Ein Haudegen und ein Gentleman

Wer nach einem erlebten Superlativ zurück ins normale Leben kommt, der muss sich mit einem Gefühl auseinandersetzen, das am besten mit dem Begriff der Fadheit beschrieben wird. Nach der Jahrhundertpartie zwischen Brasilien und Deutschland war die Bürde für das zweite Halbfinale, zumindest was Dramaturgie und Qualität anbetrifft, ins Unermessliche gestiegen. Umso schlimmer wirkte es da, dass sowohl die Niederländer als auch die Argentinier das Spiel spielten wie man es in der Regel in einem Halbfinale bei einem WM-Turnier tut. Der gesamte Auftritt wurde von einer Taktik bestimmt, die auf Fehlervermeidung angelegt war. Nur keine Risiken eingehen, die Null so lange wie möglich halten und dann, sollte der Gegner einen Fehler machen oder in den eigenen Reihen eine geniale Idee zünden, das alles entscheidende Tor machen. So lauerten sie, neunzig Minuten, einhundertzwanzig Minuten. Es fiel kein Tor und insofern war es für die Zuschauer, die noch am Vortag ungläubig fasziniert zurückgeblieben waren, eine drakonischen Entziehungskur in Sachen Spannung und Unterhaltung.

Die Sichtweise, wer bei diesem Mikado die bessere Figur abgegeben hat, wird sicherlich sehr differieren. Aus meiner Sicht sprach vieles für ein weit überlegenes Argentinien, das taktisch alles richtig gemacht hat und dann doch noch, nach einem Stück des zweistündigen Schweigens, einen Donnerknall beim Elfmeterschießen erschallen ließ, der dem Trainer der Niederlande, der sich noch nach dem dramatischen Finale für den Einsatz des Keepers Krul als genialen Zocker hatte feiern lassen, zeigte, wie schnell die Enttarnung manchmal funktioniert. Mit dem Mythos eines fulminanten Königsmordes gestartet, kam nach dem Spiel gegen Spanien eigentlich nichts mehr, was die Aura modernen Fußballs verströmte. Van Gaal, der Haudegen, zerrte jedes, aber auch jedes alte Monstrum destruktiver Taktik aus den rostigen Arsenalen des finsteren, mit Kriegsmetaphern kontaminierten Spiels. Dass er damit nicht bis ins Endspiel reüssierte, ist ein weiteres Highlight dieses Turniers. Damit wurde nicht nur das Tiki Taka, sondern auch die abgespeckte Version der Dominanz durch Hin- und Her-Geschiebe das Ablaufen ihrer Halbwertzeit aufgezeigt, was natürlich nicht heißen muss, dass in der Provinz nicht mehr damit gearbeitet werden muss.

Neben dem hypertonisch, um nicht zu sagen cholerisch wirkenden niederländischen Coach Louis van Gaal wirkte der Argentinier Alejandro Sabella wie ein Gentleman. Der eher zierliche Mann, der selbst auf drei Kontinenten Fußball spielte und auch als Trainer vielfältige und langjährige Erfahrungen sammelte, verfügt innerhalb Argentiniens über keine Hausmacht. Ohne die Lobbies der großen Vereine Boca Juniors oder River Plate besitzt der kluge Taktiker der Estudiantes de La Plata zwar über ein gehöriges Maß an Unabhängigkeit, die dann letal wird, wenn der Erfolg ausbleibt. Sabella war der Sieger des abends, denn das Spiel wurde über die Metiers von Strategie und Taktik entschieden. Sabella antizipierte die Regie van Gaals und die Argentinier auf dem Feld wirkten wie Souffleure, die vor den niederländischen Akteueren herliefen und ihnen ihre eigenen Texte vorsprachen, was sehr verdutzte Gesichter hinterließ. Der immer etwas kritisch und unzufrieden aussehende Coach der Argentinier, der dennoch so etwas wie Milde und Stil verströmt, sollte in keiner Weise unterschätzt werden, er vertritt den Teil seines Landes, der geprägt wurde durch die kulturelle Wucht der italienischen Immigranten, mit allen Qualitäten, die das mit sich bringt. Vor uns steht ein Finale, das tatsächlich ein Klassiker ist. Freuen wir uns darauf, alle Akteuere, auf beiden Seiten, warten mit famosen Potenzialen zu einem großartigen Finish auf.

Advertisements

14 Gedanken zu „Ein Haudegen und ein Gentleman

  1. faehrtensuche

    Mehr als auf das WM-Finale freue ich mich auf die „Reportage danach“, die – wenn ich mich nicht täusche 😉 – hier zu lesen sein wird.

  2. hildegardlewi

    Da dachte man ja wirklich, das sind zwei Vorortvereine, die sich sagten: „Na, heute wolle mer mol Fussball spiele!“ Aber Deine Analyse unterstützt unsere Vorfreude auf das Endspiel.
    Danke 😀

  3. Stefan

    Das war das Kontrastprogramm am Mittwochabend. Zwei Mannschaften und 1 Auftrag: auf den einen Fehler vom Gegner warten. Ein eindimensionales, ernüchterndes und einfältiges Spiel, mit dem Ziel sich im Mittelfeld zu neutralisieren. Ein Spiel, an dem leider beide Trainer mit ihrer Defensivstrategie schuld waren. Nach einem kunstvollen Spektakel am Dienstag, wo Deutschland WM-Geschichte schrieb, folgte der Kater in Form des gestrigen Spiels. Das Argentinische Bollwerk hielt. Ihr Beton war hart genug um sich gegen viel zu defensiv spielende Holländer zu wehren. Der Regen war sinnbildlich für dieses Spiel. Das Glückskonto der Holländer war aufgebraucht und sie hatten in der Gruppenphase bereits ihr offensives Spielpulver verschossen.

    Argentinien spielte wie zuvor im 4-5-1-System. In der Vorwärtsbewegung gehen alle geordnet mit und hoffen auf einen Einfall von Messi. Zumal Spieler wie Di Maria, Higuain, Mascherano Messi zuarbeiten. In der Verteidigung gibt es keine Löcher und kaum offene Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld. Das bedeutet u.a., dass die Deutsche Mannschaft im Finale nicht viel über die Flügel erreichen wird. Der General van Gaal hätte gestern Abend Geschichte schreiben können. Nach einer Schwalbe von Robben und dem Elfmeter gegen Mexiko, nach dem absurden Torwarttausch und grober Unsportlichkeit gegen Costa Rica, hätte van Gaal gestern Abend sich an die Offensivkraft seiner „Elftal“ erinnern müssen. In der Gruppenphase lies er ein offensives 3-5-2 System spielen, was ihm, u.a. vom Dauernörgler Johan Cruyff viel Kritik einbrachte, weil es der Holländischen Fußballkultur nicht entsprach. Gegen Costa Rica ging es im klassischen 4-3-3 System weiter um gestern gegen Argentinien wieder auf das 3-5-2 System zurück zu greifen, mit dem Unterschied, die beiden Außenspieler zurück zu ziehen, zu einer Mauer im 5-3-2 System. Machen wir es kurz: van Gaal hat den holländischen Fußball beschädigt und gestern Abend die Quittung für den unsportlichen und unverdienten Sieg gegen Costa Rica erhalten. Er wird nun in England, bei Manchester United sein neues Regiment übernehmen.

    Man kann gegen Argentinien nur bestehen, mit einem guten Pressing, Leidenschaft, Mut für die Offensive und einem variablen Spielsystem, wo viel gelaufen und verschoben wird. Im Finale wird das zentrales Thema Raumgewinn heißen. Haben die Argentinier den Ball, verlangsamen sie ihr Spiel, ordnen sich, bauen strukturiert auf und warten auf die Idee von Messi. Das wird sich am Sonntag im Finale nicht ändern. D.h. auch, es kann zäh werden. Argentinien kann ein 1:0 herunter spielen und zimperlich im Zweikampf sind sie auch nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie, wie vor 4 Jahren bei der WM 2010, mit 4:0 überrollt werden. War der historische Sieg gegen Brasilien ein taktisches Meisterstück von Löw, so muss er im Finale nachlegen. Im Profi-Fussball zählt seit 1930, mit der ersten WM in Uruguay, nur eines: der Titel. Nach den vielen berührenden, kämpferischen und emotionalen Szenen der Gruppenphase und in den Achtelfinalspielen, zeigt sich, je näher man dem Finale kommt, dass sich Taktik, Strategie, Technik, Mut, Risiko und Leidenschaft durchsetzen. Trotzdem ist die Fußballwelt enger zusammen gerückt. Mannschaften wie z.B. die aufopferungsvollen kämpfenden Mexikaner, die spielerisch reduzierten aber selbstbewussten und kämpferisch Amerikaner, die starken Algerier, Costa Ricas Gruppensieg gegen England, Uruguay, Italien…und vieles mehr wirkt nach. Dieses großes Schauspiel in seiner vollen Bandbreite kann nur der Fußball inszenieren.

    Auch wenn das Finale noch nicht gespielt ist, danke ich Dir, lieber Gerd, für diesen bald endenden 4-wöchigen Blogausflug. Deine gedanklichen Flanken, Konter und Angriffe waren im höchsten Maße anreichernd, inspirierend, unterhaltsam und alles…nur nicht langweilig, und sie wirken nach! Das musste ich mal los werden, bevor es im möglichen Siegestaumel untergeht. Freuen wir uns auf das kleine und große Finale.
    Herzliche Grüße
    Stefan

    1. guinness44

      Kann mich dem Lob nur anschließen. Könnte es nicht so einen Eintrag nach jedem BL-WE geben?

      Ich denke, dass Sonntag sehr zäh wird. Es ist zu hoffen, dass die Deutschen relativ früh das 1:0 machen. Aber das hofft man ja bei jedem Spiel.

      1. Stefan

        Dankeschön guiness44. Ich denke auch, wie oben beschrieben, dass es eng werden wird. Warten wir ab und hoffen zunächst auf ein schönes Spiel mit Spannung, Klasse, Emotionen und einem fairen Sieger.

  4. hildegardlewi

    Lieber Gerd, gibt es keinen, na ich will nicht gleich NOBEL-Preis sagen, für Fußballkommentatoren, also, schriftliche sozusagen.
    Es wird doch irgendwo einen Sockel geben, auf dem wir unseren Stefan postieren können. So ein Talent darf doch nicht einfach für vier Jahre verschwinden. Diese WM wird mir garantiert in Erinnerung bleiben, da muß ich nach einer gewissen Zeit gar nicht
    nachdenken. Das ist dann in Erinnerung die Zeit mit Dir, mit Stefan und mit dem Spiel von gestern. Was wird Stefan nur ohne WM anfangen – man muß ihm theoretische Denkaufgaben stellen.
    Na, was meinste, Stefan?

    1. Stefan

      Hach meine liebe Hildegard, danke für die noblen Worte. Das läuft runter wie Öl. Mir hat es hier Spaß gemacht und wenn sich andere daran auch gefreut haben…was will man mehr! In 2 Jahren ist doch schon die Fußball EM. Wie und wann auch immer, ich bin gerne wieder mit dabei. Und in der Zwischenzeit stelle ich mich den Denkaufgaben des Lebens. Das lohnt sich auch. Meinen artigen Diener für soviel Lob.

      1. hildegardlewi

        Mal sehen, welche von den derzeitigen Hauptdarstellern sich über die zwei Jahre retten können.. Aber so toll Du auch bist, für mich ist Mehmet der Größte. Ihr Beide also. Gerd läuft da außer Konkurrenz. Bis auf Sonntag!
        Wird schon schief gehen.
        ♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥♥

      2. Gerhard Mersmann Autor

        Liebe Freundinnen und Freunde der hohen Fußballkunst, bitte keinen Abgesang vor dem Finale, das kommt früh genug, da lass ich mir auch noch was einfallen. Genießt die Ruhe!
        Gerd

  5. kaetheknobloch

    Auch von mir erneut ein herzliches Dankeschön für die bravourös formulierten Zusammenfassungen. Sie sind liebgewordene Begleiter geworden. Danke auch an Herrn Haase für die sachlichen und fundierten Kommentare. Es ist mir ein Vergnügen, hier zu lesen. Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

  6. Anna-Lena

    Ein bemerkenswerter Bericht, das macht das miese Spiel doch noch sympathisch.
    Ich bin mit dem Finalgegner sehr zufrieden, u.a. auch wegen einer gesunden Mischung der Verteilung Europa-Südamerika.
    Den Brasilianern wünsche ich den 3. Platz und fürt uns hoffe ich natürlich auf den Titel.

    LG ins Wochenende,
    Anna-Lena

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.