Archiv für den Monat Juli 2014

Nur Gast auf dieser Erde

Oskar Maria Graf, der seinen Anarchismus immer auf das bayrische Katholisch-Sein zurückführte, zitiert die biblische Weisheit immer wieder in seinen Romanen. Ihr seid nur Gast auf dieser Erde, heißt es dort, und was als einer der Eckpfeiler der abendländischen Ethik zu verstehen ist, nämlich das Postulat zu Demut und Nachhaltigkeit des eigenen Handelns, hat in Grafs Romankontexten immer auch die Aura der Drohung. Warte nur ab Bürscherl, auch deine Tage sind begrenzt, und wenn du in Macht und Reichtum stehst, der Tag wird kommen, an dem dich der Sensenmann zu deiner letzten Reise holen wird, oder, wie es Heinrich Heine so treffend formulierte, wenn Tantalus mit seinem schweren Wagen vorfährt, um dich zu holen.

Gast-Sein birgt also beides, zum einen eine ethische Verpflichtung, zum anderen einen unsicheren Status. Doch es kann auch mehr bedeuten als Demut, Nachhaltigkeit und eine innere Unsicherheit. Die Reise vom Okzident in den Orient bringt da eine Erkenntniserweiterung, die die Horizonte öffnet. Dort ist die Rolle des Gastes weiter gefasst. Der Gast im Orient hat durch den hohen Stellenwert, den das Gastrecht genießt, eine temporär privilegierte Stellung. Wenn er diese Stellung nicht ausnutzt und sich übergebührliche Rechte herausnimmt, dann hat er Möglichkeiten, die selbst über die des Gastgebers hinausgehen. Ist der Gast in der Lage, dem Gastgeber den Respekt zu bezollen, der ihm gebührt und glänzt zudem über Tugenden wie der der Bescheidenheit und der Einsicht in die Relativität seines Status, dann kann er in den Diskurs Aspekte einbringen, die unter normalen Umständen unter den Gravitätskräften des Alltags zermalmt würden. Das alles erfordert eine ungeheure, eine subtile und hoch sensible Sensorik beider Seiten, der Gastgeber wie der Gäste.

Generell ist das Temporäre ein Zustand, dem Rechte zugebilligt werden, die der Standard, das Prinzipielle oder das Lange-Währende nicht genießen. Das wissen wir alle. Wenn wir wissen, dass die Zeit begrenzt ist, in der wir etwas ertragen müssen, dann halten wir es aus. Wüssten wir nicht, wann bestimmte Zustände zu Ende sein werden, dann ertrügen wir es vermutlich nicht und würden rebellischer. Auch an diesem Beispiel zeigt sich der schützende Kordon um das Provisorische. Das ist vielleicht die viel wichtigere Botschaft des Bildes vom Gast auf dieser Erde. Fast drängt sich die Neigung auf zu sagen, dass Demut und Nachhaltigkeit nie verkehrt sind, aber das Recht, auf Dinge hinzuweisen, die Veränderungen nach sich ziehen, scheint angesichts die Fliehkräfte in einem technokratischen Zeitalter noch bedeutender zu sein. Das Temporäre der menschlichen Existenz wäre so auch die nahezu aus dem Wesen heraus zu erklärende Chance, die Veränderung und Gestaltung der Welt in Betracht zu ziehen.

Gestaltung schließt weder Demut noch Nachhaltigkeit aus. Gestaltung ist das Stadium nach der Negation, zuweilen auch der Zerstörung des Alten. Menschen, die ihre Existenz der Gestaltung verschreiben, zeichnen sich in der Regel immer durch den Respekt vor den Leistungen anderer aus. Sie wissen um die Energie, die Substanz und die Passion, die in der Gestaltung stecken. Und sie wissen nicht nur retrospektiv um die Historizität menschlichen Handelns. Auch um die Historizität ihrer selbst. Das ist der Preis für die Gästeliste. Doch die Namen auf ihr sind die schlechtesten nicht.

Indonesien: Keine Vielfalt ohne das Wir

In Indonesien wurde gewählt. Grundsätzlich interessiert das hier in Europa nicht so sehr. Das Desinteresse zeugt von einem Phänomen, das durchaus weltweit verbreitet ist. Es geht um den Zentrismus der Perspektive. Das geht vielen so, obwohl es nicht nur Perspektiven verstellt, sondern auch Möglichkeiten ausschließt. Indonesien, um bei dem Anlass der Betrachtung zu bleiben, ist ein Land, das entsprechend seiner tatsächlichen Bedeutung zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Dabei könnte man von Indonesien so vieles lernen.

Der Staat und die Nation Indonesien sind noch sehr jung. Die Vertreibung der niederländischen Kolonialmacht aus dem ehemaligen Ostindien lieferte den Anlass, dass von der Insel Java mit seinem spirituellen Zentrum Yogyakarta eine Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegung ausging, die letztendlich 20.000 Inseln ergriff, von denen 13.000 bewohnt sind. Grob geschätzt leben im heutigen Indonesien, deren größte Inseln Sumatra, Java, Kalimantan, Sulawesi und Papua sind, 200 verschiedene Ethnien, es werden ebenso viele Sprachen gesprochen und alle Weltreligionen sowie diverse Animismen sind vertreten, wobei der Islam 90 Prozent der heute insgesamt 250 Millionen Indonesierinnen und Indonesier erreicht. Somit handelt es sich bei Indonesien nicht nur um das viert bevölkerungsreichste Land der Welt, sondern auch um die mit Abstand zahlenmäßig größte Nation, in der sich die Majorität zum Islam bekennt.

Das, was die junge Nation zusammenhält, ist das einzig gemeinsame, das diese verschiedenen Ethnien und Kulturen haben, nämlich dreihundert Jahre Kolonialgeschichte. Nicht nur, dass es bereits wenige Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung mit einer Zunge sprechen konnte, weil man mit Bahasa Indonesia, dem Malaii, der Lingua Franca aus den Häfen des Archipels, eine Amts- und Verkehrssprache ausgewählt und mit großem Erfolg eingeführt hatte. Sondern auch die Verfassung, die sich das junge Land gab, dokumentiert etwas, das essenziell für die Existenz des neuen Staates war und ist: Das Bekenntnis zur Vielfalt. Das Prinzip der Pancasila, der fünf Säulen, erfasst gedanklich die verfassungsmäßigen Bedingungen einer multikulturellen Gesellschaft, die anlässlich der vielen Probleme und Herausforderungen, mit denen Indonesien bisher zu kämpfen hatte, sehr hilfreich waren. Angesichts der kulturellen Vielfalt, angesichts der sprachlichen Diversität, angesichts der religiösen Unterschiede und angesichts einer atemberaubenden Binnenmigration und Urbanisierung sind die Probleme, über die wir hier in Europa unter diesen Überschriften diskutieren, eine Petitesse.

Besagtes Indonesien, das sich erst vor eineinhalb Jahrzehnten von einer 30jährigen Diktatur unter Soeharto befreien konnte, die größte islamische Demokratie, hat einen neuen Präsidenten gewählt. Mit Joko Widodo, dem vormaligen Bürgermeister von Surakarta und dann Gouverneur von Jakarta, wurde zum ersten Mal ein Mann gewählt, der nicht in der Soeharto-Ära sozialisiert wurde. Sein Gegenkandidat Prabowo, der sehr viel Blut an seinen Händen kleben hatte und aus der Militärnomenklatura der Diktatur stammt, hätte das Land weit zurück geworfen. Joko Widodo wiederum hat die Chance, zusammen mit seiner jungen Bevölkerung ein neues Kapitel der Nation aufzuschlagen, indem er nicht nur die Regierungsweise professionalisiert, sondern auch die Potenziale, die in Land und Leuten stecken, freisetzt.

Bei seinem Inauguration wählte Joko Widodo Worte, die beeindruckten und die uns inspirieren sollten. Wir sind stark, weil wir einig sind, und wir sind einig, weil wir stark sind! Es war eine typische javanische Weisheit, die nicht nur dialektisch besticht, sondern auch mit ihrer Tragweite eine Programmatik für das Thema der Vielfalt beschreiben kann. Und diese Worte lehren uns, dass das Thema Vielfalt ohne ein Wir keinen Bestand haben kann.

Mitten im Sommer

Mitten im Sommer, gut eine Woche nach Erlangung des Weltmeistertitels seitens der deutschen Fußballnationalmannschaft, wird es heiß getrieben seitens der mit Steuermitteln finanzierten Propagandaindustrie. Da ist zunächst der Abschuss einer aus den Niederlanden kommenden malaiischen Passagiermaschine über dem Territorium der Ukraine. Es erübrigt sich, zu beschreiben, wie heikel und explosiv die Situation dort ist, auch in Bezug auf mögliche Konsequenzen in ganz Europa. Doch weit ab davon, Sorgfalt und Räsonnement bei der Beurteilung der Katastrophe walten zu lassen, stehen von vorneherein die Übeltäter fest. Es sind die russischen Separatisten, die selbstverständlich von Putin persönlich gesteuert werden.

Das suggerieren alle Medien, sei es durch direkte Suggestivfragen oder durch die Platzierung der Nachrichten, wie erst eine Meldung zum Abschuss der malaiischen Maschine, dann eine Meldung zu Putin. Dass die ukrainische Regierung das Verbrechen den Separatisten zuschreiben würde, war klar, dass die USA den Verdacht sofort, sehr zeitnah, lancierten, ist diplomatisch genauso ein Gau wie die frühe Festlegung durch deutsche Politiker. Erstaunlich ist allerdings die Tatsache, dass die Separatisten, auf deren Terrain das Wrack nun liegt, den Flugschreiber an internationale Ermittler übergeben haben. Da ist Spannung angesagt, wie die Deutung, völlig unabhängig von dem Ergebnis, seitens der psychologischen Kriegsführung ausfallen wird.

Die öffentliche Berichterstattung vor allem durch das ZDF in Sachen Gaza und Israel ist relativ eindeutig dem verkommenen Moralismus antisemitischer Prägung verpflichtet, in der ARD bemüht man sich zumindest um Differenzierung. Mit dem Kontrollorgan demokratischer Willensbildung hat das jedenfalls alles nichts zu tun. Die Ächtung von Kriegsverbrechen, die in diesem Konflikt zum Standard zu werden drohen, findet wenn, dann nur einseitig statt. Doch das hat seit dem Balkankrieg in den neunziger Jahren bereits Tradition. Da waren exklusiv die Serben die Bösen und Opfer auf dieser Seite des Konflikts wurden bis heute verschwiegen. Der verfettete Kriegstreiber, den die Grünen zuletzt zum Europawahlkampf noch einmal aus den Requisiten des Revanchismus geholt haben, glänzte dort mit der gleichen Rhetorik wie bei seinem Initiationsritual während der Balkankrise: Wer in der Ukraine zu differenzieren suche, so sinngemäß seine Worte, sei ein Anti-Amerikaner und ein Befürworter des russischen Imperiums.

Wer derartige Auftritte politisch zu verantworten hat, der darf sich nicht wundern, wenn es zu Reflexen kommt, die sich mehr dem Original als der Kopie zuwenden. Kriegstreiberei, Intoleranz und Dogmatismus führen nach rechts, egal unter welcher politischen Camouflage betrieben. So wundert es nicht, dass bei vielen Kommunalwahlen im Mai auch faschistische und nationalistische Kräfte in den Stadtparlamenten landeten. Begünstigt wurde ihr Erfolg vor allem in Baden-Württemberg durch ein neues Wahlrecht, dass aus einem anderen Kalkül politisch durchgewunken wurde und nun zu der berechtigten Verärgerung führt. Die Proteste gegen die Nazis sind wichtig, aber, und das ist das Entscheidende, sie sind nur dann glaubwürdig, wenn sie über die rituelle Waschung hinausgehen. Besagte Kriegstreiberei, besagte Intoleranz und besagter Dogmatismus sind die Wurzeln einer drohenden Radikalisierung. Den Initiatoren dieser Formen der Mystifikation haftet jedoch bis heute das positive Stigma eines friedlichen und alternativen Lebenskonzeptes an. Das zu dechiffrieren, ist nicht so ohne. Aber es geht, wenn die mit diesen Kräften einhergehende tägliche Diskriminierung großer Bevölkerungsteile entlarvt und kritisiert wird. Genauso wie die durch diesen Geist beflügelte öffentlich-rechtliche psychologische Kriegsführung, die sich längst von einem kritischen Journalismus verabschiedet hat.