Normative Rollen oder Potenziale?

Mit wachsender Arbeitsteilung und zunehmender interdisziplinärer Vernetzung steht das, womit sich die professionelle Organisation von Arbeit befasst, vor einer entscheidenden Neuorientierung. Klassische Organisation im Sinne einer Betrachtung von Arbeit nach Aspekten von Leistungen, die zu erbringen sind und Faktoren, die kombiniert dazu führen, hat sich als solches überlebt. Nicht, dass die immer wieder genannten Faktoren von Ressourcen, Prozessen und Rollen, die die menschliche Arbeitskraft einzunehmen hat, keine Rolle mehr spielten. Ganz im Gegenteil. Die neuen Theorien von Wertschöpfung ohne einen solchen energetischen Prozess beschreiben den Mythos, den die Postmoderne so gerne bemüht, weil er die Arbeit und die mit ihr verbundene Anstrengung gerne ausblendet. Die Apostel des Hedonismus haben es damit nicht sonderlich. Der Grund für das Ende der klassischen Organisationsbetrachtung liegt ganz einfach in der Tatsache, dass die klassische Taylorisierung von Arbeit, auf deren Grundlage die bis heute vertretene Organisationstheorie basiert, den Faktor Mensch in diesem Prozess unterschätzt und sich zu sehr auf die Beschreibung normativer Qualitäten konzentriert als sich um die vorgefundene Realität zu kümmern.

Der klassische Prozess sieht in der Regel so aus: Es wird ein Produkt oder eine Leistung beschrieben. Um dieses oder diese zu erreichen, bedarf es bestimmter Stoffe und Instrumente und eines oder mehrerer Menschen, um daraus das gewünschte Ergebnis zu formen. Die Menschen in diesem Prozess werden zu Recht als Rollen beschrieben, die eine Tätigkeit zu verrichten haben. Welche tatsächlichen Menschen letztendlich in diesen als Rollen bezeichneten Hüllen landen, ist zunächst einmal uninteressant. Was in der Regel folgt, ist die Besetzung dieser Rollen mit Menschen, die mit der normativen Beschreibung der Rolle nicht kongruent sind. Wie sie auch immer ausgewählt wurden, es ist sicher und wird in jedem Fall auch immer wieder verifiziert, dass jeder reale Mensch, der sich in diesem Prozess wieder findet, nur zu einem Teil dem Anforderungsprofil, wie das Rollenskript professionell genannt wird, entspricht. Was nicht erfasst wird und in der Versenkung verschwindet, sind seine sonstigen Fertigkeiten und Fähigkeiten. Alles, was hinsichtlich der Zweckausrichtung jetzt noch getan werden muss, ist, die so genannten Defizite gegenüber dem normativen Profil zu überwinden.

Die Betrachtung von Arbeit in der skizzierten Weise der traditionellen Organisation führt zu einer gewissen Exklusivität des Denkens in defizitären Dimensionen. Der Mensch, einzige Produktivkraft im schnöden Universum wie wir es erleben, wird beschrieben als ein Werkstück, das durchaus bereits einiges vermag, aber dennoch vieles zu lernen und sich anzueignen hat, um in dem gewünschten Prozess der Arbeit die Rolle einnehmen zu können, die ihm zugedacht ist. Er ist zu einem Objekt geworden, das seinerseits bearbeitet werden muss, damit es funktioniert.

Was klassische Organisation sehr gerne ausblendet, ist die Betrachtung der vorhandenen Potenziale. eine Arbeitsorganisation ist ein höchst interessanter Mikrokosmos, der von der Befähigung bis zur gesellschaftlichen Perspektive eine Varianz darstellt, wie man sie ansonsten sehr selten anzutreffen in der Lage ist. Und obwohl das so ist, existieren bis heute keine Kenntnisse und Daten über die tatsächlich vorhandenen Potenziale der Beschäftigten. Stattdessen ist wird mit den vorhandenen Anforderungsprofilen ein exaktes Mapping der Defizite in Bezug auf die normativen Qualitäten vorgenommen. Das Problematische dieses Sachverhaltes liegt einerseits darin, dass kaum jemandem die Absurdität auffällt. Wie kann es sein, dass der einzige Garant für die Wertschöpfung, nämlich die menschliche Arbeit, als der kritische Punkt betrachtet wird, und Stoffe oder Maschinen als zuverlässig gelten? Und wieso rebellieren nicht die Schöpferinnen und Schöpfer des Wohlstands, dass man sie betrachtet wie eine Rolle Kabel?

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12 Gedanken zu „Normative Rollen oder Potenziale?

  1. Nitya

    „Und wieso rebellieren nicht die Schöpferinnen und Schöpfer des Wohlstands, dass man sie betrachtet wie eine Rolle Kabel?“

    Ja wieso? Als ich merkte, dass man von mir verlangte, meine mir anvertrauten Menschen wie Kabelrollen zu behandeln, war mir klar, dass auch ich damit wie eine Kabelrolle behandelt werde, und ich schmiss den Kabelrollen über mir den Bettel (meine sichere Beamtenlaufbahn) vor die Füße. Seitdem genieße ich meine Selbständigkeit. Wieso habe ich rebelliert? Ich weiß es so wenig, wie ich weiß, warum so viele andere nicht rebellieren. Ich kann es nur so nehmen, wie es ist. Das Einzige, was ich weiß, ist: Es war nicht mein Verdienst. Ich konnte gar nicht anders. Kein Verdienst, keine Schuld. Es ist, wie es ist.

      1. Nitya

        Lieber Gerd,

        sag ich ja; Ich kann es nur so nehmen, wie es ist.
        Wenn es mir im Blut liegen sollte, müsste ich weiter fragen:
        WIESO liegt es mir im Blut?
        Auf diese Weise würde ich sicher bei Adam und Eva landen.
        Also sage ich: Ich weiß es nicht.

        Einen herzlichen Gruß
        Wilhelm

  2. hildegardlewi

    Ja. die Frage ist berechtigt, aber noch ist es ja nicht generell so. Es liegt jedoch wohl auch an der Selbstwerteinschätzung, denn nicht jeder fordert sich ja selbst oder will gefordert werden.
    Denn anders herum erfordert es jedenfalls Einsatz, Denken, Handeln, Verantwortung, Zusammenarbeit. In den meisten Handwerksberufen ist das so und wird wohl auch so bleiben.
    Und in der Industrie geht vielleicht mal der Schuß nach hinten los. Aber die Generationen, die anderes gewohnt sind, verschwinden ja mehr und mehr, und die übrigen mutieren langsam aber sicher auch zu Maschinen. Dann brauchen sie auch kein Hirn mehr, jedenfalls nur wenig. Eine wunderbare, verlockende Zukunftsvision – ein Glück, daß man sie nicht mehr erleben muß.

  3. entdeckeengland

    Hinzu kommt, dass jede Bildungsreform nur darauf abzielt, unsere Kinder zu Kabelrollen zu erziehen. Lieben Gruß aus dem herbstlich grauen Greenwich. Jetzt mache ich Mittagspause und hole dann den kleinen Entdecker aus der Fabrik ab. 🙂

  4. pgeofrey

    Perfekt formuliert!
    Dabei sieht man es im Sport hervorragend: Das beste „Humankapital“ nutzt nix, wenn der Spieler keine Lust oder keinen Sinn im Spiel sieht.
    Özil, als Beispiel, erfüllt aktuell nicht seine normative Rolle, was nicht zum Hinterfragen der Rolle, sondern zur Verurteilung des Menschen führt.

    Wie hieß doch dieser eine Satz? Die Würde des Menschen ist – hmm? Preisgegeben?

  5. Stefan

    „…wie eine Rolle Kabel…“Wunderbar, lieber Gerd, von Dir geschrieben. Wenn wir schon beim Fussball sind. Es sind viele talentierte Spieler über die Jahre zum HSV gekommen. Doch erst nach ihrem Wechsel zu einem anderen Verein konnten die meisten ihre Talente einbringen und machten Karriere. In Hamburg bekamen sie schnell das Attribut Flop. Anders bei den Trainern. Fast alle Trainer der letzten 10 Jahre beim HSV sind derzeit ohne Verein. Das lag u.a. an den vorhandenen Strukturen und Stimmungen, die von oben erzeugt wurden, ob jemand der individuell begabt ist, gefördert wird oder in einer negativen sich drehenden Spirale untergeht. Richtig ist, wie pgeofrey schrieb, dass vorschnell jemand der seine normative Rolle nicht erfüllt, (vor-)verurteilt und in einer Schublade abgelegt wird. Dazu kommt, wie von Peggy ebenso richtig angemerkt, ein akuter Bildungsmangel und eine mangelnde Bereitschaft alte und bekannte Denkstrukturen und Verhaltensweisen aufzubrechen. Die wenigen positiven Beispiele erhärten leider die Regel. Es gibt noch viel zu tun.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Stefan,
      Was den HSV anbetrifft, so bin ich schon lange gespannt, wie Du die Situation beschreiben wirst. Ich bin meinerseits sprach- und erklärungslos. Aus der Ferne ist das ein Phänomen ohne Deutung.
      Herzliche Grüße
      Gerd

      1. Stefan

        Lieber Gerd, was den HSV betrifft, so bin am Thema dran. Ich denke, es hat u.a. mit Tradition zu tun, dem anziehenden Charme daraus und die Aussichten, die vielen den Blick verklärt hatten. Fast könnte man von einem Paralleluniversum sprechen zwischen der blutleeren Realität und dem viel zu hohen Anspruchsdenken. Wer sich selbst zu oft belügt, blendet die Realität aus und flüchtet sich in eine Scheinwohlfühlecke, zurück in bekannte Denkschemata. Im Moment herrscht hier wieder Aufbruchstimmung. Es bleibt spannend.
        Herzliche Grüße
        Stefan

      2. Gerhard Mersmann Autor

        Lieber Stefan,
        ich bin sehr gespannt. Der Einstand des neuen Trainer lässt hoffen, obwohl Slomka ebenso im ersten Heimsieg den Eindruck vermittelte, als würde alles besser.
        Hab einen schönen Sonntag
        Gerd

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