Das Ritual aus New Orleans

The Dirty Dozen Brass Band. Funeral For A Friend

Heute, in Zeiten, wo der Tod und der Umgang mit ihm zu den ausgeprägtesten Tabus gehört, empfiehlt es sich, die Rituale, die sich anlässlich seines Eintretens herausgebildet und funktioniert haben, etwas genauer anzusehen. Viele können sich noch an Zeiten erinnern, als auch noch hierzulande der Tod eines Menschen dazu geführt hat, dass das traurige Ereignis gemeinsam begangen wurde und die Beerdigung oder Beisetzung nach einem Reglement vonstatten ging, das alle noch einmal zusammenschweißte und den Beteiligten das Ereignis des Schmerzes gemeinsam erleben ließ und auch noch eine Perspektive des Danachs vermittelte. Vieles ist dahin, aber die Erzählungen von einer „schönen Leich“, einem „phänomenalen Abgang“ oder „unvergesslichen Leichenschmaus“ flackert doch noch hier und da auf.

Die Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans wurde 1977 von dem Trompeter Leroy Jones gegründet. Die Gründung fiel in eine Zeit, als die traditionellen Marching Bands zunehmend weniger gebucht wurden, weil der Zeitgeist eine andere Sprache sprach und weil sie wohl auch zu teuer wurden. Ein Motiv, die Band ins Leben zu rufen war der Wunsch, Jugendlichen, die in Armut aufwuchsen, eine Möglichkeit zu geben, sich mit der Musik zu entwickeln und sozialen Halt zu bekommen. Und natürlich fühlten sich die Akteure dazu verpflichtet, die großartige Tradition der Marching Bands in New Orleans weiter leben zu lassen. Der Erfolg des Konzeptes bestand allerdings darin, sich nicht nur auf das traditionelle Repertoire zu konzentrieren, sondern auch anspruchsvolle Weisen des modernen Jazz mit in den Fokus zu nehmen. Charlie Parkers Moose The Mooche war so ein Titel, der die Dirty Dozen Brass Band in die Schlagzeilen brachte und dokumentierte, welchen Gewinn auch derartige Titel dadurch erfuhren, dass sie für die Straße spielbar wurden. Natürlich unter der Voraussetzung, dass gute Musiker sich dessen annahmen.

Nach großen Erfolgen dieses Konzeptes, denen Tourneen in vielen Teilen der Welt folgten, ergriffen die Mitglieder der Band im Jahr 2004 die Gelegenheit, mit der Band exklusiv auf die Traditionen ihre Heimatstadt hinzuweisen. Mit dem Album Funeral For A Friend spielten sie Weisen ein, die in jedem baptistischen Standardwerk zu finden waren, die einzelnen Titel, die für sich immer wieder einmal von großen Interpreten des schwarzen Jazz aufgegriffen worden waren, aber in diesem Ensemble dem Ritual einer klassischen Beerdigung in New Orleans entsprachen, erhielten nun einen Sinnzusammenhang. Was dabei herauskam, war so gut und kondensiert, dass es sinnvoll wäre, diese Aufnahme in das Inventar des Weltkulturerbes aufzunehmen.

Funeral For A Friend dokumentiert den Ablauf eines Begräbnisses, das mit dem Akt der Trauer beginnt, den Abschied der sterblichen Überreste begleitet und den Weg zur Feier beschreibt, der sich erhebt über den Schmerz und die Aufforderung zu einem lustvollen Weiterleben intoniert. Die Zeremonie beginnt mit Just A Closer Walk, I Shall Not Be Moved und Please Let Me Stay A Little Longer, setzt sich fort mit What A Friend We Have In Jesus und Jesus On The Main Line, geht weiter mit I´ll Fly Away und endet schließlich mit Down By The Riverside und Amazing Graze.

Die Interpretation der einzelnen Stücke zeugt nicht nur von einer tiefen Empfindung für das Ritual selbst, sondern sie dokumentiert, dass wir es hier zu tun haben mit erstklassigen Jazzmusikern, die sehr virtuos ihre jeweiligen Instrumente beherrschen und sehr viel mehr liefern als die Abfolge verschiedener Stücke eines Rituals. Ihnen gelingt es, die Geschichte des Jazz noch einmal ganz anders aufzuschlüsseln, nämlich als Genre hoher spiritueller Substanz.

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4 Gedanken zu „Das Ritual aus New Orleans

  1. zeilentiger

    Was für eine schöne Sache! (So etwas hätte man doch gerne bei der eigenen Bestattung.) Und klasse Musik. Ich ahne, das wird wieder eine dieser Albenempfehlungen von dir, denen ich mich schlicht und einfach nicht erwehren kann.

  2. emsemsem

    Gehört der Tod wirklich zu den ausgeprägtesten Tabus? Je öfter rmir diese These begegnet, desto mehr bezweifele ich sie. Der Tod als Ereignis scheint sogar omnipräsent zu sein, wenn man nur einmal bedenkt, wie locker er es in die Schlagzeilen schafft. Ich glaube, gerade diese jederzeitige Omnipräsenz ist es, die umfassend Respekt und Ehrfurcht ihm gegenüber abnötigt. Vielleicht ist es diese vom Tod ausgelöste Ehrfurcht, die wir als Tabu behandeltn.

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