Mitten im Sommer

Mitten im Sommer, gut eine Woche nach Erlangung des Weltmeistertitels seitens der deutschen Fußballnationalmannschaft, wird es heiß getrieben seitens der mit Steuermitteln finanzierten Propagandaindustrie. Da ist zunächst der Abschuss einer aus den Niederlanden kommenden malaiischen Passagiermaschine über dem Territorium der Ukraine. Es erübrigt sich, zu beschreiben, wie heikel und explosiv die Situation dort ist, auch in Bezug auf mögliche Konsequenzen in ganz Europa. Doch weit ab davon, Sorgfalt und Räsonnement bei der Beurteilung der Katastrophe walten zu lassen, stehen von vorneherein die Übeltäter fest. Es sind die russischen Separatisten, die selbstverständlich von Putin persönlich gesteuert werden.

Das suggerieren alle Medien, sei es durch direkte Suggestivfragen oder durch die Platzierung der Nachrichten, wie erst eine Meldung zum Abschuss der malaiischen Maschine, dann eine Meldung zu Putin. Dass die ukrainische Regierung das Verbrechen den Separatisten zuschreiben würde, war klar, dass die USA den Verdacht sofort, sehr zeitnah, lancierten, ist diplomatisch genauso ein Gau wie die frühe Festlegung durch deutsche Politiker. Erstaunlich ist allerdings die Tatsache, dass die Separatisten, auf deren Terrain das Wrack nun liegt, den Flugschreiber an internationale Ermittler übergeben haben. Da ist Spannung angesagt, wie die Deutung, völlig unabhängig von dem Ergebnis, seitens der psychologischen Kriegsführung ausfallen wird.

Die öffentliche Berichterstattung vor allem durch das ZDF in Sachen Gaza und Israel ist relativ eindeutig dem verkommenen Moralismus antisemitischer Prägung verpflichtet, in der ARD bemüht man sich zumindest um Differenzierung. Mit dem Kontrollorgan demokratischer Willensbildung hat das jedenfalls alles nichts zu tun. Die Ächtung von Kriegsverbrechen, die in diesem Konflikt zum Standard zu werden drohen, findet wenn, dann nur einseitig statt. Doch das hat seit dem Balkankrieg in den neunziger Jahren bereits Tradition. Da waren exklusiv die Serben die Bösen und Opfer auf dieser Seite des Konflikts wurden bis heute verschwiegen. Der verfettete Kriegstreiber, den die Grünen zuletzt zum Europawahlkampf noch einmal aus den Requisiten des Revanchismus geholt haben, glänzte dort mit der gleichen Rhetorik wie bei seinem Initiationsritual während der Balkankrise: Wer in der Ukraine zu differenzieren suche, so sinngemäß seine Worte, sei ein Anti-Amerikaner und ein Befürworter des russischen Imperiums.

Wer derartige Auftritte politisch zu verantworten hat, der darf sich nicht wundern, wenn es zu Reflexen kommt, die sich mehr dem Original als der Kopie zuwenden. Kriegstreiberei, Intoleranz und Dogmatismus führen nach rechts, egal unter welcher politischen Camouflage betrieben. So wundert es nicht, dass bei vielen Kommunalwahlen im Mai auch faschistische und nationalistische Kräfte in den Stadtparlamenten landeten. Begünstigt wurde ihr Erfolg vor allem in Baden-Württemberg durch ein neues Wahlrecht, dass aus einem anderen Kalkül politisch durchgewunken wurde und nun zu der berechtigten Verärgerung führt. Die Proteste gegen die Nazis sind wichtig, aber, und das ist das Entscheidende, sie sind nur dann glaubwürdig, wenn sie über die rituelle Waschung hinausgehen. Besagte Kriegstreiberei, besagte Intoleranz und besagter Dogmatismus sind die Wurzeln einer drohenden Radikalisierung. Den Initiatoren dieser Formen der Mystifikation haftet jedoch bis heute das positive Stigma eines friedlichen und alternativen Lebenskonzeptes an. Das zu dechiffrieren, ist nicht so ohne. Aber es geht, wenn die mit diesen Kräften einhergehende tägliche Diskriminierung großer Bevölkerungsteile entlarvt und kritisiert wird. Genauso wie die durch diesen Geist beflügelte öffentlich-rechtliche psychologische Kriegsführung, die sich längst von einem kritischen Journalismus verabschiedet hat.

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5 Gedanken zu „Mitten im Sommer

  1. guinness44

    Als Kind West-Deutschlands bin ich mit einem russischen Feindbild groß geworden und habe auch heute noch Vorurteile. Putin hielt ich lange zwar nicht für einen „lupenreinen Demokraten“ aber doch für so schlau, dass er ein guter Vertragspartner ist.

    Dies vorweg geschickt finde ich es trotzdem merkwürdig wie viele Zufälle es auf Seiten der Separatisten gab. Man nehme die Facebook Meldung über den Abschuss einer Militärmaschine, die wieder gelöscht wurde. Man nehme die erneute Behinderung der Arbeit der OSZE und anderer Beobachter, die „Geiselnahme“ der Leichen bis gestern, man nehme die ganze „Faschismus Propaganda“, etc. Hinzu kommt, dass Russland Menschenrechte immer noch als Zeichen westlicher Schwäche sieht. Die USA sind bestimmt keine Kinder von Traurigkeit und wenn man sich anschaut wie häufig CIA und Co ihre Finger in schmutzigen Komplotten hatten, dann kann denen auch keinen Zentimeter trauen. Aber es fällt mir schwer vorzustellen, dass der Abschuss ein perfider Plan des Westens war. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn.
    Ich gehe davon aus, dass die Separatisten einen Fehler gemacht haben und das falsche Flugzeug abgeschossen haben. Desweiteren gehe ich davon aus, dass dies nur möglich war, weil sie mit den entsprechenden Waffen ausgestattet wurden. Da so ein Geschütz bestimmt nicht über ukrainisches Territorium geliefert werden kann, gehe ich davon aus, dass es über die russische Grenze kam. In Anbetracht der russischen Truppen an der Grenze kann ich mir nicht vorstellen, dass Putin nichts davon wusste. Er hat es also entweder selbst organisiert oder aber toleriert. Warum? Weil er es kann. Der Westen ist ganz erschüttert und spricht mit Putin wie mit einem kleinem Kind: „Das darfst Du nicht, so etwas macht man nicht“. Und Putin lacht sich kaputt über die westliche Schwäche, weil sie an die Wirtschaft denken.

    Warum haben Polen, Balten, etc alle Angst vor Russland? Die werden ihre Gründe haben. Und wenn es für Putin nicht unangenehm wird, dann wird er weiter machen. Es gibt noch genügend russische Muttersprachler außerhalb Russlands.

    Das ist alles sehr schade, aber ich sehe aktuell keine Alternative.

    1. bertrandolf

      Es wird sehr viel verschwiegen und wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen Behauptungen aufgestellt, welche zu oft im Nachhinein nicht so angebracht waren. Für den Umgang mit den Leichen und die Behinderung der OSZE Beobachter gibt es ein gutes Interview vom ORF das diese Behauptungen total widerlegt.
      [audio src="http://apasfftp1.apa.at/oe1/news/00022F5E.MP3" /]
      Ansonsten hat die russische Regierung gestern tatsächlich Radar- und Satellitenbilder veröffentlicht. Sehr sachlich und mit der Bemerkung das sie auch einen amerikanischen Satelitten in der Region registriert haben und diese auch ihre Belege auf den Tisch legen sollen.
      http://rt.com/news/174412-malaysia-plane-russia-ukraine/
      Putin weiss auf jeden Fall Bescheid und spielt meiner Meinung nach die Rolle des Antibush, mit Beweisen, aufrufen zu Verhandlungen, usw… Das macht ihn teilweise sympathisch. Allerdings geht es natürlich im Hintergrund nur um Intressen, allerdings an der russischen Grenze…

  2. Gerhard Mersmann Autor

    Danke für deine Anregungen. Ich komme ebenfalls ganz tief aus dem Westen und habe keine Illusionen über den Charakter Russlands im Sinne seines demokratischen Formats. Ich weiß aber auch aus der Zeit, als die Welt so schön sauber in West und Ost geteilt wurde, dass auf beiden Seiten mit gezinkten Karten gespielt wurde. Im Kontext, und deshalb habe ich es erwähnt, im Kontext mit dem Balkan hat vor allem Deutschland eine unselige Rolle gespielt und hinsichtlich der Vorkommnisse in der Ukraine auch. Die Ansprüche an den Westen sind wesentlich höher, weil ich mich dazugehörig fühle, das ist ein relativ einfacher Mechanismus. Unabhängig davon, was irgendwo mit einer politischen Implikation geschieht, halte ich es für westliche, vom Saat finanzierte Journalisten für unabdingbar, gut zu recherchieren, Sorgfalt walten zu lassen und die Destruktion fördernde Emotionen nicht zu beflügeln. Genau das Gegenteil ist momentan der Fall, und das bringt mich auf die Palme.

  3. Stefan

    Nirgends wird mehr u.a. propagiert, mystifiziert, suggeriert, beeinflusst, die Unwahrheit gesagt als in Zeiten des Krieges und kriegerischen Auseinandersetzungen. Eines des mittlerweile belegten und besten Beispiele dafür ist der Vietnamkrieg und die „Pentagon Papers“. Der Krieg wurde unter falschen Voraussetzungen und mit Unwahrheiten geführt und im Bewusstsein, dass man nicht gewinnen konnte, weiter geführt. Bis zum Zeitpunkt wo Daniel Ellsberg Tausende geheime Dokumente kopierte und der Öffentlichkeit via der New York Times 1971 zugänglich gemacht hatte. Nach der Veröffentlichung kippte die Stimmung in der Bevölkerung komplett und der Krieg wurde und musste unter diesem neuen Einfluss beendet werden. Interessanterweise wurde Ellsberg zwar als Spion angeklagt, jedoch frei gesprochen. Auch in allen anderen Verfahren wurde er nie schuldig gesprochen.
    In puncto der Berichterstattung hast Du, lieber Gerd, wie ich glaube, einen wunden und wichtigen Punkt angesprochen. Wenn einige Journalisten Glaubwürdigkeit für die größte Herausforderung halten, ist das ohnehin bemerkenswert. Wenn jedoch mehr als 60 Prozent von ihnen das so sehen, dann ist das bezeichnend. Das sind Zahlen einer aktuellen Online-Umfrage für den Social Media Trendmonitor bei 240 Journalisten. Die Frage dazu lautete: Welches sind die wichtigsten Herausforderungen im Journalismus 2014?
    Es bleibt die Grundsatzfrage nach der Glaubwürdigkeit, ob Redaktionen u.a. ungeprüfte Meldungen komplett übernehmen und damit die andere Seite der Wahrheit ausblenden. Oder ob sie diesen Meldungen gemessen an ihrer Sorgfaltspflicht und Berufsethik zuerst nachgehen um sie zu überprüfen. Auch wenn dies Zeit und Geld kostet. Gleiches gilt auch für das hineinstoßen ins Horn der am breitesten verbreiteten Meinung. Denen zu goutieren ist das Gegenteil von Wahrheit und Glaubwürdigkeit. Ebenso führt ein mediales Schwarz/Weiß oder Gut/Böse-Schema in eine gedankliche Sackgasse. So sehr wir es uns wünschen möchten, Dinge, Prozesse, Entwicklungen wirklich zu verstehen, so sehr müssen wir auch erkennen und lernen, dass wir alle am Ende der Kette sitzend nur einen kleinen Ausschnitt davon sehen und viele Fragen offen bleiben, da diese Entwicklungen komplex und verschachtelt sind. Dies zu decodieren, den Blick dahinter zu bekommen, mehr als nur einen Ausschnitt zu sehen, ist eine große und essentielle Aufgabe für den Journalismus.

  4. pgeofrey

    Ich glaube es war in 1984, in dem der allgegenwärtige Krieg die Menschen gefügig hielt ihr Regime nicht zu hinterfragen.
    Die Presse ist schon lange nicht mehr frei, sie ist in keinem Fall unabhängig und suggeriert uns Gefahr, Sicherheit, Täter und Opfer in genau dem Verhältnis, welches dem Erhalt der Strukturen am ehesten dient.
    Obama und die NSA, die Ukraine und Putin, das Wirrwarr im nahen Osten, die gelbe Gefahr, die muslimische Gefahr – alle böse außer Mutti?

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