu spielern wie jones oder kevin-prince zeigt dann wahrscheinlich, wie schlecht ich assimiliert bin 😀

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