Ovids Metamorphosen und die NATO

Ein Mythos entsteht in der Regel aus dem Bedürfnis, ein quasi universales Phänomen, oder, um in der heute von der Psychologie beeinflussten Welt zu bleiben, ein Muster zu beschreiben. Menschen handeln in solchen Mustern, sie verhalten sich in bestimmten Situationen und Kontexten, weil sie bestimmte Vorlieben und Interessen haben, aber auch weil sie instinktive Reflexe nicht einfach ausblenden zu können. Die griechische Mythologie ist ein wahrer Fundus für die Erklärung menschlichen Agierens schlechthin, weshalb ihr die heutigen Termini entnommen sind, um bestimmte Verhaltensmuster, die im Hier und Heute zu beobachten sind, erklären zu können.

In Ovids Metamorphosen ist die Rede von einem Mann namens Pygmalion, der sich, abgeschreckt von zügellosen und lustorientierten Frauen, zurückzog in seine Werkstatt und in der Arbeit Beruhigung suchte. So nebenbei, es handelte sich um jene mythologischen Zeiten, in denen angeblich das Matriarchat herrschte. Pygmalion, der seinerseits Bildhauer war, folgte aber doch seinem Trieb und erschuf die Statue einer Frau, die seinem Idealbild entsprach, erotisch und doch keusch, schweigsam und dennoch vielsagend. Als er seine Arbeit beendet hatte, ging Pygmalion an einem Festtag in den Tempel der Venus und bat diese, seine Kunstfigur zum Leben zu erwecken. Bei seiner Rückkehr trat er tatsächlich seiner eigenen Schöpfung in Form eines Menschen gegenüber, mit dem er sogar Kinder zeugen sollte.

Wenn heute von dem Pygmalion-Effekt gesprochen wird, dann handelt es sich um folgendes Muster: Man beurteilt einen Menschen oder eine Organisation im Vorfeld einer oder mehrerer Handlungen. Durch die kontinuierliche Wiederholung der Prophezeiung mutieren die Beurteilten in Handlungskontexte, die sie schließlich dazu bringen, so zu handeln wie prognostiziert. Das ist eine kritische Situation, weil es sich um lancierte Meinungsbildung und in gewisser Weise auch um eine Diskriminierung, positiv wie negativ, handelt.

Die bevorstehende NATO-Tagung, auf der es um die Osterweiterung der NATO gehen soll, hat eine von ihrem dänischen Generalsekretär Rasmussen inszenierte Begründung auf der Agenda, die strikt dem Pygmalion-Muster folgt. Die Osterweiterung wird begründet mit der seit der Ukraine-Krise wachsenden Gefahr, die von Russland ausgeht. Dabei werden historische Fakten ausgeblendet, die eine sehr deutliche eigene Sprache sprechen:

Die Übereinkunft mit der damaligen Sowjetunion bei der Beendigung des Kalten Krieges, die die Wiedervereinigung Deutschlands als zentrales Thema hatte, war die Akzeptanz des militärischen Status Quo zwischen NATO und Warschauer Pakt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion nutzten die USA jedoch die Gelegenheit einer konsequenten Destabilisierung der ehemaligen russischen Einflusssphäre, um den NATO-Wirkungsbereich nach Osten zu verschieben. Im Falle der Ukraine wäre die reale wie gefühlte Bedrohung Russlands so nah an Russland heran gekommen wie vorher noch nie. Die Verletzung der Vereinbarung vor allem durch die Bush-Administration wurden weder von der NATO noch der EU je kritisiert.

Die im Falle der Ukraine von Russland an den Tag gelegte Vehemenz wird nun von NATO-Generalsekretär Rasmussen als Beleg für die Bedrohung weiterer osteuropäischer Staaten genommen und damit die Notwendigkeit einer NATO-Osterweiterung begründet. Das ist nicht nur ein gelungenes Beispiel für den Pygmalion-Effekt, es ist auch noch ein verheerend treffendes Beispiel für eine brandgefährliche Eskalationspolitik. Die Ursache für den russischen Unwillen wird als Begründung dafür genommen, mehr gegen den Unwillen tun zu müssen. Und die Medien eskortieren den Propagandazug. Bis zur Tagung wird jeden Tag eine neue Aggression Russlands enthüllt, um die Hirne weichzuklopfen für eine weitere Eskalation.

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12 Gedanken zu „Ovids Metamorphosen und die NATO

  1. eckisoap

    mich treibt dabei die frage um, wohin führt das? und werden sich die erwartungen durch diesen effekt am ende erfüllen? und sollte man mainstream medien lieber meiden, oder doch konsumieren, um zu filtern? lässt sich dann nicht auch mein hirn weichklopfen? fragen über fragen … dieser wird ein guter tag 🙂

  2. hildegardlewi

    Diese Angelegenheit hat längst groteske Formen angenommen, so daß sich jede Prognose erübrigt. Ovids Pygmalion für das Beispiel heranzuziehen, ist auch von Dir wieder grandios.
    Aber allen Unkenrufen zum Trotz wäre es ja auch denkbar, daß ein Aufwachen der Medien und Meinungsmacher einsetzt – ich habe immer die Hoffnung, daß in irgend einer Ecke Vernunft lauert, die man aktivieren kann. Ich bin eben keine Politikerin, sondern einfach eine Geschichtenerzählerin. Und es gibt im Laufe der Geschichte ja auch wirklich ab und zu positive Erkenntnisse. Oder?

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Hildegard,
      es wäre schön, wenn einmal der Groschen bei einigen fiele und man soll die Möglichkeit nicht ausschließen. Gestern habe ich allerdings den Fehler gemacht, mir das Heute Journal anzusehen und da war meine Contenance wieder dahin. Von Friedensbewegung keine Spur, die blasen eher zur Attacke, für die gibt es nicht einmal mehr eine Abwrackprämie. In den letzten 20 Jahren gab es nichts, über das man so besorgt sein müsste wie momentan,und klein Deutschlan liegt im Verdauungstiefschlaf.
      Ich hör jetzt aber besser auf und wünsche dir ein schönes Wochenende!
      Gerd

    2. flowerywallpaper

      Wie heißt es doch, wenn man ein Problem mit der Partnerschaft hat, der „Andere“ soll das und das machen? Nein wenn ich ein Problem mit der Partnerschaft habe muss ich nachdenken wie ich mich ändern soll und kann. Die Nato ist aber sicher nicht geschaffen worden um über ihr Dasein nachzudenken. So wie Arzneimittelunternehmen nicht über Krankheiten nachdenken, sondern über den Verkauf von Arzneimittel. Das „Partnerschaftsproblem“ hat die Politik. Der Partner Russland hat sich verändert, also muss ich als Politiker-Partner nachdenken auch mein Handeln zu ändern. Nicht, dass man versucht Russland den Spiegel vorzuhalten die Souveränität eines Staates zu verletzen und Lösungsvorschläge für die Menschen vor Ort zu erstellen, denkt man im Gegenzug nach die Nato vorzuschieben? Ich hoffe verantwortungsvolle Politiker Europas denken nach wie sie solidarisch, aber nicht Aug um Aug, Zahn um Zahn ihre Entscheidungen treffen werden.

  3. kaetheknobloch

    Lieber Herr Mersmann,
    wie so oft geben Sie einer Fassungslosigkeit eine Sprache. Ich fühle eine Gleichschaltung der Medien, weiß nicht, woher noch unverbrämte Informationen zu holen sind. Rede mit Menschen, höre Stammtischparolen, schweige entsetzt. Hier erregen hundert Flüchtlinge, die in ein leerstehendes Kurhaus einziehen sollen, die Gemüter. Ich frage die Menschen, ob sie sich nicht vorstellen könnten, bald selbst auf der Flucht zu sein. Und ernte verständnislose Blicke.
    Danke für Ihre Worte, ich habe wie immer etwas den Blick erhoben. Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Frau Knoblch,
      vielen Dank für die Rückmeldung. Fassungslosigkeit ist ein treffender Ausdruck. In Bezug auf die hundert Flüchtlinge bei Ihnen und die Millionen, die allein in Europa und an den Rändern Europas unterwegs sind, fällt mir eine wunderbare Definition von Provinzialität ein, die, glaube ich, von Marcel Reich-Ranicki stammt: Provinzialität ist, wenn kein Maß vorhanden ist.
      Trösten tut es natürlich nicht.
      Ihr
      Gerd Mersmann

      1. kaetheknobloch

        Lieber Herr Mersmann,
        man kann zu dem Mann stehen, wie man will, aber er hat sich getraut, schmerzende Wahrheiten auszusprechen. Danke für diese in diesem Zusammenhang. Ich denke, ich werde Verwendung finden. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

  4. guinness44

    Ich stimme zu, das Rasmussen immer etwas zu aggressiv unterwegs ist. Ich stimme allerdings nicht zu, das Hochschaukeln Putins mit der vermeintlichen Osterweiterung zu begründen. Putin betreibt das gute alte Spiel, dass er sich einen außenpolitischen Feind sucht um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Ich denke auch, dass er und seine Freunde Angst haben, dass man sieht wie es in der Ukraine als ehemaligen Sowjetrepublik funktionieren könnte und dann die Russen sich fragen, warum es bei ihnen nicht so ist.

    Warum sind es denn gerade die Balten und Polen, die noch stärkere Worte wählen als Rasmussen? Weil sie Angst haben, dass Putin einfach einmarschiert. Mourir pour Danzig? Hatten wir schon mal und es wäre jetzt genauso.

    Warum wollen die Länder denn lieber in die Nato oder die EU? Warum sind Russlands Freunde nur andere obskure Staaten wie Weißrussland oder Kasachstan mit Führungen, die nicht dem westlichen Verständnis von Menschenrechten entsprechen?

    Warum lügt Putin bzgl russischer Soldaten um sie dann zu belobigen? Warum werden die Soldatenmütter als ausländische Spione eingestuft? Wie steht es mit Rechtsstaatlichkeit oder dem Schutz von Minderheiten?

    Man kann Rasmussen und den USA bestimmt viel vorhalten. Bis zu einem bestimmten Punkt konnte ich Putin noch verstehen aber was er macht ist eine Invasion eines unabhängigen Landes. Wenn er damit durchkommt, dann sind als nächstes die Balten dran, also natürlich schützt er nur die Russen in den baltischen Ländern. Aber dann kann man auch wieder die Argumentation der Nato Osterweiterung rausholen.

    Auch hier sollten wir uns alle bewusst machen, dass wir sitzen und so offen darüber sprechen und schreiben können. Ich bin mir sicher, dass sie mich in Russland schon abgeholt hätten.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber guiness44,
      ich habe mir erlaubt, dem langen Einwurf, der es verdient, sich mit ihm auseinanderzusetzen, mit dem Beitrag Krieg und Frieden zu antworten. Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden!
      Gerd Mersmann

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