Keine Freiheit ohne Emotion

Ein großes Problem unserer Tage äußert sich in einer zu recht beklagten Orientierungslosigkeit. Manche führen dies auf fehlende Strategien zurück, andere wiederum auf mangelnde Bildung. Beide Vermutungen sind nicht so ganz von der Hand zu weisen, deuten sie doch auf zwei Seiten einer Medaille hin. Wenn Strategien existieren, dann sollten sie zumindest auch denen kommuniziert werden, die sie betreffen, im Aktiven wie im Passiven. Einmal abgesehen davon, dass es auch Strategien gibt, die keiner kennen soll, wie zum Beispiel in der Politik, weil sonst eine Diskussion darüber losbräche, die vieles der klandestinen Strategie gefährden könnte, fristen andererseits auch große Organisationen und Staaten ein Dasein ohne Strategie. Das ist regelrecht gefährlich, weil ungeheure Energien und Potenziale die Gelegenheit haben, sich im semantischen Niemandsland zu entfalten.

Doch auch dort, wo Strategien existieren, ist eine gewisse Nonchalance auch derer, die von ihnen betroffen sind, gegenüber der Formulierung der Ziele zu vernehmen. Die Erklärungsmuster reichen von einer unterstellten Wurstigkeit der Betroffenen bis zu einer mangelnden kognitiven Fähigkeit derselben. Und, fragte man diese selbst, so würden sie entweder mit den Schultern zucken, was für die beschriebenen Zuweisungen spräche oder aber sehr dezidiert auf die mangelnde Authentizität der verantwortlich Handelnden verweisen. Da vernimmt man sehr schnell die Weise der mangelnden Glaubwürdigkeit, die durch ein Abweichen der eigenen Praxis von den formulierten Zielen und Forderungen entsteht.

Und es ist nicht so, dass diejenigen, für die eine Strategie bindend wäre, selbst bei einem Erkennen ihrer Dimension ihr nicht nur aus renitenten Motiven nicht folgten. Tief in ihrem Innern reflektieren diese Individuen, dass es noch etwas gibt, das stärker ist als eine Strategie und in seiner Wirkungsmagie diese bei weitem übersteigt. Es handelt sich dabei um den Glauben an die Beziehungskraft zwischen Menschen. Vielen Menschen ist es nicht genug, die Strategie zu kennen und daraus durchaus unabhängig ihre Handlungskonzepte und Maximen ableiten zu können. Tief in ihrem Innern denken sie über diese Protagonisten wie über sich selbst und stellen sich die Frage, was sie tun müssen, um diesen Protagonisten ihre Loyalität zu beweisen oder, anders herum, ihnen die soziale Botschaft zu senden, dass sie nicht auf sie rechnen können. Wie zu sehen ist: Ganz so einfach ist es nicht.

Vieles spricht dafür, dass wir weder in einer Zeit mit einem Mangel an Strategien leben noch eine Ära der Ungebildeten angebrochen ist, die nicht mehr in der Lage wären, Strategien zu dechiffrieren. Der idealtypische Fall, die Formulierung einer Strategie und die transparente Beschlussfassung, dieser zu folgen, schüfe eine Situation, in der die von der Strategie betroffenen Individuen frei wären, ihr eigenes operatives Geschäft zu gestalten. Sie könnten dieses ohne repressive Intervention tun, solange das Ergebnis ihres Handelns mit der Strategie korrespondieren würde. Und gerade dieser Freiheit trauen sie nicht, oder sie trauen sich die Nutzung dieser Freiheit nicht zu. Und genau darin besteht das Besorgniserregende: Eine Gesellschaft, die weder mit Freiheitsangeboten noch mit Toleranz geizt, sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass die Offerten reihenweise ausgeschlagen werden, weil die psychische Stabilität, Freiheit zu nutzen, in immer geringerem Maße vorhanden ist und die Rationalität vertraglicher Beziehungen als kalt erlebt wird und viele lieber wieder in die Niederungen loyaler Abhängigkeitsverhältnisse, die zwar warm, aber auch dreckig sind, zurückflüchten. Die Fähigkeit zu Freiheit erfordert nicht nur auch, sondern vor allem emotionale Kraft.

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14 Gedanken zu „Keine Freiheit ohne Emotion

  1. hildegardlewi

    Lieber Gerd, das ist wieder eine hervorragende Zustandsbeschreibung, die aber auch wieder nur einen gewissen Kreis erreicht. Su ganz gewöhnliche Menschen im ganz gewöhnlichen Umkreis und Verhältnissen m u ß man einfach sagen, was zu tun ist, Es muß kompetente Figuren geben, die einen Wandel anschieben können. Gibt es aber offensichtlich keine, weil es in der derzeitigen Situation auch Mut erfordert, weil ja immer wieder andere einen Riegel vorschieben. Oder habe ich die Quintessenz nicht begriffen?

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Hildegard, hast du, in ihrer ganzen Komplexität. Jetzt wäre die Frage, kann man das durch alle Lebensbereiche deklinieren? Auch durch den Fußball?
      Lass dich nicht vereimern!
      Gerd

  2. hildegardlewi

    Was ist denn vereimern? So viel wie veräppeln?
    Man kann doch immer nur dem Einzelnen zeigen wo es lang geht, und alle diese Einzelnen können dann erst mit der Freiheit umgehen. Geistige Freiheit und geistige Unabhängigkeit kann man doch nicht diktieren – die hat man, oder hatte sie und verlernt und muß neu motiviert werden, oder liege ich da wirklich so verkehrt?

  3. Gerhard Mersmann Autor

    Jetzt mach es nicht komplizierter als es ist! Ja, vereimern ist soviel wie veräppeln. Freiheit muss man sich nehmen, sonst wird das nichts. Viele der Freiheiten, die heute genossen werden, wurden nicht mehr erkämpft, deshalb gibt es eine Kluft zwischen dem recht und der emotionalen Fähigkeit. Wer sich nicht bewegt, spürt seine Ketten nicht. Und nur, wer sie zerreisst, kennt seine Kraft. So martialisch sollte es jetzt nicht werden, aber passiert ist passiert!

  4. hildegardlewi

    Schimpf mich nicht aus, ich habe es auf die Menge projiziert. Mir braucht keiner zu erklären, was Freiheit ist. Das ist ein heikles Thema sowieso, deshalb brauchen wir ja nicht aneinander zu geraten. Deine Freiheit geht nur so weit, wie der andere es zuläßt, oder Du machst ihn nieder. Alles hat zwei Seiten, die Freiheit auch.
    Es gibt auch Menschen, die sich ohne Freiheit geborgen fühlen. Denn Freiheit bedeutet auch Verantwortung, Achtung vor dem anderen usw, Freiheit ist ein weitgehender Begriff.

  5. hildegardlewi

    Du hast ganz recht, wozu muß ich auch immer dazwischenhauen. Angekündigt habe ich es ja schon öfter, aber es ist doch besser, ich halte die Klappe und ziehe mich zurück. Es ist ja nicht so, daß Du keine Resonanz hast. Jeder von uns hat eben seine spezifische Gemeinde. Ich sollte mich besser mehr um meine kümmern.

  6. hildegardlewi

    Diese Einstellung geht mir jetzt erst auf. Freiheit muß man sich nehmen. Die Menschheit ist unterjocht von Leuten, die sich Freiheiten nehmen. Ich möchte den sehen, der sich in meiner Gegenwart „Freiheiten“ nimmt. Man kann sich Freiheit für seine Entscheidungen nehmen oder um etwas zu beurteilen, Freiheit für gesistige Unabhängigkeit, Aber einfach Freiheit nehmen, um seinem Affen Zucker zu geben? Na, das wird was. lauter Freiheit suchende. Na ja, ich bin erst mal kuriert. Keine Angst, ich schreib nichts mehr. Auch nichts zu Fußball. Es fällt mir so schwer, mit Göttern zu verkehren.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Hildegard, ich habe bis jetzt nicht begriffen , was dich so erzürnt. Nichts ist so gemeint, dass du dich grämen solltest. Genieß das Spiel!
      Gerd

      1. hildegardlewi

        Lieber Gerd, ich glaube ich bin mein eigener Feind, wenn ich mich in ein Thema festbeiße und den Ausweg nicht finde. Da kommt es schon mal vor, daß auch die Kinder humorvoll sagen: He Mama, hier geht’s lang.Da ich ja von Dir schriftlich habe, daß Du die „Niggeligkeiten“
        als Zugabe und sozusagen als bedeutungslos betrachtest, habe ich natürlich Deine Großmut erhofft. Nun aber, was wird der heutige Abend bringen? Hier knallen Sie schon jetzt. Wann geht denn das Spektakel überhaupt los? Übrigens, „Noch’n Gedicht“ befaßt sich noch mit 1990. Hildegard

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