Die Entspannung entlässt ihre Kinder

Vor kurzem starb Wolfgang Leonhard. Viele, die die Nachricht erhielten, werden ihn nicht mehr gekannt haben und viele, die ihn kannten aus der Zeit, als er es in die Schlagzeilen brachte, glaubten, er sei bereits seit langem tot, weil nichts mehr von ihm oder über ihn zu lesen war. Wolfgang Leonhard erlebte seine Prominenz mitten im Kalten Krieg, und das hatte seinen Grund. Er war ein hoffungsvoller, junger Mann, der es sehr schnell auf der Karriereleiter des neuen Staates DDR zu etwas gebracht hatte. Zum Teil in Moskau aufgewachsen, ein glühender Verfechter der sozialistischen Idee, reüssierte er schnell im neuen Deutschland. Allerdings fiel ihm früh auf, dass vieles, was die Utopie versprach, in der Alltagspraxis auf der Strecke blieb. Es begann ein Prozess der Entfremdung zwischen ihm, der Partei und dem Staat. Irgendwann floh er dann, rüber in den freien Westen, wie es damals hieß. Im Gepäck hatte er ein Buch mit dem Titel: Die Revolution entlässt ihre Kinder.

Der Rest ist schnell erzählt. Leonhard, der das System systemisch erklärt hatte und die Metamorphose vom emanzipatorischen Programm zum Repressionsstaat beklagte, wurde aufgesaugt von dem medialen Hype des Kalten Krieges. Letztendlich ließ er sich vor den Karren spannen. Und als es ruhiger um ihn wurde, hatte er längst einen Job an der Seite der konservativen Regierung als Berater für östliche Affären. Die Revolution entlässt ihre Kinder, als Momentum selbst, sollte, bei aller Kritik des historischen Kontextes, ein denkenswerter Appell bleiben, wenn es um die Bewertung von Prozessen geht, zu deren Beginn eine positive besetzte Idee und an deren Ende nicht selten etwas steht, das mit der Idee kaum noch etwas zu tun hat.

Gerade in diesen Tagen liegt es nahe, den Gedanken einmal auf die Entspannung anzuwenden. Die Idee der Architekten der Entspannungspolitik war es, den Kalten Krieg zwischen Ost und West zu überwinden und vor allem die Völker Zentraleuropas aus dem Zangengriff der beiden Supermächte zu befreien. Vor allem die deutsche Sozialdemokratie unter Willy Brandt hat diese Idee in die Welt gesetzt und letztendlich auch zum Erfolg geführt. Es war kein leichtes Unterfangen, die eigene Siegermacht im Rücken, auf die andere zuzugehen, ohne beide Seiten immer wieder in die Muster es Kalten Krieges zu treiben. Manchmal gingen die Protagonisten auch ein Stückchen mit bei der Eskalation, aber nur, um im entscheidenden Moment die Chance der De-Eskalation zu ergreifen.

 Als vor 25 Jahren die Sowjetunion implodierte und der Gedanke der Selbstbestimmung den Kalten Krieg überwunden hatte, wurden die Lehren aus dem Prozess allenthalben proklamiert. Das Enttäuschende an der Entwicklung Europas seit 1990 ist die Tatsache, dass anscheinend vor allem die Profiteure der Entspannung diese selbst nie begriffen hatten. Aus heutiger Sicht wurde sofort alles unternommen, um die Grundlagen für eine Verständigung zwischen unterschiedlichen Interessen wieder zu erschweren. Es ist nachvollziehbar, wenn Menschen, die unter einem bestimmten politischen System gelitten haben, zumindest emotional immer skeptisch bleiben. Es ist aber unverzeihlich, wenn sie ganze Staaten in eine Konfrontation treiben, die die Schreckensszenarien des Kalten Krieges zu einer realen Vorstellung werden lassen. Das ist die Stunde derer, die für die Entspannung stehen und die nicht gewillt sind, sich als Konkursmasse der Geschichte verramschen zu lassen. Es gehört zu der Ironie, die der Geschichte immer wieder nachgesagt wird, dass Figuren wie Joachim Gauck und Angela Merkel, deren Biographien in der Mediokrität versunken wären, hätte es keine Entspannungspolitik gegeben, nun diese Idee verbrennen. Die Entspannung entlässt ihre Kinder.

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12 Gedanken zu „Die Entspannung entlässt ihre Kinder

  1. hildegardlewi

    Lieber Gerd, das ist ein ganz wunderbarer Artikel und wie ich mal so mit der Berliner
    Großschnauze anmerke: Ach wie schön wäre es, wenn Einigen, nein Vielen endlich mal der Seifensieder aufgehen würde und Nachdenken angesagt ist. Na, was nicht ist kann ja noch werden. Heute mal wieder sonnige Grüße bei freundlichen Temperaturen
    ab Dich und Deine zahlreichen, begeisterten Leser
    (Habe ich etwa schon einen Sonnenstich?) 😀 😀 😀 Hildegard

  2. Stefan

    Lieber Gerd, meinen Dank für die trefflich gewählten Zeilen. Auch wenn er mir in den letzten Jahren etwas aus den Augen geriet, so habe ich ihm gern und genau zugehört, weil er etwas zu sagen hatte und zudem eine große Persönlichkeit war. Ein Lebenslauf mit Ecken und Kanten. Und Dein Bogen über ihn zur Entspannungspolitik zu spannen ist ein wunderbarer Kunstgriff, da ich ebenso an die Entspannungspolitik, wenn gleich in einem anderen Kontext, dachte. So treffen sich die Gedanken wieder. Wie sprach Willy Brandt bei seiner Regierungserklärung: „Wir wollen mehr Demokratie wagen…20 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR müssen wir ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation verhindern…Die Politik des Gewaltverzichts, die die territoriale Integrität des jeweiligen Partners berücksichtigt, ist nach der festen Überzeugung der Bundesregierung ein entscheidender Beitrag zu einer Entspannung in Europa. Gewaltverzichte würden eine Atmosphäre schaffen, die weitere Schritte möglich macht…Wir sind keine Erwählten; wir sind Gewählte. Deshalb suchen wir das Gespräch mit allen, die sich um diese Demokratie mühen. “ (Willy Brandt, Regierungserklärung, am 28. Oktober 1969) Ich denke, diese Worte stehen für sich, für ein klares und damals mutiges Statement.
    Herzliche Grüße
    Stefan

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Stefan, hast du eigentlich ein Geheimarchiv? Ich bin immer sehr beeindruckt, wie du so schnell und treffend immer mit den Quellen unterwegs bist, die alles erklären! Ich schlage dich mal den Quacksalbern als leuchtendes Beispiel vor, wenn ich den Begriff des investigativen Journalismus erklären will!
      Gerd

  3. hildegardlewi

    Lieber Stefan, wie immer lese ich mit Begierde Deine Ausführungen
    und freue mich darüber, und Gerd wird sich bestimmt auch freuen, wenn er etwas zu lesen bekommt, was sich mit dem
    behandelten Thema ausgiebig beschäftigt LG 😀 Hildegard.

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