Deutsche Systeme und brasilianische Suggestion

Es existiert ein Phänomen in Deutschland, das bis in das tägliche Arbeitsleben reicht und weit in unsere Geschichte zurück geht. Es hängt zusammen mit dem Denken in großen Systemen, die alles erklären und – vermeintlich – keine Fragen mehr offen lassen. Es lässt sich verfolgen bis in die Religion und die verbissenen Kämpfe um sie, wird aber am deutlichsten bei Betrachtung der klassischen deutschen Philosophie. Ob Fichte oder Schelling, Kant oder Hegel, sie alle schufen komplexe, alles erklären wollende Systeme, die letztendlich so wuchtig wurden, dass ihnen kaum noch jemand folgen konnte. Was sie alle gemein hatten: auch wenn sie es reklamierten, sie gingen nicht vom Menschen, sondern immer von einem Gott oder einer Idee aus, die übermächtig war.

Heute treffen wir auf dieses Phänomen in den Niederungen des Arbeitslebens. Es wird ein Idealzustand proklamiert, und gemäß der Beschreibung werden dann Anforderungsprofile für die formuliert, die diesen Idealzustand erreichen sollen. Nicht die Potenziale der konkreten Menschen, sondern die Erfordernisse des Normativen bestimmen dann alle Aktivitäten, die folgen. Das geht so bis in die Teamentwicklung und geht meistens nicht gut aus. Übertreibt man dieses Vorgehen, dann entweicht jegliche menschliche Kreativität und es macht sich große Unsicherheit breit.

Bundestrainer Löw war bei dem bisherigen Turnierverlauf auf diesem Trip, zumindest solange, bis ihn der kollektive Aufschrei der Nation nach dem Spiel gegen Algerien selbst an seinem einsamen Strand erreicht hat. Er hatte sich den Idealzustand, seinen Idealzustand, skizziert und war dabei, die Potenziale der Einzelnen den restriktiven Anforderungen seines idealtypischen Systems zu opfern. Gegen Frankreich ließ er sich gnädig stimmen und setzte nicht nur die individuellen Ausnahmekönner dort ein, wo sie am besten sind, sondern er lockerte auch die teutonischen Variante des Tiki Taka, Ballbesitz und Kontrolle um jeden Preis, auch wenn das komplette Publikum in Ohnmacht fällt. Spiel wie Ergebnis überzeugten, die Frage, die bleibt: entscheidet er sich gegen Brasilien nun für das System oder das Potenzial und reagiert er ängstlich auf den Gegner, ein tödlicher Fehler bei der Letzten Europameisterschaft oder formuliert er Ziele entsprechend der Potenziale. Mit dieser Frage steht Löw nicht allein, er repräsentiert einen Diskurs, der uns alle betrifft.

Brasilien zeigte hingegen wieder einmal, wie sehr es getragen wird von dem Wunsch und dem unbedingten Willen einer ganzen Nation, letztendlich diese Trophäe im Land zu behalten. Das Diktum hat den Charakter des Spiels in diesem Land und in diesen Tagen völlig verändert, das schöne Spiel, das immer durch Kategorien wie Ästhetik und Artistik zu überzeugen wusste, ist einer brachialen Willenserklärung gewichen. Das Team von Kolumbien, geformt und instruiert von dem Fußballphilosophen José Pekerman, wurde einfach überrollt und seiner Gestaltungsmöglichkeiten beraubt. Es wurde schlichtweg mit Wucht und Emphase niedergerungen. Der suggestive Impetus der brasilianischen Nation scheint bis dato die stärkste Kraft des Turniers zu sein und wer das bezweifelt, der sehe sich noch einmal das Tor von David Luiz an, es war purer Wille und Voodoo zugleich. Die große Schattenseite des Spiels war der spanische Schiedsrichter, der durch seine Nachlässigkeit bei der Ahndung von gezielten Fouls die psychologische Möglichkeit der Inquisition Neymars erst schuf. Nach Logik der FIFA wird der Übeltäter Zuniga wahrscheinlich seine Karriere überdenken müssen und der Schiedsrichter geht mit einem verklausulierten schriftlichen Hinweis nach Hause.

Die Szene des wiederum amerikanischen Duells war nach dem Spiel, als der Voodoo-Schütze Luiz den zusammenbrechenden Rodriguez in den Arm nahm und tröstete und dabei von Marcelo unterstützt wurde. Wer aus den Favelas kommt, der kennt die Übermacht der Enttäuschung und den Schmerz, der daraus resultiert. Es bleibt bewegend.

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6 Gedanken zu „Deutsche Systeme und brasilianische Suggestion

  1. Stefan

    „Übertreibt man dieses Vorgehen, dann entweicht jegliche menschliche Kreativität und es macht sich große Unsicherheit breit.“
    Danke für Deine Gedankenkette, lieber Gerd, die schlüssig, treffsicher und pointiert ist.

    Die Deutsche Suggestion hing an der Kabinentür: ein Trikot der Weltmeister von 1954 mit allen Unterschriften. Gestern vor 60 Jahren gab es das „Wunder von Bern“ und Deutschland wurde 1954 unerwartet gegen die damals als unbezwingbar geltenden Ungarn Weltmeister, nach einem 0:2 Rückstand zur Halbzeit. Das Spiel wurde mit 3:2 gewonnen.
    Nun wird sich zeigen, ob die Deutsche Mannschaft eine große und der Trainer Löw ein großer Trainer ist.
    Was mir gefiel, war die mentale Stärke auf dem Platz. Letztlich hatten die Deutsche Mannschaft Glück, was mit dazu gehört. Jetzt muss Löw wieder über seinen Schatten springen und gegen Brasilien Risiken eingehen. D.h. Positionswechsel wie Özil, Höwedes, Götze raus, taktische Änderungen vornehmen, z.B. keine Doppelsechs mehr. Ob Löw das schafft?
    Denn wer glaubt es wird gegen Brasilien, ohne Neymar, einfacher, der irrt! Es wird schwerer werden.
    Die Brasilianer standen gestern gegen Kolumbien sehr hoch, haben ein starkes Pressing gespielt und damit das Spiel dominiert. Dazu kommt ihre Schnelligkeit im Passspiel und dem Umschalten von Defensive auf Offensive. Das ist teilweise Speed-Fußball, wo die Kolumbianer hinter dem Ball her gelaufen sind. Bei dieser Spielweise ist der Ausfall von Thiago Silva (2. Gelbe Karte) nicht schlimm. Die Brasilianer haben gezeigt: man muss von Spiel zu Spiel besser werden. Mich erinnert diese Mannschaft an Spanien 2010, die im Halbfinale gegen Deutschland ihre Meisterleistung gezeigt hatten und Weltmeister wurden.
    Neymar füllte ein Vakuum aus. Oder wie Kritiker sagten: die Brasilianer hätten keine Strategie, sie haben Neymar! Viel, vielleicht zu viel Druck und die große Erwartungshaltung, wurde auf diesen 22 Jährigen abgeladen. Dieses Vakuum ist nun geplatzt. Ähnlich wie 2010 als Michael Ballack, der übermächtige Capitano, verletzt ausfiel und alle die Deutsche Mannschaft stark geschwächt sahen. Das Gegenteil trat ein.
    Tempo, Leidenschaft, Einsatz…werden den Sieger am Dienstag ausmachen!
    Wenn Löw es versteht, den Spielern zu vermitteln, dass sie um ihr Leben laufen müssen, hat Deutschland eine gute Chance das Endspiel zu erreichen. Jetzt werden aber die Experten vom DFB kommen, die Analysten und Löw berichten. Bleibt zu hoffen, dass Löw standhaft bleibt und den Weg, den er gestern eingeschlagen hat, konsequent, auch mit Risiko weiter gehen wird.
    Ich rechne fest damit, dass die Brasilianer am Dienstag gegen Deutschland doppelt und dreifach so viel rennen werden und noch härter in die Zweikämpfe gehen werden. Das wird kein Abend für sommerurlaubende Schönspieler und körperliche spielerische Leichtgewichte. Das Freistosstor von Luiz und die Szenen danach zeigten eindrucksvoll wie der Stark der Wille der Brasilianer ist.
    Noch ein Wort zur Schiedsrichterleistung. Mehmet Scholl hat Recht. Spieler wie Neymar u.a. sind die spielerischen Glanzpunkte. Sie sind die Exoten auf dem Platz. Ihr spielerisches Genie, wie sie z.B. zwei, drei andere Spieler ausspielen sind das Salz zu einem guten Spiel. Sie sollten unter Artenschutz stehen. Wenn nicht der Schiedsrichter, wer sonst, kann dazu beitragen, das neben blauen Flecken und Muskelschmerzen, nicht mehr passiert. Hier ist auch nicht die Gelbe oder Rote Karte gefordert, sondern Präsenz=Persönlichkeit. Persönlichkeit kann man nicht mit farbigen Karten ersetzen.
    Es bleibt bewegend…wie Recht Du hast, lieber Gerd. Freuen wir uns auf die heutigen Spiele.
    Herzliche Grüße
    Stefan

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Stefan, was wären wir hier ohne dich und deine fachlich messerscharfen Analysen und Strategieentwicklungen. Ich gebe dir in allen Punkten Recht, es ist atemberaubend, was du hier formulierst. Hoffen wir auf mentale Stärke!
      Genieß die Ruhe vorm nächsten Set!
      Gerd

      1. Stefan

        Dankeschön liebe Hildegard und lieber Gerd, für diese Worte voller Wohlklang. Freuen wir uns heute Abend gemeinsam auf zwei bewegende Spiele.
        Stefan

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