Spaltung am Tag der Einheit

Vor einem Vierteljahrhundert war eine Situation eingetreten, die der viel zitierte Lenin mit einem wunderbaren Wort seinerseits hätte hinterlegen können: Eine revolutionäre Situation entsteht dann, wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können. So einfach kann das sein. Ganz so einfach war es aber nicht. Sicher ist, dass die Bevölkerung der damaligen DDR so nicht mehr weiter leben wollte. Und sicher ist auch, dass die dort herrschende Parteibürokratie in der bewährten Weise nicht mehr weiter regieren konnte. Das Geflecht, in dem diese revolutionäre Situation entstanden war, beinhaltete allerdings Faktoren wie die beiden Supermächte USA und vor allen Dingen die UdSSR. Letztere hätte den Zusammenbruch der DDR durchaus militärisch verhindern können. Und es ist ebenso sicher, dass die andere Supermacht deshalb keinen neuen Krieg vom Zaun gebrochen hätte. Die UdSSR standen allerdings selbst vor massiven inneren Problemen und die politische Maxime Michail Gorbatschows, Glastnost und Perestroiika, heute das Motiv eines jeden Change-Prozesses, trug dazu bei, dass unter bestimmten Zusicherungen die UdSSR ihr eisernes Veto nicht abriefen. Die Zusicherungen seitens des Westens und des neuen Deutschlands bezogen sich auf Neutralitätsgarantien im mittel- und osteuropäischen Raum.

Diejenigen, die von der Öffnung am meisten profitiert haben, eine junge Elite am Rande der damaligen ostdeutschen Nomenklatura, hat es seither weit gebracht. Heute stehen mit der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten genau die Profiteure dieser Friedens- und Gewährungsgeste in den zentralen Positionen der politischen Macht. Was beiden anlässlich der Feiern zu dem Vierteljahrhundert von sich gaben, deutet von einer Ignoranz und einem Zynismus, der erschüttert. In ihren Reden wurden keine Bezüge zu der historischen Konstellation hergestellt und es reduzierte sich alles auf den mit brennenden Kerzen vorgetragenen Widerstand dieser Tage. Das trifft einen Teil, der nicht geschmälert werden soll, aber es ist der kleinere. Und das mit Absicht.

Seit der Jahrtausendwende folgte die Bundesrepublik der aggressiven Politik George W. Bushs, die eine gezielte und planmäßige Osterweiterung der NATO zum Ziel hatte. Bislang sind es neun Staaten im ehemaligen Sicherheitsgürtel der UdSSR, die als Mitglieder aufgenommen wurden. Mit der Ukraine geht es nun um den zehnten Staat, dessen Ostteile historisch eng mit Russland verwoben sind. In diese Richtung gingen dann auch die Formulierungen Angela Merkels, die die Lehren aus dem Erfolg der Wiedervereinigung dahin gehend formulierte, dass man wehrhaft und entschlossen bleiben müsse. Das ist starker Tobak, sagt es doch aus, dass die Lehre aus der Vereinigung die Härte gegen die damaligen Befähiger sein müsse. Politisch ist das absurd, propagandistisch passt es zu dem Höllenritt, der in voller Vorbereitung ist.

Zeitgleich berichteten die Medien, dass die gegenwärtige Verteidigungsministerin bereits den Einsatz einer Bundeswehrtruppe mit Drohnenbesteck zur Überwachung der Friedensvereinbarung in der Ostukraine plane. Angefragt hat niemand, aber das scheint die trunkene Vorstellung von Proaktivität auch nicht zu erfordern. Gleichzeitig will der CSU-Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen LKW-Konvoi mit Hilfsgütern in die Ostukraine schicken, dieses wiederum ohne Absprache mit dem eigenen Auswärtigen Amt und anderen internationalen Akteuren. Wer als Kanzlerin so mit dem Ölkännchen an den Feuerstellen spazieren geht, darf sich nicht wundern, dass die hauseigenen Hasardeure aus ihren dunklen Löchern geschossen kommen und sich an dem Feuerwerk beteiligen wollen. Es sind wahre Lehrstunden, die anlässlich des Festes der Deutschen abgehalten wurden. Wieder nichts gelernt, könnte man sagen. Mit dieser Haltung wird die europäische Spaltung militant voran getrieben und die Politik diskreditiert, die zu den Erfolgen der Verständigung geführt hat.

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10 Gedanken zu „Spaltung am Tag der Einheit

  1. eckisoap

    guten morgen an dich! 🙂
    ich habe mir bewußt auch die reden zum einheitstag nicht angetan. sollte ich vielleicht doch? dann aber erst morgen. sonst ist mein schöner sonntag dahin.
    mir stößt es immer bitter auf, wenn ich diese reden höre (die von ihr und auch die von ihm). sind sie doch original vorgetragene zwölfte-klasse-aufsätze in DHM oder staatsbürgerkunde „sehr gut mit auszeichnung, bitte setzen!“
    natürlich erfolgt immer ein austausch der einzelnen worte dabei.

    dein text bringt mich auf den punkt. läßt mich meine unklaren gedanken klarer denken. dafür danke! und einen schönen sonntag!
    ecki

  2. Sven Meier

    Moin,
    es würde mich freuen, wirklich, wenn ich dir widersprechen könnte. Kann ich aber nicht, oder anders rum: ich stimme dir zu.
    M. E., und ich weiß, viele sehen es auch so, haben so manche Handlungsweisen des Westens etwas provokantes an sich – auch wenn sie noch so gut gemeint sein mögen. Vorsichtig ausgedrückt. Wie verwundert darf man dann über das Verhalten der Sowjetunion sein? Vorsichtig gefragt.
    Viele Grüße!

  3. Stefan

    Als Putin, während seiner ersten Präsidentschaft, 2001, im Bundestag eine Rede in deutscher Sprache hielt, schlug er u.a. eine Freihandelszone zwischen der EU und Russland vor und bekam von allen Seiten Applaus. Zustanden gekommen ist ein solcher Vertrag bis heute nicht. Ein mehr als bedauerlicher und historischer Fehler.
    Als Kohl 1990 mit einer Delegation in Moskau war, ging es neben den Neutralitätsgarantien hauptsächlich um die Frage: wie viel ist Deutschland die Einheit wert? Die damalige UdSSR war in verschiedenen Bereichen marode und brauchte dringend finanzielle Unterstützung für die nötigen Reformen. Es war ein strategisches Abnicken der Einheit seitens Gorbatschows. Denn ein „Weiter so“ hätte nicht nur in der DDR, auch in Osteuropa, unabsehbare Folgen gehabt.
    Was den Einheitstag betrifft, so hätte ich mir mal wieder etwas Demut und Dankbarkeit in den Reden gewünscht. Wo wären z.B. unsere beiden Spitzen heute, ohne die Ostpolitik von Willy Brandt? O tempora, o mores.
    Genieße den Sonntäglichen Herbst, lieber Gerd.
    Stefan

    1. gerhard

      Danke an Deine Erinnerung an den großen Willy Brandt. Seine damals viel geschmähte Ostpolitik kann im Nachgang gar nicht hoch genug loben. Viele Grüße, Gerhard

      1. Stefan

        Herzlichen Dank Gerhard und Hildegard.
        Wenn man bedenkt gegen welche Widerstände Brandt damals zu kämpfen hatte, kommt seiner damaligen Politik auch aus heutiger Sicht eine historische Bedeutung zu. Und seine Rede, worin er „Mehr Demokratie wagen“ forderte, jährt sich in diesem Monat zum 45. Mal.
        Habt einen schönen Sonntag
        Stefan

  4. hildegardlewi

    Danke lieber Gerd, Danke lieber Stefan. Deine Frage, lieber Stefan,
    kann man auch anders herum stellen. Wo wären wir z.B. heute, ohne unsere beiden Spitzen? 🙂

  5. pgeofrey

    Ähnlich, wie Helmut Kohl, wird A. Merkel sozial und außenpolitisch einen Trümmerhaufen hinterlassen. Sie war als Umweltministerin unter Kohl nicht mehr, als eine leicht lenkbare Marionette und agiert auch jetzt mehr, wie eine Verwalterin des Unheils, als eine Gestalterin der Zukunft.
    Ich habe nie verstanden, wie man sie wählen konnte, wieder wählen konnte und samt ihrem Kabinett schätzen kann.
    Wer Kinder in Schulen hat, Kranke im Krankenhaus, Straßen regelmäßig nutzt, Steuern nach Vorschrift abführt, Alte betreut, reguläre Arbeitsverhältnisse und Chancengleichheit noch kennt, weiß wie faul der Apfel im Kerngehäuse ist, auch, wenn die Schale glänzt.

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