Praktische Konkordanz im Norden Sumatras

In Zeiten der Polarisierung und Barbarisierung beim Umgang mit Konflikten sorgt das Bewusstsein zuweilen für ein wenig Linderung, weil es Bilder aus dem Inneren hervorholt, die abgelagert waren, aber dennoch dadurch nicht weniger Bedeutung hätten. Ein solches Bild taucht in der letzten Zeit immer wieder vor meinem geistigen Auge auf. Es stammt aus der Zeit, als ich als Berater beim indonesischen Staat gearbeitet habe.

Es war kurz nach dem Sturz des Präsidenten Soeharto, der 32 Jahre zuvor durch einen Putsch zur Macht gekommen war. Die alte Ordnung, die sich offiziell immer die neue genannt hatte, war eingestürzt und in das Machtvakuum drangen viele Gruppen. Es war auch zu beobachten, dass vor allem von Saudi Arabien eine Militarisierung des Islam versucht wurde. Viel Geld floss ins Land, und da, wo auch Armut herrscht, besitzt es immer eine große Attraktion. Indonesien selbst ist das bevölkerungsreichste muslimische Land auf dieser Welt, aber es existieren Regionen, in denen andere Religionen dominieren. Auf der kleinen Insel Bali ist es der Hinduismus und im Norden Sumatras halten sich Muslime und Christen die Waage. Da war es kein Zufall, dass genau an diesen Orten immer wieder Versuche unternommen wurden, die Lunte an das Fass zu legen.

Indonesiens Verfassung basiert auf dem Grundsatz Einheit in Vielfalt, was der ungeheuren Diversität des Landes Rechnung trägt. 20.000 Inseln, davon 13.000 bewohnt, ca. 200 Ethnien und Sprachen, alle Weltreligionen und zahlreiche Animismen machen den Charakter des Landes aus. Mein damaliger Arbeitgeber, eine Regierungsinstitution in Jakarta, die nach dem Vorbild der französischen ENA (ecole nationale d´administration) gebildet war, unterstand in Stabsfunktion direkt dem Präsidenten und hatte den Anspruch, die Maximen der Verfassung in der Wirklichkeit vorzuleben. Kein Wunder also, dass sich dort Muslime, Christen und Hindus versammelten, Batak, Javaner, Balinesen, Molukker, Makasser, Chinesen, Menschen aus Papua und waschechte Dayak aus Kalimantan .Es ging bunt zu und das Bild von interkultureller Kompetenz, das sich mir dort vermittelte, überstrahlt alles, was ich seither erlebt habe.

 Eines Morgens, als ich zur Arbeit erschien, merkte ich sogleich, dass irgendetwas geschehen sein musste. Die Flure waren leer und die wenigen Gestalten, die ich traf, waren in großer Hektik. Als ich gerade in die Flucht zu meinem Büro bog, begegnete mir der Personalchef, seinerseits Batak und Christ aus Medan, einer Millionenstadt im Norden Sumatras, der mich gleich am Arm packte und mir bedeutete, ihm zu folgen. Das wird dich interessieren, sagte er mir, wir haben eine Krise. Als wir den Konferenzraum betraten, waren alle leitenden Mitarbeiter versammelt und ein Direktor, der seinerseits Muslim war und auch aus Medan stammte, schilderte die Lage.

 In Medan war zum wiederholten Male eine Kirche in Brand gesteckt worden, in der Stadt brodelte es gewaltig und das Misstrauen zwischen Christen und Muslimen steigerte sich stündlich. Der Referent verwies auf die Bedeutung der Vorgänge auf die Nation insgesamt und die kritische Situation, die daraus erwachsen könne. Schnell entwickelte sich eine Diskussion, die verschiedene Optionen in Betracht zog. Man konnte ordnungspolitisch vorgehen und als Zentralgewalt von Jakarta aus militärisch eingreifen und Truppen dorthin schicken, man könnte appellieren an die Gläubigen auf christlicher wie muslimischer Seite, man konnte an die Verfassung appellieren. Wie immer in diesem wunderbaren Land wurden die wesentlichen Botschaften non-verbal ausgetauscht und zum Schluss ging man mit der Devise auseinander, jeder müsse das tun, wozu er von der Nation, dem Glauben und seinem eigenen Gewissen autorisiert sei.

Das hörte sich für mich sehr abstrakt an und ich glaubte bereits an eine Formel der Hilflosigkeit, bevor ich dann davon in Kenntnis gesetzt wurde, was es letztendlich praktisch bedeutete: In der Folgezeit bewachten in Medan Muslime die christlichen Kirchen und Christen die Moscheen. Die Situation deeskalierte, diejenigen, die Zwietracht befördern wollten, verloren schnell an Boden. Es ist eine jener Geschichten, die wahr ist und durch ihre Einfachheit besticht. Einfach in ihrer Menschlichkeit und einfach in der Wirkung. Und jenseits der Kleinmütigkeit vieler großer Ideologen.

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27 Gedanken zu „Praktische Konkordanz im Norden Sumatras

      1. Dr. Hartwig Maly

        Und den Ansatz sehen. Die neuronalen Voraussetzungen sind bei den meisten vorhanden – Spiegelneuronen, um das Verhalten des anderen zu spiegeln, um sich in ihn hinein zu ersetzen. dummerweise gibt es einen ordentlichen Anteil an Psychopathen, bei denen das Gefühlszentrum verkümmert ist. 1-2 Prozent der “Normalbevölkerung‘, deutlich mehr bei Top-Managern in Politik, Wirtschaft oder wo auch immer. Zusätzlich Effekte wie selffullfilling prophecy und andere, die bewirken, wenn man jemanden für einen Bösen hält, dass man nur Eindrücke/ Informationen zulässt, die diesen ersten Eindruck bestärken. Schwierig ohne polit-therapeutische Hilfe aus der Falle heraus zu kommen.

      2. Dr. Hartwig Maly

        Kann ich verstehen. Geht mir manchmal auch so :-). Hab heute morgen das Youtube-Interview mit Gabriele Krone-Schmalz zur Ukraine wieder einmal gehört. Sollte es wöchentlich hören, um mich im Umgang mit einem guten Teil unserer Medien einzunorden. Ich denke, Du kennst es. Viel Spass heute Abend beim Spiel.

  1. zeilentiger

    Ein sehr spannender Bericht. Und eine berückend schöne Lösung. Ich wäre im Übrigen höchst begierig, mehr aus dieser Zeit zu hören. Aber vielleicht magst du es nicht hier ausbreiten, so wenig wie – was war es nochmals, wo ich neugierig geworden war – die Marseiller Zeit? 😉

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Über diese Zeit habe ich ein hoch pollitisches Tagebuch, das liegt aber in der Schweiz im Tresor 😉
      Im anderen Fall handelte es sich um Bourdeaux, aber das ist nicht so spannend 🙂

  2. Nitya

    „Zum Schluss ging man mit der Devise auseinander, jeder müsse das tun, wozu er von der Nation, dem Glauben und seinem eigenen Gewissen autorisiert sei.“

    Und diese Devise wurde nicht nur dahín geschwätzt, sondern von jedem Einzelnen umgesetzt. Was für ein bewundernswerte Selbstermächtigung und Verantwortungsbereitschaft! Ob das in Deutschland wohl auch vorstellbar ist?

  3. pgeofrey

    Stimmt es, dass man in Indonesien einer Religion angehören muss? Also egal welcher. Dass Atheismus verboten ist? Habe das vor kurzer Zeit irgendwo gelesen. Es ging in dem Buch/Artikel um Meinungsfreiheit/Religionsfreiheit weltweit.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Ja und Nein. In der Verfassung steht das Recht auf einen Gott, egal welchen. Das heißt Religionsfreiheit, dass es auch Atheisten gibt, hatte man dort damals nicht auf dem Schirm.

      1. pgeofrey

        Danke für die Rückmeldung!

        Der Artikel suggerierte, dass im Umkehrschluss Atheisten, dadurch der Verfolger ausgesetzt wären, also zu einer Religion konvertieren müssten.

      2. Gerhard Mersmann Autor

        Nein, das konnte ich nicht beobachten. Von ihrer Disposition sind die Leute dort sehr liberal. Man spricht auch von einem Tropen-Islam, der wesentlich moderater ist als der der Wüste.

  4. hildegardlewi

    Ich finde es absolut ausreichend, Entscheidungen grundsätzlich zu treffen, wie es das Gewissen vorgibt. das hat mit Nationalität eigentlich nichts zu tun, auch nicht mit Religion, kaum etwas mit Erziehung. Es ist auch sehr nützlich beim Umgang mit sich selbst. In meinem Falle, ich habe es nicht anders gelernt.

      1. hildegardlewi

        Lieber Gerd, Du kennst mich inzwischen…. ich falle ständig aus der Rolle…… Ich war noch schnell ein bißchen einkaufen, es war ziemlich windig und unter einigen Bäumen liegen schon beachtliche Berge abgefallener Blätter. Daß ist die Höhe. Drei Tage September, wie soll denn da der richtige Herbst aussehen?

  5. SalvaVenia

    Tolle Geschichte, pragmatische Lösung. Hatte vor ein paar Jahren mal eine Erfahrung, daß ich zu einer Veranstaltung eingeladen war,in der Vertreter verschiedener Religionen jeweils ein Referat über den Stifter der jeweils anderen Religion hielten. Sehr spannend auch das.

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