The Eagle flies on Sunday

In der Branche heißt es, alles was zählt, sind Titel. Das stimmt nur bedingt, ist aber auch nicht falsch. Titel haben die Aura, dass sie in die Annalen eingehen. Deutschland ist zum vierten Mal Fußballweltmeister. Chapeau! Das ist für die Annalen, daran wird sich nichts ändern. Was von den Spielen allerdings übrig bleibt, wenn nach zehn oder zwanzig Jahren darüber berichtet wird, das sind nur bestimmte Szenen. Die prägen das kollektive Gedächtnis. 1954 war es der Schuss von Helmut Rahn und der Radiokommentator, der diesen begleitete, 1974 war es der Elfmeter von Paul Breitner und das Siegtor von Gerd Müller, 1990 der Elfer von Andreas Brehme und die Tränen des Weltfußballers Maradona, und heute? Im berüchtigten Maracana, unterhalb des Corcovado in Rio de Janeiro, da war es natürlich das alles entscheidende Tor von Mario Götze.

Was aber mehr beeindruckte als dieses wunderbar herausgespielte und von Götze grandios vollendete Tor waren zwei weitere Ereignisse, über die zumindest die, die es erlebt haben, ewig sprechen werden. Es war der wohl letzte Einsatz von Miroslav Klose, der rackerte wie ein Tier, der gefährlich blieb bis zum Schluss und der mit seinen 36 Jahren noch einmal die Welt beeindruckte. Der polnische Immigrant, der in der Pfalz in der Regionalliga begann und heute noch die Fans im fernen Rom verzaubert, holte sich in seinem letzten Spiel noch den WM-Titel. Ein großartiger Sportler hat die große Bühne für immer verlassen und als er ausgewechselt wurde, bekam er stehenden Applaus. Der beste WM-Schütze aller Zeiten verließ das Feld.

Und da war noch Bastian Scheinsteiger, der, wie manche andere wusste, dass es wahrscheinlich auch seine letzte WM sein würde, legte sein ganzes Leben in dieses Spiel. Als die argentinische Mannschaft entschied, ihn durch böse Fouls aus dem Spiel zu nehmen, agierte er wie ein Boxer aus dem Ghetto. Er wusste, wenn nicht heute, dann nie. Immer wieder stand er auf, vom Schmerz gezeichnet, zuletzt mit einer klaffenden Wunde im Gesicht deutete er an, dass er diesen Kampf nicht verlieren würde. Er hat ihn gewonnen und gezeigt, wie so etwas geht. Das wird hängen bleiben, das hat das Zeug zur Legende.

Über den Teamgeist, über die wissenschaftliche Unterstützung, über das große Kontingent der Spitzenfußballer, auf die Löw aufgrund einer im letzten Jahrzehnt statt gefundenen Aufbauarbeit zurückgreifen konnte, auf all das wurde zu Recht verwiesen. Was zudem gegen einen Gegner wie Argentinien fehlte, war eine Leistungsbereitschaft, die über die Grenze ging. Sie war da, und der Titel ist die verdiente Ernte.

Wir wären keine Deutschen, wenn wir nicht noch das Mittel der Kritik suchen würden. Das werden wir tun. Es gibt viel zu sagen über die FIFA und die Medien, über Korruption und Ressentiment. Und es wird eine Stimmung aufkommen, die auf diesen Titel verweisen und die Notwendigkeit der Veränderung leugnen wird. Doch das wird Morgen sein. Noch fahren die vielen Fans durch die Straßen und von überall aus der Welt treffen Glückwünsche ein. Ein Freund schrieb mir gerade aus Los Angeles und frühere Kollegen aus Jakarta feiern, weil Deutschland Fußballweltmeister ist. So etwas sollten wir genießen. Es ist ein schöner Moment. Der Weg war schwer, der Gegner im Finale großartig und die Mannschaft hat den Titel verdient. Zollen wir ihnen Respekt, genauso wie dem vom Fußball besessenen Land Brasilien. Das Licht geht jetzt aus. Morgen ist ein langer, arbeitsreicher Tag. Wir sind hier in Deutschland!

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25 Gedanken zu „The Eagle flies on Sunday

  1. hildegardlewi

    Es war ein großartiges Spiel, das man nicht so bald vergessen wird.
    Besonders die dramatischen Höhepunkte werden so schnell nicht
    in Vergessenheit geraten. Besonders aufregend fand ich die Geräuschkulisse, die kaum für ein paar Sekunden abebbte.
    Und bei den gar nicht zimperlichen Fouls fielen mir die Gladiatorenkämpfe im Circus Maximus ein, der ja immerhin
    auch 62.000 Sitzplätze aufwies. Eine Masse Mensch, Wenn die außer Rand und Band gerät – so gesehen war alles wunderbar und auch am Ende des Spieles kein größenwahnsinniger Siegestaumel,
    sondern abgekämpfte Spieler und ihre Angehörigen, denen man
    die große Erleichterung ansehen konnte. Das war ein Sieg, auch wenn solch Terminus unbeliebt ist.

  2. Stefan

    Im Vorfeld sprach Trainerlegende Louis Cesar Menotti: „Im Fußball gibt es zwei fundamentale Dinge: Zeit und Raum. Das Team, dass mit Zeit und Raum am besten umgehen kann, ist Deutschland“.

    Das Spiel und der Verlauf waren nicht überraschend. Argentinien wollte das Tor verhindern und Deutschland suchte den Raumgewinn und die Initiative. Es war ein Abend der besonderen Momente. Vor dem Spiel kam Löw mit einem Becher Kaffee in der Hand lässig auf den Platz und prüfte den Rasen. Einem Reporter sagte er vor dem Spiel „…wir werden den Pott holen“. Das war keine Arroganz, sondern ebenso lässig wie selbstbewusst. Und vielleicht sind es diese Attribute, die sich auf alle 23 Spieler im Deutschen Kader übertragen hatten. Es war ein intensives Spiel mit wenigen Glanzpunkten. Es stand zu viel auf dem Spiel. Ausgerechnet das Siegtor von Götze war entgegen des Spiels eine technische Finesse und funkelnde Eleganz. Ein spätes, ein wunderschönes, ein historisches Tor.

    Es war der krönende Abschluss auf den Deutschland 10 Jahre warten musste. 2004 kam Jürgen Klinsmann und drehte jeden Stein um, innerhalb und außerhalb des DFB. Er holte Joachim Löw als Assistenten und beide schauten auch abseits vom Fußball auf Sportarten wie Hockey, wo Deutschland Weltmeister war, fragten sich, wie das erreicht wurde. Beide schauten weit über den Tellerrand des bisher erreichten. So wurde das Team seiner Zeit um Burkhard Peters, dem Hockeynationaltrainer, Stück für Stück erweitert. Die Saat ging auf. 2006 übernahm Löw die Mannschaft und baute die Mannschaft weiter auf, holte junge, talentierte Spieler ins Team, entwickelte sie weiter. Wie im guten Beckettschen Sinne des „Scheitern, immer schöner scheitern“ erlebte Löw sein Waterloo vor 2 Jahren bei der EM. Vielleicht kam bei ihm während der WM der Punkt, wo er die Leichtigkeit entdeckte. Selten, fast nie, hat man Löw bei seinen öffentlichen Auftritten so locker, konzentriert, lässig und selbstbewusst erlebt, als wie in Brasilien. Vergessen die Fast-Niederlage gegen Ghana. Vergessen das Fast-Ausscheiden gegen Algerien. Wie in einem klassischen Drama folgte zum Schluss das glückliche und verdiente Happy End.

    Ich möchte kurz an zwei Spieler und Momente des gestrigen Abend erinnern. Vermutlich wird der Pfälzer Pole „Opa Klose“ mit diesem Spiel in der Nationalmannschaft aufhören. Seine späte Karriere, mit 21 Jahren begann er mit dem Fußball, mit 24 Jahren kam er zur Nationalelf und gleich ins Finale 2002 gegen Brasilien und nun 12 Jahre später ist er Rekordtorschütze und endlich Weltmeister. Wie er bis zu seiner Auswechselung lief und lief, war beeindruckend.

    Bastian Schweinsteiger, dessen Stern bei der WM 2006 unter Klinsmann aufging, der bei der WM 2010 zum Regisseur im Mittelfeld wurde, der zwischendurch sehr viele Verletzungen hatte, kämpfte sich durch das Finale, als wenn es kein Morgen mehr geben würde. Kein Foul oder Wadenkrampf konnte ihn stoppen. Das war die Leidenschaft, auch über Grenzen zu gehen, die vermutlich nur der Fußball so extrem zeigen kann.

    Heute darf gefeiert und sich gefreut werden. Die lange Reise endete vorerst mit dem Titel endlich Weltmeister zu sein. Nun ist er aufgegangen, der vierte Stern!

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Stefan, nochmal vielden Dank für die exzellennten Einblicke. Auch ich habe das Interview mit Menotti in dem Café in Buenos Aires gesehen. Mein Herz schlug höher, da sprach ein Philosoph, der mir persönlich das Tor zum Fußball weit aufgestoßen hat!
      Gerd

      1. Stefan

        Lieber Gerd, danke für die schönen Worte und ebenso für Deine exzellenten Vorlagen, die ich gerne aufgenommen habe und mit meinen Gedanken verknüpft habe. Menotti ist ein Fußballphilosoph mit unverminderter Strahlkraft. Passender als im Café bei einem Espresso hätte man ihn nicht interviewen können.
        Und ein großes Dankeschön an alle Mit-Diskutanten. Das hat Spaß gemacht.
        Stefan

  3. hildegardlewi

    Lieber StefanDein Rückblick ist wirklich sehr umfassend und die Situationen werden im Nachhinein noch einmal präsent, denn der Mensch vergißt ja schnell, sogar auch ein Fußballfan, außer, wenn Fußball sein einziges Interesse ist. Wir werden Deine Kommentare vermissen oder hättest Du einen Vorschlag, worauf man sich mit gleicher Vehemenz stürzen kann? Immerhin sind ja nun mindestens zwei Jahre bis zum nächsten Highlight zu überbrücken.
    LG 🙂 Hildegard

    1. Stefan

      Liebe Hildegard, meinen Dank für Dein Lob. Die Fußball-WM hatte auch eine große Symbolik wie Gerd gezeigt hat. Mit meinen kleinen Einwürfen von der Seitenlinie habe ich seinen gekonnten Pass gerne aufgenommen. Thematisch bin ich breit aufgestellt. Zwar lässt sich nicht alles in einem Blog thematisieren. Doch von Abschied kann keine Rede sein. Und Themen wie besondere Ereignisse, auch neben dem Fußball, werden uns auch zukünftig beschäftigen. Für den Moment freuen wir uns einfach, dass die beste Nationalmannschaft aller Zeit verdient den Fußballolymp bestiegen hat.
      Liebe Grüße
      Stefan

  4. kaetheknobloch

    Danke Herr Mersmann, danke Herr Haase und endlich auch mal ein Danke an Frau Hildegardlewi. Ihre charmanten Kommentare sind immer noch ein Sahnehäubchen auf der Wortfußballtorte der beiden genannten Herren. Ich habe mich hier von der WM-Lust anstecken lassen und das ist ein schönes Gefühl. So verbleibe ich herzlich angetan, Ihre Frau Knobloch.

    1. Stefan

      Dafür meinen artigen Diener, für das schöne Kompliment, Frau Knobloch. Das freut mich, dass Sie sich anstecken haben lassen. Und das schöne Gefühl dabei teile ich gern.

      1. kaetheknobloch

        Der artige Diener wird feinknicksend gernst entgegengenommen, lieber Herr Haase. Und ich fühle mich ein klein wenig ertappt, denn ich lausche gerade Ihrer bonfortionösen Brazilmusikke, heimlich, ohne mich bei Ihnen direkt vorgestellt zu haben. Sie sehen mich angemessen sanft errötend und flugs hinübereilend…

    2. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Frau Knobloch, es war ein großes Vergnügen, mit solchen Intellektuellen wie Ihnen über so etwas Progfanes wie Fußball zu räsonieren. Danke!

      1. kaetheknobloch

        Lieber Herr Mersmann, ich starre jetzt seit Minuten auf diesen Ihrigen Kommentar und weiß nicht, was ich dazu schreiben soll. Einfach Danke ist zu wenig. Abwehrende Worte wären auch unangemessen, obwohl sie mir am einfachsten aus den Fingerkuppen fließen würden. Ich habe jetzt schon drei Kommentare wieder verworfen, schiet, ich schreib’s mal in meiner Sprache: An mein Herz! Ich freue mich hibbeligmurmeligkringelig über Ihre Wohlworte, Verehrtester!

  5. hildegardlewi

    Danke liebe Frau Knobloch. Bei so viel geballtem Sachverstand kann man sich ja immer nur ein bißchen vorwitzig einklinken. Aber Spaß macht es, gelle? Wir haben ja hier das große Vergnügen, zwei exzellente Superhirne beim Freigang zu bewundern. Was kommt nach der WM? Ganz ohne etwas Aufregendes wird es langweilig.
    Wenn nicht, müßen wir die Katastrophen eben selber machen. Haha. Herzliche Grüße, Lewi

    1. kaetheknobloch

      Und wieder trefflich, liebe Hildegard! Zwo exzellente Superhirne beim Freigang.
      Da jetzt die Spielezeit vorbei ist, wenden wir uns wieder dem Tagesgeschehen zu. Erstmal aufarbeiten, was unter dem Fußballfieberdeckmäntelchen so angerührt worden ist: Fracking, Trinkwasserprivatisierung, Gen-Essen… ich denke, die katastrophalen Themen werden uns nicht ausgehen. Selbst bei denen freue ich mich auf die blitzgescheiten Ansichten hier und natürlich auch anderswo. Ich grüße Sie herzlich, Ihre Käthe.

  6. zeilentiger

    Gerd, du hast als Fußballkommentar nun auch einen Marathon hinter dir, Kilometer um Kilometer mit Leidenschaft abgelaufen und immer so zeitnah an den Punkt! Dein Absatz über Schweinsteiger ist wunderbar: etwas pathetisch, aber einfach zutreffend! Und natürlich auch der letzte Absatz. Danke dir für deine Berichterstattung!

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Ja, Holger, ich bin total platt, hatte ja nicht frei und auch sonst so eioniges um die Ohren. Aber es war es wert, allein die Runde hier hat mir riesigen Spaß gemacht!

  7. guinness44

    Zuerst einmal schließe ich mich den Vor-Kommentatoren an und bedanke mich für die wie immer excellente Analysen von Gerd, Stefan, etc. Das war teilweise schon besser als die Spiele direkt zu sehen.

    Ich muss zugeben, dass Götze gestern ein geniales Tor gemacht hat. Er wird damit in die Geschichte eingehen und wer weiß was noch kommt in seinem Alter. Aber schon das Interview hinterher kam mir wieder so schnöselig vor, dass ich mich gewundert habe, wie er mir selbst in diesem Augenblick so unsympathisch sein kann. Ich hoffe es liegt an mir und nicht an ihm. Die Geste mit Reus‘ Trikot rechne ich ihm hoch an, genauso wie man auch Manuel Neuer anrechnen muss, dass er den Benders, etc. gedacht hat.

    Ja, sein Tor hat das Spiel entschieden, aber Man of the Match hätte Schweinsteiger sein müssen. Das war die Leistung des Finales. Da hat ein Mensch wirklich sein Gesundheit geopfert für diesen einen Titel. Und es sind diese Menschen, die dafür sorgen, dass auch andere weiter kämpfen.

    Wenn man sich jetzt anschaut, wie es heisst, dass Löw alles richtig gemacht hat. Hätte einer der Argentinier getroffen, dann wäre Löw der Trottel, der keine Titel gewinnen kann. Dann hätten wir die goldene Generation, die nichts gewonnen hat. Ja, die Deutschen hatten es mehr verdient gewonnen zu haben, aber hätten die Argentinier das Tor gemacht, dann wäre die Sicht eine andere.

    Die Wahl von Messi zum Spieler des Turniers war ein Witz. Das war schlimmeres Proporz Denken als der Regional-Proporz innerhalb der CSU. Andererseits von den nominierten Deutschen drängte sich gestern auch niemand auf. Mein Held war Schweinsteiger.

    Ich bin froh, dass die WM vorbei ist. Zum einen, da ich feststellen muss, dass ich die nervliche „Belastung“ immer schlechter vertrage. Zum anderen, da ich so ein Schlafdefizit vor mir her schiebe. Bald geht wieder die Bundesliga los und die FCB-Spieler werden mir wieder mit ihrer Arroganz unsympathisch sein. Im Sinne einer spannenden Saison ist zu hoffen, dass der FCB die Hinrunde mit Regeneration verpennt.

    1. zeilentiger

      An das gestrige Götze-Interview kann ich mich gar nicht mehr erinnern (das sagt ja auch was aus …), zu allem anderen würde ich gerne meine Unterschrift mit druntersetzen.

  8. lenariess

    War ein tolles Spiel! Ein schönes Ereignis. Punkt. Fahre eben in die Arbeit. 🙂

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