Soziale Wüste und Eldorado dekadenter Libertinage

George Packer. Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika

Ein wachsendes Unbehagen hat die Welt ereilt. Es betrifft die Entwicklung der USA seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Hatte ein Präsident Bill Clinton nach dem Crash der klassischen Ost-West-Konfrontation noch versucht, die übrig gebliebene Supermacht von ihrem Wertesystem her zu modernisieren, so waren aus der Gesellschaft heraus selbst eigenartige Reflexe erfolgt, die vielleicht als Antwort auf so manches überzogene Ansinnen aus der political correcness erschienen, mit der Wahl George W. Bushs zum Präsidenten allerdings ein Signal setzte, das Hilflosigkeit dokumentierte und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben suchte. Es wurde eine Fraktion der amerikanischen Elite ermächtigt, eine Tendenz zu vollenden, die Millionen von US-Bürgerinnen und -Bürger desillusionierte und das Land in eine tiefe Depression versetzte. Auch der Versuch, dieser Entwicklung mit der Wahl Präsident Obamas ein Ende zu bereiten, stellte sich als zu spät heraus.

Der US-amerikanische Journalist George Packer hat nun eine Arbeit vorgelegt, die verschiedene Stränge der jüngsten Entwicklung anhand biographischer Verläufe nachverfolgt und so einem Bild Kontur verliehen, das ansonsten vielleicht nicht so hätte gelingen können. Unter dem deutschen Titel Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika legt Packer das Ergebnis seiner Recherchen vor. Es sind die Geschichten bestimmter Individuen und Orte, die zunächst harmlos beginnen und erst im Verlauf darauf deuten, was in den USA der letzten Jahrzehnte unwiederbringlich zerstört wurde. Es geht um einen Energieinnovativen in der Provinz namens Dean Price, es geht um den Konservativ-Ideologen der Republikaner Newt Gingrich, es geht um den im Glauben an die demokratischen Tugenden beginnenden Jungfunktionär, es geht um den WalMart-König Sam Walton und um die schwarze Fabrikarbeiterin Tammy und den Herrscher über die Institutionen Robert Rubin. Und es geht um die Region Tampa, in der die Immobilienblase platzte und das Mekka des unvorstellbaren Reichtums, Silicon Valley, und die aus ihm hervorgegangene Figur Peter Thiel.

Die Geschichten dieser Personen und Orte zeigen etwas, das den alten Traum Amerikas endgültig zerstört hat. Es geht um das Auseinanderklaffen der Gesellschaft in den Teil, der Existenz wie Hoffnung endgültig verloren hat und den Teil, der in der Entkoppelung der Wall Street von jeglicher nationaler Verantwortung ins Elysium astronomischen Reichtums geglitten ist. Die politischen Institutionen waren bereits derartig von den plutokratischen Lobbys unterwandert, dass es kein Halten mehr gab. Anhand der Geschichten des herzbrechenden Scheiterns auf der einen Seite und der von jeglicher Leistung abgekoppelten Bereicherung auf der anderen Seite wird deutlich, dass sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu einer sozialen Wüste für die einen und einem Eldorado der dekadenten Libertinage für die anderen entwickelt hat. Alle Versuche, die vermeintlich einzig übrig gebliebene Hegemonialmacht von innen heraus zu reformieren, mussten aufgrund der Haltlosigkeit und grenzenlosen Verkommenheit der Gewinner dieser Abwicklung scheitern. Was Packer anhand der Geschichten gar nicht mehr erzählen musste, liegt auf der Hand. Eine Veränderung zum Guten ist ohne radikale soziale und politische Ansätze nicht mehr möglich, der einstige gesellschaftliche Konsens wurde geschreddert wie eine überflüssige Verpackung.

Die Lektüre dieses unter die Haut gehenden Buches ist unbedingt zu empfehlen. Und es reicht nicht, erleichtert den überheblichen Blick über den Atlantik zu schicken, ohne sich sehr sorgfältig darüber Gedanken zu machen, was von diesem Geist der Abwicklung einer Gesellschaft bereits in Europa angekommen ist. Ein nahe liegender schluß wäre, endlich einmal von Amerika zu lernen. Das heißt auch zu wissen, wie es auf keinen Fall kommen soll.

Advertisements

6 Gedanken zu „Soziale Wüste und Eldorado dekadenter Libertinage

  1. Silvia Springorum

    Aus Fehlern lernen-
    und nicht nur aus den eigenen, ist eine Kunst, die lange geübt werden muss.
    Ich hoffe, die Verantwortlichen haben Übung in dieser Kunst! Allerdings – wenn ich mir allein die Lage auf Bundes- Ebene anschaue – und ich schiele da z.B. auf die Kultushoheit der Bundesländer – dann habe ich wenig Hoffnung, dass Fehler nicht wieder und wieder reproduziert werden. Denn:
    Einen Fehler, den man immer wieder macht, beherrscht man nachher perfekt.

    In der Hoffnung, dass es international anders laufen wird….
    Bin gespannt auf das Buch und danke für deine gute Empfehlung!

    Schönen Feiertag wünscht dir
    Silvia

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Silvia,
      Ich gebe dir Recht. Das Lernen aus Fehlern ist ein entscheidendes Qualitätsmerkmal zivilisatorischer Entwicklung. Das betrifft Individuen genauso wie Gesellschaften. Mit der Kultushoheit machst du allerdings ein Fass auf, über das ich an einem sonnigen Samstag erst gar nicht nachdenken möchte.
      Genieß die Sonne!
      Gerd

  2. vfalle

    Auch ich kann das Buch bisher nur empfehlen. (Habe bisher die Hälfte gelesen.) Mir gefällt, wie Packer schreibt, ohne Panik zu verbreiten. Dennoch macht er deutlich, wie sich die Dinge für die Menschen (seine Protagonisten) unwiederbringlich verändert haben.

    Ich habe aber wie Silvia den Eindruck, dass diejenigen, die an den Hebeln der politischen Macht sitzen, länger brauchen um Veränderungen zu erkennen, als die Menschen an der Basis. Während die Basis der Gesellschaft sich vom bisherigen Besitzstandsdenken nach und nach verabschiedet, glauben andere Menschen immer noch fest daran, dass das Wachstum ununterbrochen weiter gehen muss.

    Mit unbegrenztem (exponentiellem) Wachstum ist das allerdings so eine Sache. Mathematisch lässt sich das zwar berechnen. Doch auch das Wachstum von Mikroorganismen kann nur theoretisch exponentiell angenähert werden, denn es gibt einige hemmende Faktoren. Auch Schneeballsysteme in der Finanzwirtschaft wachsen nur bis zu einem bestimmten Punkt exponentiell.

    Unsere Gesellschaft nähert sich demnach Systemgrenzen. Das tröstliche daran ist: Auch in der Vergangenheit waren Menschen in der Lage, gewaltige Veränderungen zu überstehen.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber vfalle,
      Wer immer nur an einer Wahrheit oder Philosophie hängt, der ist irgendwann historisch erledigt. So ist das auch mit den Wachstumsapologeten. Und weiter geht es immer, nur wie ist die Frage!
      So long
      Gerd

  3. Stefan

    Über das Buch und den Autor habe ich bereits gelesen. Der Kunstgriff einzelne Schicksale in den Vordergrund zu rücken, um über ein Land zu schreiben, hat in der Literatur eine lange Tradition. Diese Collagentechnik gefällt mir, wenn sie gekonnt umgesetzt wird. Und vermutlich stellt dieses Buch eine der essentiellen Fragen: in was für einer Welt wollen wir leben? Und das sich ergänzt sich vorzüglich mit Deiner vorherigen Artikelserie. Einzelne Schlaglichter sagen meistens mehr über den Gesamtzustand eines Landes aus, als mancher sich daran bereits abgearbeiteter Artikel. Mit dem Lernen hast du vollkommen Recht. Ich bin ebenso gespannt auf das Buch. Danke Gerd, für die Empfehlung.
    Hab‘ einen schönen Abend
    Stefan

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Stefan,
      zum Abschluss eines jeden Kapitels versucht Packer es ein bisschen wie Dos Passos, was allerdings gezwungen wirkt. Einzelschicksal sind, wie du so richtig schreibst, das alles entscheidende, auch wenn sie nicht immer die Tendenz beschreiben. Das menschlich Konkrete ist das Einzige, was in der Politik interessieren muss. Wer das nicht auf dem Schirm hat, der ist seinerseits eine verlorene Seele.
      Dir ein schönes Wochenende
      Gerd

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.