Louis Armstrongs neue Stimmen

Dr. John. Ske-Dat-De-Dat. The Spirit Of Satch

Niemand hat den Namen und das Image New Orleans so geprägt wie er. Niemand hat mit dem eigenen Lebensweg so das Klischee beschrieben wie er. Niemand hat den Jazz mehr etabliert wie er. Und niemand konnte sich als Weltstar so durchsetzen wie er. Seine Heimatstadt New Orleans tat sich dennoch schwer mit ihm. Es dauerte noch viele Jahre nach seinem Tod, bis man ihm dort, woher er kam und von wo der Ruhm ausging, ein Denkmal aufstellte. Sein Erfolg machte ihn suspekt. Luis Armstrong, der in einer Besserungsanstalt der Stadt lernte, Kornett zu spielen, setzte das fort, was Buddy Bolden begonnen hatte. Er spielte den binären Jazz und gelangte über einen Mississippi-Dampfer nach Chicago und New York und von dort auf alle Bühnen der Welt. Er wurde zur geliebten Marke und durchbrach alle Rassengrenzen. Satchmo, wie sie ihn wegen seines großen Mundes nannten, hat den Geist dieser Stadt New Orleans, dieser Fusion vieler Kulturen, der Welt nah gebracht.

Malcom Rebenack, bekannt als Dr. John, ebenfalls in New Orleans geboren, nur vierzig Jahre später, ist das heutige musikalische Gewissen und Gedächtnis der Stadt, die trotz der Verwüstungen Katrinas und des Mordversuchs des damaligen Präsidenten Geaorge W. Bush überlebt hat. Dr. John sang gegen die Schweinereien an und besinnt sich immer wieder der Stärken seiner Stadt. Da ist es kein Wunder, dass Dr. John nun alle großen Namen aus New Orleans zu einem Projekt ins Studio brachte, um dem großen Bruder Louis Armstrong die Referenz zu erweisen. Was dabei herauskam, ist sensationell, inspiriert und geht unter die Haut.

Nicholas Payton, Terence Blanchard, Arturo Sandoval, Telmary, Bonnie Raitt, Anthony Hamilton, Wendell Brunious, Ledisi, James „12“ Andrews, Shemekia Copeland oder die Dirty Dozen Brass Band sind allesamt zu große Kaliber, als dass sie einem Fehler unterlägen, dem nur Plagiatoren anheim fallen. Nein, sie kopierten die bekannten, weltbekannten Stücke des Louis Armstrong nicht, sondern sie hauchten ihnen den Spirit ein, der heute durch jede Straße und jede Bühnenritze New Orleans schimmerte. Konservatoren sprächen vielleicht sogar von Missbrauch. Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Durch die eigenwilligen Interpretationen von What A Wonderful World, Mack The Knife, I Got The World On A String, Gut Bucket Blues, Nobody Knows The Trouble I´ve Seen oder Memories Of You wurde eine neue musikalische Welt geschaffen, die den Geist Louis Armstrong atmet und das Kunststück vollbringt, diesen in unsere heutigen Tage zu transponieren. Das machen die verschiedenen Interpretinnen und Interpreten im Sinne ihrer eigenen Stärken, mit denen sie durchweg bestechen.

Dr. John, der sich nicht nur als vielseitiger Musiker der Rock ´n Roll, Blues und Jazz bewiesen hat, überzeugt als großartiger Arrangeur, der sich selbst zurücknimmt, um die von ihm gewonnen Größen voll zur Wirkung kommen zu lassen. Man hört bei jedem Takt, dass es ihm um das Projekt ging. Das ist ihm gelungen. Jedes Arrangement besticht, weil es diesen großartigen, weil menschlichen Geist atmet, den Louis Armstrong verbreitet hat. Wenn es ein Stück gibt, das sich wie ein Komet aus dem Ensemble herauslöst, dann ist es Tight Like This, mit Arturo Sandoval an der Trompete und Telmary als Stimme, wie selbstverständlich mit einem Spanischen Text. Die Interpretation streicht über die Haut wie ein eisiger Wind, da wispert der Weltgeist die Idee der Musik wie ein Geheimnis ins Ohr. Zumindest so, wie sie in New Orleans gelebt wird.

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10 Gedanken zu „Louis Armstrongs neue Stimmen

  1. sugar4all

    Besser kann man es nicht beschreiben als der Satz von dir: “ Die Interpretation streicht über die Haut wie ein eisiger Wind, da wispert der Weltgeist die Idee der Musik wie ein Geheimnis ins Ohr.“ 🙂

  2. Stefan

    He walked on gildet splinters…Künstler brauchen eine Herausforderung und die Motivation es kreativ umzusetzen. Der Kunstgriff von Dr. John besteht darin, dass er nicht Louis Armstrong nachspielt, sondern, wie Du richtig sagst, diesen bekannten Songs neues und eigenwilliges Leben einhaucht. Er holt sie von einer bekannten Ebene herunter und transportiert sie auf eine neue Moderne Fläche und das Resultat ist ganz famos. Die Inspiration für dieses Album kam ihm im Traum, wie er sagte, als Louis Armstrong ihn besuchte uns sagte: „Do my stuff your way.“
    Als Ergänzung empfehle ich Louis Armstrong, aus seiner Zeit in New Orleans, die Aufnahmen Louis Armstrong & The Hot Five oder Hot Seven sich anzuhören. Jazz-Klassiker und Standards von zeitloser Klasse. Danke, lieber Gerd, für Deine Würdigung, die ich gern unterstreiche. Für dieses Album gilt angelehnt an einen Song von Dr. John: „Right Place, Right Time“.
    Liebe Grüße
    Stefan

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