Das Netz

Das Netz, immer wieder von denen, die von medialer Verbreitung leben als Garant für die Demokratisierung gefeiert, schafft tatsächlich neue Dimensionen. Ob es solche sind, die Demokratie beflügeln, sei dahin gestellt. Dass das Netz mehr Transparenz schafft, ist nahezu trivial, aber eben doch in einer ganz anderen Qualität. Menschen, die sich dort nun artikulieren können, täten das nicht immer in echten Dialogen. Da träte bei der einen oder anderen Meinung doch Widerstand auf, was dazu führt, manchen Satz eben nicht auszusprechen. So, in der schweigsamen Duldsamkeit des Äthers, wird formuliert, was die Hirnrinde gerade produziert und so kommen Meinungen und Geisteszustände zum Vorschein, die an einer gesicherten Prognose für die Gattung erheblich zweifeln lassen.

Da sind die immer wieder auftauchenden Verschwörungstheorien, die an die frühen James Bond-Episoden erinnern, wo irgend ein Wahnsinniger irgendwo in einem High-Tech-Labor sitzt, den Zugriff auf die alles zerstörende Waffe plant und die Menschheit im Chaos zu unterjochen droht. Im heutigen Szenario sind das zumeist die USA, die für alles verantwortlich zeichnen, was der Vorstellung von Menschlichkeit widerspricht. Zugestanden, dass imperiale Mächte selten nur Gutes verbreiten und ihre Macht und Machterhaltung Blut, sehr viel Blut erforderte und erfordert, sind bestimmte Phänomene dennoch nicht den Mächtigen auf dieser Welt alleine zuzuschreiben. Das Einzige, was derzeit die USA zu exkulpieren geeignet zu sein scheint, ist die neue Rolle Russlands, das endlich wieder als ein Reich des Bösen identifiziert wurde, das für alles nur Erdenkliche verantwortlich zeichnet. In diesem einen Punkt funktioniert die heile Welt der Bipolarität also wieder. Die beiden einstigen Supermächte des Kalten Krieges sind wieder die Dreckspatzen, die alles Übel auf der Welt verursachen.

Einmal abgesehen von den vielen Maniaks, die ohne Beschränkung ihr eindimensionales Weltbild in die Bloggersphären schicken, fällt ein Umstand gar nicht in Betracht. Es ist die Tatsache, dass alle, die in irgend einer Form aktiv sind und gestalten die eigentlichen Bösewichter auf dieser Welt zu sein scheinen, während die stratosphärischen Interpretatoren und Kommentatoren nicht nur frei von jeder Verantwortung, sondern auch gar nicht Teil der wirklichen Welt zu sein scheinen. Das Netz, so muss konsequent formuliert werden, ist die Gebärmutter des menschlichen Objektes, das zwar die Welt noch beobachtet und eine Meinung von ihr und über sie hat, aber selbst weder gewillt noch fähig ist, in das Geschehen selbst einzugreifen. Diejenigen, die das tun, die tatsächlichen Subjekte, sind die Inkarnation allen Übels und somit Zielscheibe der Aktivitäten im Netz.

Das ist keine verkehrte Welt, sondern die entmaterialisierte Welt. Anders ausgedrückt und um im Jargon der Belanglosigkeit für einen Moment zu verweilen, ist die virtuelle Welt zu der geworden, die die materielle Welt sich zu richten anmaßt. Es handelt sich um die Erniedrigung der Subjekte, um ihrer Stigmatisierung als moralisch verwerflich, während das Kategorisieren nach Mainstreammanier durch die Objekte als das eigentliche Sein gefeiert wird.

So etwas kann nicht ewig gut gehen, das wissen alle, die die physikalischen Gesetze noch das eine oder andere Mal wirken sehen. Der Chorus im immateriellen Objektgarten merkt das natürlich nicht. Da hat sich die Welt des Scheins stabilisiert und es tobt ein Tanz, der etwas Gespenstisches an sich hat. Die Demaskierung der Figuren jedoch wird über etwas ganz Triviales erfolgen, entweder fällt einmal der Strom aus, oder die von ihnen verkündete Moral reißt ihnen selbst das Kostüm vom Leib.

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13 Gedanken zu „Das Netz

      1. hildegardlewi

        Worauf bezieht sich das? Daß Du schon frühmorgens einen Superartikel geschrieben hast oder das möglicherweise zu erwartende Ergebnis, wie im letzten Satz beschrieben? Frühmorgens hat man die besten Gedanken – da geht einem so allerhand durch den Kopf.

  1. SalvaVenia

    Entweder ist jederman Handelnder oder aber wirklich nur jene Wenigen, die dort sitzen, wo die tatsächlichen politischen Entscheidungen getroffen werden, die sich anschließend in der Welt real bemerkbar machen.

    Was soll das bedeuten, weder gewillt noch fähig? In realiter existiert zumindest auch noch die gewillt-indes-nicht-fähig-Komponente. Und daß das Netz nur eine Verstärkung von Talkshowaktivitäten, Zeitungskommentarspalten oder Stammtischen abbildet, was ist falsch daran? Zielscheiben sind seit eh und je sowieso die dieselben Ämter und Patronagen. Ob hier nun also wahrhaftig eine Verschiebung der Wirklichkeit existiert, nur weil es das Netz gibt?

    Jederman richtet oder keiner richtet, wenn er denn seine Meinung verlautbart. Und selbst, wenn das Postulat einer virtuellen Welt voll niederer Instinkte zutreffen sollte, so tut sie nichts anderes, als die Protagonisten zu messen und als für zu schwer oder zu leicht empfunden zu kategorisieren. Was anderes ist dies als reines Menschentum?

    Gäbe es Führer, die dieses Wort verdienten, Menschen also, die einzig und allein der Gerechtigkeit verfallen wären, dann, ja dann könnte, nein: müßte, auf eine saubere Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktivität sicherlich mehr Wert gelegt werden.

    So haben wir derzeit nichts anderes als Brot und Spiele. Für die Objekte eben. Virtuell. Im Netz. Per Tagesbefehl, sozusagen: Laßt sie feiern, das hält sie zumindest vom Nachdenken ab …

    Abgesehen davon, daß das Netz m.E. eben nicht einfach nur auf das Negativistische reduziert werden kann. Es existieren da, wie eingangs angesprochen, durchaus noch andere Komponenten.

    Ihr letzter Satz indes, der ist so wunderbar und unerträglich schön, das es wirklich schmerzt. Damit hat der der Schreibende sein Ideal erreicht.

    Herzliche Grüße an die siebente Form,
    Salva

  2. Pingback: Eine Antwort zu “Das Netz” | Gert Ewen Ungar

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