Terror und Tiraden

Nein, es ist nicht zum Lachen. Nein, es wäre schöner, wenn solche Dinge nicht vorkämen. Ja, es ist ein neuer Tiefpunkt im internationalen politischen Prozess. Die Folter und Hinrichtung von Kindern und Jugendlichen im alten, klassischen Konflikt zwischen Juden und Palästinensern. Die Chronologie der Ereignisse ist wichtig, aber nicht entscheidend. Zunächst würden drei israelische Jugendliche entführt und ermordet. Danach verschwand ein palästinensisches Kind und wurde auf bestialische Weise hingerichtet. Beide Taten sind eine Katastrophe. Diejenigen, die versuchen, egal auf welcher Seite, das eine Opfer gegen das andere für sich zu instrumentalisieren, sind das eigentliche Problem. Es handelt sich um Moralisten, die wie die Broker des Holocausts ihre eigne Bilanz schreiben. Wer sich auf diese infernalische Logik einlässt, ist für Freiheit wie Humanität verloren.

Wenn man sie liest, die internationalen Verlautbarungen, dann könnte man sich die aktuellen Kapitalverbrechen auf beiden Seiten auch schenken. Die Meinungsfronten sind so, wie sie vorher auch waren. Und wenn die Scharfmacher glaubten, der Konflikt brauche eine neue, emotionale Befeuerung, dann hatten sie Recht, was die Eskalation des Konfliktes betrifft, aber nicht, was eine Verschiebung der Konstellation bewirken würde. Die HAMAS bombardiert israelisches Territorium, Israel den Gaza-Streifen. Ändern wird es nichts, Israel wird militärisch stärker bleiben und, da sollten sich die vermeintlichen Freunde des palästinensischen Volkes mal nichts vormachen, in Gaza wird die Bevölkerung auch weiterhin durch den Terror der HAMAS beeinträchtigt werden. Wer die Zustände bagatellisiert, macht sich unglaubwürdig. Fragt die Palästinenserinnen und Palästinenser, die lieber das Exil wählen, als den internen Terror noch länger hinzunehmen.

Es ist so schön und einfach, die Welt in Schwarz und Weiß zu zeichnen. Wer die historische Existenz Israels und ein daraus resultierendes Recht bis heute leugnet, der hat aus der Geschichte nichts gelernt und nichts begriffen. Und wer auf israelischer Seite glaubt, durch Konfrontation und Expansion dieses Recht zu verteidigen, der missbraucht es. Und wer die Palästinenser, die auf dem heutigen israelischen Territorium lebten wie eben auch die Juden, wer ihnen ein neues, nationales Selbstbestimmungsrecht zubilligt, der sollte sie nicht über Jahrzehnte als willkommene Geisel für eine menschenverachtende, kriegstreibende und terroristische Politik missbrauchen. Die Verharmlosung dieser schäbigen Seite des Konfliktes ist eine üble Sache. Und wem nicht aufgefallen sein sollte, dass der Antisemitismus in der arabischen Welt blüht wie einst im deutschen Reich, der braucht gar nicht so weit zu blicken, denn die hier so kritischen Geister sind von diesem Virus gehörig ergriffen, dass man Augen und Ohren nicht mehr traut.

Hier, im Land der Täter, in dem die Juden industriell vernichtet wurden, trauen sich allen Ernstes Leute, das schäbige Verbrechen gegen das palästinensische Kind als Begründung gegen Israel anzuführen, ohne das Meucheln an den drei jüdischen Kindern zu erwähnen. Das sind Propagandamethoden, die von den Nazis stammen könnten, und diejenigen, die damit hausieren gehen, haben in keinem Forum etwas verloren. Sie sind verloren. Verloren für Anstand, Demokratie und Humanität. Dafür kann es keine Toleranz geben. Wer Verbrechen gegen die Menschlichkeit bagatellisiert oder aufrechnet, hat das Recht verwirkt, sich an einem Diskurs zu beteiligen, der die Lösung eines Konfliktes zum Ziel hat, denn er ist Bestandteil des Problems. Die Geiselnahme und Ermordung von Kindern, egal ob jüdisch oder palästinensisch, ist ein Tabu. Absolut.

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13 Gedanken zu „Terror und Tiraden

      1. guinness44

        Ich hatte gerade erst am WE eine unschöne Diskussion im Verwandtenkreis, die sich die beschriebene Argumentation zu Nutze gemacht hat. War doch sehr ernüchternd.

        Es ist immer wieder das gleiche Problem, wenn Extremisten auf beiden Seiten „zusammen arbeiten“.

  1. Nitya

    „Die Geiselnahme und Ermordung von Kindern, egal ob jüdisch oder palästinensisch, ist ein Tabu. Absolut.“

    Lieber Gerd, ich würde das nicht nur auf Kinder begrenzt wissen wollen. Aber so war das vermutlich von dir auch nicht gedacht.

  2. hildegardlewi

    Lieber Gerd, ich fand es schon immer entsetzlich, wenn man über die Niederungen der menschlichen Natur lesen mußte, aber wenn man darüber schreiben muß, möchte ich Dir sagen, daß es bewundernswert ist, daß Du Dich dieses Themas angenommen hast. Schon deshalb, weil zu dem vorangegangenen Thema kaum eine Denkpause entstehen konnte.
    Hildegard

  3. Stefan

    Stimme Dir voll und ganz zu, lieber Gerd.
    Terrorismus verfolgt ein einziges Ziel: die Bevölkerung zu verunsichern und wie hier Reaktionen seitens Israels zu provozieren. Ein perfider Plan dafür Kinder, Menschenleben wohl kalkuliert für ideologische Ziele zu nutzen wie auch ihren Tod einzuschließen. Völlig richtig wie Du schreibst: „eine neue Qualität die in den Wahnsinn führt.“ Ein absolutes Tabu! Es bleibt der Tropfen Hoffnung, auf einzelne und große Persönlichkeiten auf möglichst vielen Seiten, die nur ein Ziel haben: den Frieden, diesen schwierigen und vermutlich blutigen Weg zu gehen, und dabei sprichwörtliche Grenzen und Barrieren in den Köpfen anderer zu überwinden.

  4. hildegardlewi

    Das ist wohl des Pudels Kern, lieber Stefan. Die großen Persönlichkeiten. Vielleicht hat man nicht zugelassen, daß sich welche bilden können? Auch bei der Persönlichkeitsbildung darf keiner mehr aus dem Rahmen fallen.

    1. Stefan

      Liebe Hildegard, was die Persönlichkeitsentwicklung betrifft, stimme ich Dir zu. Ich glaube, dass wir mit unseren westlichen Vorstellungen im Nahen Osten nicht weit kommen. Was bleibt ist die Hoffnung. Wie Gerd treffend schrieb: das Leben bleibt hässlich und schön zugleich.
      Stefan

      1. hildegardlewi

        Das ist es auch, aber man kann nur immer seine eigenen Erfahrungen als Maßstab anwenden. Ich betrachte die Sache etwas philosiophischer, wenn ich die Geschichte rückwärts bis sonst wohin verfolge und ihre Spuren heute noch lesen kann. In jedem Menschen wohnt anscheinend eine Bestie, und wenn man sie weckt – was tut ein Mensch in Extremsituationen? Hat er noch oder hatte er je ein Gewissen? Wer will klagen, wer will urteilen. Wenn man nur an Afrika denkt. Wir sollten eigentlich überhaupt nicht darüber nachdenken und uns ganz und gar auf unser Leben konzentrieren. Unsere Erfahrungen, unsere Begegnungen – persönliche meine ich. Ach Stefan, wenn alles so einfach wäre.
        Man kann ja auch nicht immer nur denken: was geht mich denn das an. Na, da schreibe ich lieberGedichte wie das von heute Abend. Meine „Begegnung“ mit dem kleinen Spatz. LG Lewi

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